«der arbeitsmarkt» 06/2011

«Wir wollen alle in die Schweiz, und du kommst zurück»

Er hätte es sich einfach machen können. Als Architekt arbeitete Bujar Nrecaj in einem renommierten Schweizer Architekturbüro. Doch er wollte 2008 nach 17 Jahren zurück in seine Heimat. Um Kindern zu besseren Chancen zu verhelfen, installiert er im Kosovo Bibliotheken auf Schulhöfen. 7 sind eröffnet. 859 will er noch bauen.

Herzlich willkommen im Kosovo.» Der Händedruck des grossgewachsenen Mannes ist kräftig. Seine Erscheinung ist südländisch, sein Dialekt gehört in die Ostschweiz. Bujar Nrecaj führt zu einem Wohnblock mitten in Pristina, der kosovarischen Hauptstadt. Seine adrette Kleidung will nicht zur Fassade des Hauses passen. Der Hausflur ist dunkel und wirkt etwas heruntergekommen. Der Aufstieg zum Architekturbüro ringt körperliche Anstrengung ab. In der geschäftlich genutzten Wohnung eröffnet sich eine andere Welt. Drei Architekten und ein Bauingenieur sitzen in einem Zimmer konzentriert an ihren Computern. Bujar Nrecaj bittet in sein Büro. Vor drei Jahren ist er in den Kosovo gekommen, hat zuerst mit Partnern zusammengearbeitet. Dann hat er seine eigene Firma gegründet. Die Büchergestelle sind voller Fachliteratur. An der Wand hängen computer-generierte Bilder von Bauten. Das Kartonmodell eines Hotelkomplexes lässt ein grosses Bauprojekt erahnen. Ein Schweizer will im Kosovo investieren. Doch das wichtigste Projekt des 32-jährigen Architekten ist durch Entwicklungsgelder finanziert: Bujar Nrecaj nimmt ein weiss gestrichenes Holzmodell vom Büchergestell, einen Kubus mit Flächen, Öffnungen, kreuz und quer verleimten Plättchen. «Damit bin ich zum kosovarischen Bildungsministerium und von Botschaft zu Botschaft gegangen, um meine Idee zu präsentieren. Manche Leute meinten, ich hätte einen Taubenkäfig gebaut.» Bujar Nrecaj lacht bei dieser Erinnerung. Er hatte Grösseres vor. Er wollte in den tristen kosovarischen Schulhöfen Bibliotheken bauen, für Schulkinder, damit diese lesen, sich ihnen eine neue Welt erschliesst, womit die Neugierde geweckt wird, in allen Gemeinden, im ganzen jungen Land. Doch er wurde abgewimmelt, auf einen späteren Termin vertröstet, nicht zu den Entscheidungsträgern vorgelassen, zwei Monate lang. Im Herbst 2008 erhielt er schliesslich eine Viertelstunde in der norwegischen Botschaft und warb einmal mehr für seine Vision. «Das ist eine hervorragende Idee, Sie haben unsere Unterstützung, eventuell im Januar 2009», so das Fazit des Botschafters nach dem kurzen Besuch. «Ich dachte, er wolle mich loswerden. Doch im Januar wurde der benötigte Betrag überwiesen», erzählt Bujar Nrecaj. Am 5. Mai 2009 wurde die erste Bunateka eröffnet. Überzeugt von der Realisation der ersten Bunateka, sagte der norwegische Botschafter an der Eröffnungsrede, dass er den Bau von zwei weiteren Bunateka unterstütze.

18 000 Franken für eine Bibliothek
«Die Kinder sollen Lesen als etwas Positives erleben und nicht als Zwang verstehen. Es soll ihnen Spass machen. Die Bunateka ist wie ein Regal, das gleichzeitig den Raum bildet. Dort werden die Bücher aufgestellt. Das Regal wird zum Fenster mit dem Bezug zur Umgebung, zur Weite. Die Bibliothek als auch die Bücher sollen von allen Seiten sichtbar sein, entfernt von der Schule mit den monotonen Räumen, einer grauen Welt, in denen die Lehrer autoritär unterrichten, aber oft nicht viel mehr wissen als ihre Schüler. In der Bunateka sollen die Kinder eintauchen in eine neue Welt.» Symbole haben Bujar Nrecaj inspiriert. «Wie der Brunnen im Hof eines Hauses das Leben symbolisiert, nimmt die Bunateka diese Position im Schulhof ein. Sie ist die Quelle des Wissens. Eine Schule ohne Bibliothek macht keinen Sinn. Der Name Bunateka entstand durch das Wortspiel burim für Quelle, bunar für Brunnen und biblioteka für Bibliothek.» Ausgesucht von Bujar Nrecaj sowie einer Buchhandlung in Pristina, stehen 600 bis 800 Bücher in einer Bunateka: Literaturwerke, Enzyklopädien, Sachbücher über Kunst, Natur, Musik, Technologie und Sport. «Hier sollen alle ein Buch für sich finden können», erklärt der Architekt seine Vision. 3500 Euro budgetiert er für die Bücher. 14 500 Euro sind für das heimische Tannenholz, die Fenster aus Glas und die Bauarbeiten kalkuliert. «Während meiner ersten fünf Jahre Primarschule im Kosovo hatten wir gar keine Bücher. Doch Bücher beflügeln die Fantasie. Es ist wichtig, dass mit Büchern und Lesen Kindheitserinnerungen gestaltet werden, denn diese begleiten einen durch das ganze Leben. Ich denke, dass man durch Lesen auch das kritische Denken entwickelt, was für die kosovarische Gesellschaft sehr wichtig ist. Das ist eine Chance für eine neue Entwicklung im Land.» Bujar Nrecaj denkt in grossen Dimensionen.

Bildungspolitik im Umbruch
Inzwischen sind sieben Bunateka gebaut, die letzte wurde im Februar dieses Jahres eingeweiht. Drei hat die Schweizer Botschaft im Kosovo zusammen mit der norwegischen Botschaft finanziert. Auch andere Partner und Spender beteiligen sich am Bau. Für 50 weitere will der norwegische Staat aufkommen. Das jedenfalls ist das Ziel des Botschafters. Bujar Nrecaj ist gedanklich viele Schritte weiter: 866 Bunateka möchte er bauen, in jeder Primarschule im ländlichen Gebiet des Kosovo, unabhängig davon, welcher Volksgruppe die Schülerinnen und Schüler angehören. 90 Prozent der Primarschulen sind in ruralen Gebieten. Über ein Netzwerk sollen die Bunateka künftig miteinander in Verbindung stehen und Wettbewerbe untereinander organisieren, wer mehr gelesen hat. An Workshops werden ausgewählte Themen behandelt. Autorenlesungen animieren, sich mit der Literatur auseinanderzusetzen. «Meine Mission ist noch nicht fertig.»

Sehnsucht nach der Heimat
Die Geschichte von Bujar Nrecaj verlief wie die seines Landes nicht gradlinig. Nach dem Tod von Tito 1980 verlor die Provinz Kosovo im damaligen Jugoslawien mehr und mehr der früheren Autonomierechte. Der 1988 an die Macht gekommene Präsident der Teilrepublik Serbien, Slobodan Milosevic, schürte Ende der 1980er-Jahre die Repression im Süden seines Landes. Albanische Schulen wurden geschlossen und albanischsprachige Amtsträger durch Serben ersetzt. Gerüchte über Vergiftungen an albanischen Schulen machten die Runde und schürten Ängste. «Mein Vater arbeitete damals als Gastarbeiter in der Schweiz. Mit dem Bus kam ich im Alter von 12 Jahren mit meiner Mutter, meinem Bruder und zwei Schwestern in Weinfelden an, am 24. März 1991 um 13.30 Uhr. Das war eine schwierige Zeit.» Es blieb eine schwierige Zeit. Sprachprobleme, Pubertät, Identitätskrise, Schulprobleme. «Ich habe immer die Verbindung in den Kosovo gesucht und mich zwischen zwei Welten gefühlt», erzählt Bujar Nrecaj. Sein Vater wollte, dass er Zahntechniker wird. Sein Onkel sah ihn eher als Informatiker. Doch sein Wunsch war, Architekt zu werden. Unterstützt von seinem Lehrer, fand er nach der Realschule eine Lehrstelle als Hochbauzeichner in Rorschach. Sein Bezug zum Kosovo blieb bestehen. «Ich habe meine Heimat vermisst und das in der Schule und in meinem Freundeskreis immer wieder thematisiert. Ich habe Bücher von albanischen Poeten gelesen, habe Konzerte besucht, oftmals ein Gedicht über albanische Auswanderer vorgetragen.»
Nach der Berufslehre absolvierte Bujar Nrecaj die Berufsmatura und studierte an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur Architektur. Er fand in einem renommierten Architekturbüro eine Stelle. Und er dachte immer an seine Heimat, die er mindestens einmal pro Jahr besucht hatte. «Während der 17 Jahre in der Schweiz habe ich mich zwar integriert, mich aber nie zu Hause gefühlt. Vom Lebensstil her war ich Schweizer. Aber ich fühlte mich nicht dazugehörig.» Im Februar 2008 zeichnete sich immer mehr ab, dass der Kosovo die Unabhängigkeit erklärt und sich endgültig von Serbien-Montenegro löst. «Das beschäftigte mich innerlich sehr. Ich wollte bei diesem Prozess dabei sein, hatte aber eigentlich aufgrund der vielen Arbeit im Büro keine Zeit. Nur eine Kollegin aus Deutschland hatte Verständnis für meine Lage. Sie bereut noch heute, dass sie damals den Mauerfall in Berlin nicht selber miterlebt hat.» Sie spornte ihn an: «Bujar, geh.» Er ist mit Swiss geflogen. Am Samstag, 16. Februar, landete er um 9.30 Uhr in Pristina. «Ich bin so glücklich, richtig entschieden zu haben, denn die Unabhängigkeit wurde am Sonntag, 17. Februar 2008, um 15.45 Uhr erklärt. Da waren so viele Emotionen. Überall wurden festliche Lieder angestimmt. Alle haben getanzt. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele glückliche Gesichter an einem Ort gesehen. Das war einer meiner schönsten Tage überhaupt.» Zurück in der Schweiz, zwei Wochen später, eröffnete er seinem Arbeitgeber, der Familie, seinen Freunden seinen Entscheid – und erntete überall Unverständnis. Am Donnerstag, 3. April 2008, landete er wieder in Pristina. Ohne Rückflugticket. «Die Rückkehr war gefühlsmässig heftiger, als ich mir das vorgestellt hatte. Zwar wusste ich von den Stromausfällen, der Wasserknappheit, der anderen Denkweise der Menschen, der Oberflächlichkeit und den unüberlegten Entscheiden. Doch ich erlebte die grossen Kontraste hautnah. Ich bestellte im Internet meine Lebensmittel, die mir umgehend vor die Türe gebracht wurden, und daneben suchte eine Frau in einem Container nach Essbarem.»
Bujar Nrecaj zog für zwei Monate zu seinen Grosseltern im Süden des Kosovo und richtete in einem kleinen Zimmer sein Büro ein. Dort ist auch sein Modell für die Bunateka entstanden. In der Hauptstadt Pristina mietete er sich eine Wohnung und Räumlichkeiten für sein Architekturbüro. «Ich dachte, ich hätte sofort Erfolg.» Er brauchte dafür drei Jahre.

Fehlende Perspektiven
«Ich habe meine Rückkehr in den Kosovo nie bereut, auch wenn meine Familie diesen Schritt lange nicht verstanden hat», sagt Bujar Nrecaj mit bestimmter Stimme. Er sitzt am Steuer seines koreanischen Geländewagens und fährt aus Pristina Richtung Westen, um eine seiner Bunateka im zwei Autostunden entfernten Dorf nahe der albanischen Grenze zu zeigen. Überall stehen Baukräne, entstehen breitere Strassen, werden ganze Wohnquartiere in die Höhe gezogen. Einige Investoren wollen ganz hoch hinaus, was zumindest die Bilder auf den Plakaten versprechen. Ein Land im Umbruch auf der Suche nach einer neuen Identität – und mit grossen Problemen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 30 Prozent, die Wirtschaft kommt nicht in Schwung, Komfort und Luxus werden geliehen und mit exorbitanten Zinsen zurückbezahlt. Industrie ist im Kosovo kaum angesiedelt. Die Umweltverschmutzung ist riesig. Die Perspektiven fehlen. Es scheint, als hätten die ruhmreichen Freiheitskämpfer zwar ihren Sieg errungen, wissen jedoch als immer noch glorifizierte Politiker nicht, was sie mit der gewonnenen Freiheit anfangen sollen.
Bujar Nrecaj ist nicht in eine vertraute Heimat zurückgekehrt. «Kosova hat sich sehr verändert. Heute zählt nur noch Business. Das ist sehr schade. Wir hatten eine schöne und reiche Kultur. Viel davon ist zerstört worden. Die Menschen sind nicht mehr so freundlich. Und obwohl das kosovarische Volk als optimistisch eingeschätzt wird, habe ich davon nicht viel gemerkt. Die Leute müssen selbstbewusster werden und eine eigene Meinung haben.» Zwar sei nach dem Kosovokonflikt unter der Verwaltung unterschiedlicher Missionen sehr viel Geld in den Kosovo geflossen, aber in die falschen Projekte und damit nicht nachhaltig. Auch den Politikern gibt er keine guten Noten. Viele seien nur darum bemüht, wahlwirksam von einem Plakat zu lächeln und ein schönes Auto zu fahren, machten sich aber keine Gedanken darüber, was dem Land langfristig hilft. Die Korruption sei weit verbreitet, vieles läuft über Beziehungen, die Bürokratie sei katastrophal. «In der Schweiz habe ich immer den albanischen Patriotismus und die Liebe zum Land bewundert. Hier sehe ich, dass sich viele gar nicht für das Volk einsetzen, sondern sich nur um den eigenen Profit kümmern. Es fehlt an nachhaltigen Ideen. Die Leute sollen aus dem Ausland zurückkommen, um ihr Land aufzubauen.» Traurig stimmt Bujar Nrecaj vor allem, dass die noch vorhandene Aufbruchstimmung und die damit verbundenen Chancen verloren gehen. «Dann wird jeder nur noch für sich schauen.» Trotzdem gesteht Bujar Nrecaj seinem Land viele Möglichkeiten zu. «Es gibt noch viel zu tun. Kosova bietet in vielen Bereichen einen grossen Raum für neue Ideen und Investitionen. Landwirtschaft und Tourismus haben auch grosses Potenzial.» – Sein Mobiltelefon klingelt. Der Schuldirektor will wissen, wann er mit dem Besuch in seiner Bunateka rechnen darf. Die verschneiten Berge, welche die Grenze zu Albanien bilden, steigen schroff aus der Ebene hervor. Die Natur erwacht nach einem kalten Winter. In den Dörfern herrscht emsiges Treiben. An einem Ort neben der Hauptstrasse stehen noch Gerippe aus Stahlbeton, dazwischen geborstene Ziegelsteine, Schutthaufen, schwarze Wände, Überbleibsel des Krieges von 1999, Ruinen, für die sich niemand zuständig fühlt.
«Wir haben viele junge Leute, die sehr kreativ sind», fährt Bujar Nrecaj fort. «Wir sind das jüngste Volk in Europa. Jedes Jahr drängen 40 000 Menschen in den Arbeitsmarkt. Es ist eine enorme Energie vorhanden. Nur wenn neue Kräfte kommen und diesen von der Politik auch der notwendige Raum gegeben wird, haben wir eine Zukunft. Kosovo kann die ‹Perle des Balkans› werden. Sehr viele Menschen aus dem Kosovo leben heute in ganz Europa, haben sich entwickelt und viel erreicht. Sehr viele Länder und Organisationen sind im Kosovo vertreten. Diese Beziehungen müssen wir nutzen. Jetzt.» Bereits heute zieht Bujar Nrecaj für sich eine positive Bilanz. «Ich habe diesen Schritt nie bereut, obwohl die Leute hier zu mir sagten: ‹Wir wollen alle in die Schweiz, und du kommst zurück.›»

Ein wertvolles Geschenk
Eine mit Löchern gespickte Naturstrasse führt zum Schulhaus etwas ausserhalb des Dorfes. Einige Kinder spielen auf dem Sportplatz noch Fussball, die meisten sind zu Hause. Das Dorf liegt bereits im Schatten der Berge. Nur der Direktor mit weissem Hemd und Anzug wartet geduldig, grüsst herzlich, weist in Richtung des Holzquaders neben seinem Schulhaus inmitten von vier Föhren und beginnt gleich zu erzählen. 500 Schüler im Alter von 5 bis 16 Jahren besuchen seine Schule. Und er ist sichtlich stolz, dass gerade seine Institution mit einer Bunateka bedacht worden ist, der fünften. «Wir hatten zwar früher eine Bibliothek, doch diese ist im Krieg verbrannt.» Bujar Nrecaj steht im lichtdurchfluteten Kubus mit Flächen, Öffnungen, kreuz und quer verleimten Holzlatten. Genau wie sein Modell, nur viel grösser. Im Regal stehen all die Bücher und ein Bild von der Eröffnungszeremonie – mit dem Architekten, dem Botschafter und dem Schuldirektor. «Dieses Geschenk der Bunateka wird von Generation zu Generation geehrt werden», sagt der Schuldirektor. Er holt eine Flasche Schnaps aus seinem Büro, giesst grosszügig ein und lächelt verschmitzt.

Wie er die weiteren 800 Bunateka finanzieren will, weiss Bujar Nrecaj noch nicht. Er wird sich weiter für seine Idee stark machen, Geldgeber suchen, sie vom Sinn des Lesens überzeugen. Neben seinen Architekturprojekten wie privaten Residenzen, dem Hotel und weiteren kleineren Aufträgen hat er bereits ein weiteres Grossprojekt aufgegleist: Kleinkläranlagen. Bisher fliessen praktisch alle Abwässer im Kosovo ungefiltert in Gruben, Bäche und Flüsse. Bujar Nrecaj will im Kosovo die Generalvertretung für ein hocheffizientes, aber trotzdem einfaches Reinigungssystem einer deutschen Firma übernehmen, das dezentral einsetzbar ist. 90 Prozent der Haushalte im Kosovo fördern das Wasser über einen eigenen Brunnen. So nimmt ein in Winterthur ausgebildeter Architekt wohl bald Einfluss auf die Grundwasserqualität im Kosovo. Doch das ist eine andere Geschichte.

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