«der arbeitsmarkt» 06/2007

«Wir nutzen das Potenzial nicht aus»

Guglielmo Brentel, Präsident von Hotelleriesuisse, über mangelnde Vermarktung, Klimaveränderung und politische Grenzen.

Herr Brentel, Bundesrat Blocher hat die Reduktion der Bundesförderung für Schweiz Tourismus auf einen Franken verlangt. Sie haben ihn kürzlich in einem Interview scharf kritisiert. Haben Sie ein Problem mit Herrn Blocher?
Guglielmo Brentel: Ich habe überhaupt kein Problem mit ihm. Was ich kritisiere, ist, dass er diese Aussage wohl machte, ohne sich mit dem Thema fundiert auseinandergesetzt zu haben. Es ist nämlich keine Subvention, was der Bund an Schweiz Tourismus zahlt, sondern eine echte Investition, welche volkswirtschaftliche Wertschöpfung weit über den Tourismus hinaus bewirkt.

Vor zwei Jahren wurde noch propagiert, die Schweizer Hotellerie stecke in einer strukturellen Krise. Kürzlich erschienen die Zahlen für 2006, die sehr erfreulich sind. Zermatt etwa verzeichnete noch nie so viele Übernachtungen wie letztes Jahr. Ist die Hotellerie über den Berg?
Nein. Fakt ist, dass wir gesamtschweizerisch noch immer nicht die Zahlen von 1990 erreichen konnten. Wenn man die Wirtschaftlichkeit betrachten würde, sähe es womöglich anders aus, aber dazu habe ich keine Daten. 2001 waren wir mit drei Jahrhundert-ereignissen konfrontiert: 9/11, Sars und dem Grounding der Swiss-air. Von diesen Rückschlägen haben wir uns langsam erholt. 2006 kamen zusätzlich verschiedene positive Faktoren zusammen: Der tiefe Franken kaschiert ein wenig die immensen Kosten, die die Hoteliers tragen müssen, und der ganzen Welt geht es konjunkturell mehr oder weniger gut. Das heisst, das gute letzte Jahresergebnis ist auf die Konjunktur zurückzuführen, nicht auf die Strukturen des Schweizer Tourismus. Es stimmt, es geht uns besser, aber wir nutzen das Wachstumspotenzial nicht aus.

Das heisst also, die Branche selbst hat nichts zu diesem Aufschwung beigetragen?
Doch. Vor allem die Stadthotellerie hat sich enorm entwickelt. In Zürich wurde in den Jahren 2000 bis 2002 dreissig Prozent mehr Hotelkapazität geschaffen. Die grossen Hotelketten haben Zürich als Standort ausgewählt. Auch in Basel ist viel passiert, es kamen neue Airlines wie EasyJet, was ein wichtiger Grund für den dortigen Aufschwung ist. In Genf und Bern gab es ebenfalls neue Hotels. Die Hotellerie hat in den Städten gebaut, und zwar offensichtlich rentabel, das heisst, das Angebot hat zugenommen. In den Ferienregionen ist leider weniger passiert. Vereinzelt sind «Leuchttürme» entstanden, «Mäzenatenhotels», bei denen nicht unbedingt wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund standen, die jedoch sehr wertvoll für das Image der Schweiz sind.

Alles in allem sind jedoch mehr Hotels verschwunden, als eröffnet wurden.

Die Gästestruktur in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren markant verändert, Russland und China sind als Märkte enorm wichtig geworden. Inwiefern hat sich die Hotellerie diesem Wandel angepasst?
Die so genannten «BRIC-Staaten» – Brasilien, Russland, Indien, China – sind Zukunftsmärkte, und das ist eine Stärke der Schweiz: Wir haben einen breiten Nationalitätenmix. Schweizer, Deutsche, Russen oder Chinesen reisen zu unterschiedlichen Zeiten. Also können wir die Hotelbetten das ganze Jahr belegen. Hotelbetten sind nämlich eine sehr verderbliche Ware… Wir müssen uns auch bewusst werden, dass die Schweiz in diesen Ländern ein unglaubliches Image hat. Die Marke Schweiz ist genial, sie ist das einzige Land mit einem Plus auf der Fahne. Wer hat schon ein Matterhorn? Doch wohl nur wir! Das ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Die Schweiz macht bloss noch zu wenig daraus.

Trotzdem haben wir zu viele verschiedene Marken in der Schweiz. Jede Destination betreibt Marketing auf eigene Faust. Ist das Neid?
Das liegt nicht am Neid. Das sind gewachsene Strukturen. Was ist eine Marke? Eine Marke muss einen bekannten Namen haben, andererseits aber auch einen Inhalt, der vermarktbar ist. Nehmen wir Graubünden als Beispiel. Dieser Kanton hat 92 Tourismusorganisationen, die zusammengerechnet ein Budget von 74 Millionen Franken haben, also nicht einmal eine Million pro Organisation. Weiter beschäftigen diese 92 Organisationen ungefähr 250 Angestellte, und diese haben ungefähr 450 Vorgesetzte… Da muss man sich schon fragen, ob das wirklich optimal organisiert ist oder ob das nicht verschwendetes Geld ist. In Graubünden haben sie das Problem erkannt, die Organisationen wollen sich zusammenschliessen, so dass sechs übrig bleiben. Und das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Tourismus kümmert sich nicht um politische Grenzen.
So ist es. Welchen Touristen interessiert es denn, ob Rapperswil im Kanton Zürich oder im Kanton St.Gallen liegt? Das wissen nicht einmal Schweizer, wenn sie nicht gerade aus dieser Gegend kommen. Und darum müssen wir marktkonforme Strukturen schaffen und nicht an politischen Strukturen festhalten.

Wie soll das aussehen?
Man muss einfach den gesunden Menschenverstand benutzen. Nehmen wir als Beispiel Zürich: Jeder vernünftige Mensch nimmt den ganzen Zürichsee als einen einheitlichen Raum wahr, unabhängig von den Kantonen Schwyz, St.Gallen und Zürich. Also macht es hier Sinn, wenn die Region Zürichsee über
Kantonsgrenzen hinweg als eine einzige Destination vermarktet wird.

Man soll sich nach topographischen Strukturen richten?
Nicht nur nach topographischen, obwohl das schon besser wäre. Wenn wir wieder St.Gallen nehmen, glaube ich, dass zum Beispiel Bad Ragaz sprachlich und kulturell dem Kanton Graubünden näher steht als der Klosterstadt. Warum soll man also nicht Bad Ragaz zusammen mit Bündner Destinationen vermarkten? Ich glaube, die Grenzen sind dort, wo das natürlich wahrgenommene Umfeld überschritten wird. Das kann in Einzelfällen mit den politischen Grenzen übereinstimmen, zum Beispiel im Kanton Wallis. Oder im Kanton Graubünden, vielleicht mit Ausnahme des Rheintals. Auf der anderen Seite gibt es das Mittelland oder das Dreiseengebiet. Wenn hier jeder Kanton seine Regionen auf eigene Faust vermarktet, kostet das viel zu viel Geld. Und das haben wir nicht.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass es nur noch zwei Arten von Tourismus gibt: den Massentourismus und den Markentourismus. Aufgrund der hohen Kosten in der Schweiz sei Massentourismus gar nicht möglich. Wird es bei uns bald nur noch Luxushotels geben?
Das funktioniert eben leider nicht. Der Tourismus braucht eine gewisse Masse. Wir müssen schliesslich ein umfassendes Angebot bieten können, um attraktiv zu sein. Das beinhaltet auch Bergbahnen, Läden, Restaurants, Museen und so weiter. Damit diese rentabel sein können, braucht es einfach eine gewisse Menge an Gästen. Wir sind aber auf keinen Fall ein Land für Billigtourismus. Da wird es immer einen geben, der billiger ist als wir. Das heisst, wir müssen besser sein.

Trotzdem machen immer mehr Schweizer aus Kostengründen Winterurlaub in Österreich.

In der Schweiz sind wir im Teuren günstig und im Günstigen teuer. Wir können hier ja gar nichts wirklich günstig anbieten, weil wir schon so hohe Produktionskosten haben. Ich kann keine Mahlzeit für zehn Franken anbieten, wenn mich das Fleisch schon im Einkauf zwölf Franken kostet. Der Österreicher zahlt nur zwei Euro dafür, also kann er das. Ein anderes Beispiel: Wenn man die Schweiz mit Neuseeland vergleicht, welches ja ein typisches Backpackerland ist, so gibt so ein Rucksacktourist dort vielleicht einen Viertel seines Budgets für Essen und Schlafen aus, den Rest für Aktivitäten, und der schwärmt noch jahrelang von seinem tollen Urlaub. In der Schweiz gibt derselbe Backpacker gleich viel Geld aus, aber hier machen Essen und Schlafen drei Viertel seines Budgets aus. Danach hat er bloss noch einen Viertel für Fun. Da geht der doch lieber nach Neuseeland, und das ist gefährlich für uns. Denn genau diese Backpacker braucht die Schweiz auch.

Wenn man die Gästestruktur der Schweizer Jugendherbergen betrachtet, dann fällt auf, dass immer öfter auch Familien und ältere Leute in Jugendherbergen absteigen. Ist das für viele die einzige Möglichkeit, sich noch Ferien in der Schweiz leisten zu können?
Für einige bestimmt. Andererseits machen die Jugendherbergen ihren Job halt einfach sehr gut. Ich finde das eine super Firma, welche die Gästebedürfnisse erkannt hat. Da ist nichts mehr mit Schlafsack mitschleppen und um 22 Uhr Lichterlöschen. Die haben gute Ideen, sind solide finanziert und haben ein cleveres
Management. Darum läuft es bei denen gut.

Gut: Wir haben super Fünfsternehotels und sensationelle Jugendherbergen. Also ist die Mittelklasse schuld an der Misere?
Die Gästebedürfnisse haben sich einfach in zwei verschiedene Richtungen entwickelt. Die Mittelklasse leidet darunter, das stimmt. Über die Hälfte aller Hotels in der Schweiz sind Dreisterne-betriebe, und wenn wir nicht bald Lösungen finden, haben die ein Problem.

Die Landschaft ist die wichtigste Ressource der Schweiz, was den Tourismus anbelangt. Stichwort Klimaerwärmung: Haben Sie Angst, dass diese Landschaft in der heutigen Form einmal nicht mehr existieren wird?
Als Mensch habe ich da sicher Angst davor. Es beschäftigt mich sehr. Als Hotelier könnte ich andererseits sehr zynisch sein und sagen, dass die Klimaerwärmung auch Chancen bietet. Wenn die Leute es unten in Mailand vor lauter Hitze und Smog nicht mehr aushalten, treibt es sie in die Berge. Dann verlagert sich die touristische Hochsaison halt wieder in den Sommer, wie vor hundert Jahren. Weiter könnte ich zynisch sein und sagen, dass in der Schweiz die Berge im Schnitt tausend Meter höher sind als in Österreich, also liegt der Vorteil auch im Winter auf unserer Seite.

Auch die Schweiz hat tiefer gelegene Regionen, welche vom Wintertourismus leben. Müssen sich die Leute da um ihre Existenz sorgen?
Als Investor müsste ich mir solche Gedanken auf jeden Fall machen. Ich müsste mir überlegen, ob ich noch in einen Skilift investieren würde, der unter 1500 Metern liegt. Aber gerade hier ist es wichtig, dass man sich Alternativen überlegt. Dass man etwa in das Sommergeschäft investiert. Ich möchte einfach betonen, dass die Klimaveränderung nicht nur Risiken birgt, sondern auch Chancen.

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