«der arbeitsmarkt» 06/2007

Luftburgen auf festem Grund

Man kennt die farbigen Blasio-Hüpfmatten und Luft-Spielgeräte. Weniger bekannt ist das Atelier Blasio, in dem sie produziert und vertrieben werden. Es setzt sich seit zwanzig Jahren erfolgreich für die berufliche Integration von Jugendlichen ein.

Um zehn Uhr ist Kaffeepause im Atelier Blasio, das auf zwei Etagen einer städtischen Liegenschaft neben der Schiffanlegestelle Wollishofen eingemietet ist. Jugendliche und Erwachsene sitzen im Essraum beim Kaffee. Einige beginnen in der integrierten Küche zu hantieren, wo unter der Leitung eines gelernten Kochs abwechselnd für den gemeinsamen Mittagstisch gekocht wird. Andere gehen bald wieder ihrer Beschäftigung im Lager, im Parterre, im Computerraum oder in der angrenzenden Werkstatt nach.
Sie ist das Herzstück des Betriebs, ein grosser, heller Raum mit Lüftungsrohren an der Decke und farbigen PVC-Rollen oder Blachenstücken am Boden und auf den Tischen. Diese sind rollbar, weil für die Produktion der aufblasbaren Tiergiganten, Gigampfis und Hüpfmatten, die bis zu zehn auf zehn Meter gross sind, viel Platz erforderlich ist. An einem von ihnen ist Benedikt mit dem Verschweissen von Übungsflicken beschäftigt, während Makiesa auf einem kreuzförmigen Spielobjekt am Boden sitzt und Löcher ausfindig macht. Ein Töggelikasten und eine Dartscheibe machen deutlich, dass hier nicht nur gearbeitet wird, sondern dass die gemeinsam verbrachte Mittagszeit, Pausen oder auch mal ganze Nachmittage zum Konzept gehören. Am einen Ende des Raums befindet sich das Büro des siebenköpfigen Leitungsteams aus zwei Sozialarbeiterinnen, drei Fachbetreuern, einer Spielleiterin und dem Betriebsleiter Marc Mehli. Es ist durch eine Glaswand von der Werkstatt abgetrennt, die Tür steht offen. Auch das gehört zum Konzept der betreuten Gruppen-arbeitsplätze.
Die Idee mit der Produktion von Luft-Spielgeräten und ihrem Einsatz in der Jugendarbeit, erzählt Marc Mehli, stamme von seinem Vorgänger Emilio Biasio. Als Werkstattleiter des Gemeinschaftszentrums Buchegg ging dieser 1987 mit seinem Vorschlag zur Stadt und erhielt dafür die Genehmigung. Das Konzept beinhaltet, dass jeder und jede der intern beschäftigten Jugendlichen ein Spielgerät herstellt – von der eigenen Idee oder einem vorgegebenen Muster, das selber ausgestaltet wird, über den Modellbau und den Zuschnitt nach Schablonen bis zum Verschweissen. Dabei stehen eher Schlüsselkompetenzen wie Präzision oder Durchhaltevermögen als fachliche Qualifikationen im Vordergrund. Der besondere Anreiz des Projekts, betont Mehli, liege aber vor allem darin, dass die Jugendlichen auch im Verleih und bei der Betreuung von Spielaktionen vor Ort mitarbeiten: «Die Jugendlichen identifizieren sich stark mit ihrem Produkt. Sie sind sehr stolz darauf, wenn es bei Spielaktionen zum Einsatz kommt und sie die positiven Reaktionen des Publikums miterleben.»

Mindestens eine gesunde Mahlzeit pro Tag

Das Atelier Blasio ist den Sozialen Einrichtungen der Stadt Zürich (SEB) an- und seit Anfang 2006 dreistufig gegliedert: Neben zwei vom Kanton finanzierten Motivationssemestern, die je zehn stellenlosen Schulabgängern und Schulabgängerinnen zwischen 15 und 19 Jahren externe Praktikumsstellen (Blasio Semo Praktika) oder interne Gruppenarbeitsplätze (Blasio Semo) bieten, gibt es neu die Basisstufe Blasio Basic mit zwanzig Gruppenarbeitsplätzen. Sie richtet sich speziell an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren, die für ein Motivationssemester zu alt oder nicht beim RAV gemeldet sind oder aber aus gesundheitlichen und sozialen Gründen dringend eine Tagesstruktur oder eine Krisenintervention benötigen. Der Übertritt in die von der Stadt Zürich finanzierte Basisstufe kann von heute auf morgen erfolgen, Zuweisungen kommen von der Sozialhilfe, von der Jugend- und Familienhilfe, von Vormundschaftsbehörden oder von Jugendanwaltschaften.
Alle drei Stufen beinhalten einen Tag Unterricht pro Woche, entweder in einer Berufsschule (Motivationssemester) oder in SEB-internen Kleinklassen, die den spezifischen Bedürfnissen und Voraussetzungen der Schüler und Schülerinnen angepasst sind (Blasio Basic). Abgesehen davon unterscheidet sich das Programm für die dreissig intern beschäftigten Jugendlichen nicht:
Neben der Produktion, dem individuellen Coaching sowie Deutsch am Arbeitsplatz gehört der obligatorische Mittagstisch dazu. Er gewährleistet die Kontrolle der Tagesstruktur und mindestens eine gesunde Mahlzeit pro Tag. Beim Küchendienst lernen die Jugendlichen zudem das Einteilen, Budgetieren und Planen. Mehli bezeichnet das Klima in der sehr heterogenen Gruppe als tolerant. Das bestätigt auch Lilian (21), die bald ein Jahr dabei ist: «Das Klima hier ist gut, auch untereinander. Man lernt, mit Konflikten umzugehen, keiner wird ausgeschlossen – anders als in der Schule, wo man einander fertig gemacht hat.»
Sowohl die Motivationssemester als auch die Basisstufe haben den Übertritt in eine berufliche Grundausbildung oder in den Arbeitsmarkt zum Ziel. Speziell in der Basisstufe geschieht dies teilweise über eine Zwischenlösung (Praktika, Projektwechsel). Beim Coaching geht es vorrangig um die Erarbeitung einer beruflichen Perspektive. Wie wichtig diese Unterstützung ist, betont Antonio (18), der die Sek A abgeschlossen und eine Verkaufslehre abgebrochen hat: «Ich finde das Coaching und die Betreuung sehr gut. Blasio zeigt Perspektiven auf, hilft einem, sich zu orientieren und zu motivieren, wenn man nach vierzig vergeblichen Bewerbungen im Monat den Mut verliert und am liebsten alles hinschmeissen würde».

Grosse Nachfrage und gute Vermittlungsquote

Antonio verlässt das Atelier Blasio im Sommer. Er möchte in einem Beruf arbeiten, in dem Kommunikation wichtig ist, und sucht noch nach einer Lehrstelle oder einer Zwischenlösung, zum Beispiel in einem SEB-
internen Gastrobetrieb. Auch Lilian, die im Sommer eine Lehre als Dentalhygienikerin anfangen wird, lobt das Coaching. Ihr sei aber auch die Tagesstruktur sehr wichtig gewesen, nachdem sie ihren Sek-B-Abschluss nachgeholt und ein Jahr lang zu Hause ihre Zeit totgeschlagen habe.
Im Jahr 2006 konnte das Atelier Blasio 51 Prozent der Teilnehmenden weitervermitteln, über 30 Prozent davon direkt in den Arbeitsmarkt oder in einen Lehrbetrieb. Mehr als der Hälfte der nicht vermittelten Jugendlichen wurde der Vertrag vorzeitig gekündigt, weil sie unmotiviert, häufig abwesend oder aber in einem anderen Projekt oder einem Therapieangebot besser aufgehoben waren. «Manche der Jugendlichen, die zu uns kommen, haben verschiedene Stellen durchlaufen. Um sie haben sich bereits mehrere Personen bemüht», sagt Mehli. Er mutmasst, dass das dringende Bedürfnis nach Angeboten für nirgends anhängige Jugendliche und junge Erwachsene, die sehr schwierig zu vermitteln sind, mit der restriktiveren Praxis der IV zusammenhängt.
Umso erstaunlicher ist die Vermittlungsquote des Ateliers Blasio, die sich ziemlich gleichmässig auf die drei Stufen verteilt. Mittlerweile erwirtschaftet das Sozialunternehmen einen Drittel der Projektkosten selber und hat mit seinem Konzept im In- und Ausland Schule gemacht: Unter der Trägerschaft der GAD-Stiftung produzieren Jugendliche die beliebten Blasio-Spielgeräte seit zwei Jahren auch in Biel und Thun, von wo aus der Verleih in der Westschweiz betrieben wird. Ein ähnliches Projekt ist dank Zürcher Know-how zudem in Rotterdam entstanden, so dass das beliebte Blasio-Label unterdessen auch holländischen Kindern und Erwachsenen ein Begriff ist.

Weitere Infos:
www.stadt-zuerich.ch/blasio
www.stadt-zuerich.ch/seb
www.gad.ch/gad/blasio.php

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