«der arbeitsmarkt» 06/2007

Lichter an den Enden des Tunnels

Göschenen und Airolo kennt jedes Kind – aus den Staumeldungen im Radio. Doch die beiden Dörfer dies- und jenseits des Gotthards gibt es wirklich. Mike Niederer (Text) und Christina Brückner (Fotos) haben sie besucht.

Dunkle Wolken hängen über dem Alpenkamm und ein heftiger Wind bläst frühe Kirschblütenblätter durch das enge Reusstal. Der erfahrene Reisende weiss, was es bedeutet, wenn der Föhn durchs Urnerland bläst: Feuchte Luft staut sich am Gotthardmassiv und regnet sich an dessen Südseite aus. Das spricht dafür, in Göschenen auszusteigen.
Der Zug verschwindet im Tunnel und wir stehen allein am Bahnhof, vor uns die Schöllenenschlucht mit Teufelsbrücke und Suworow-Denkmal, links das steile Riental, durch das in schneereichen Wintern eine grosse Lawine Richtung Autobahn donnert. Rechter Hand muss hinter dem grossen Bahnhofgebäude das Dorf liegen.
Wenig Erfreuliches haben die Göschener in den letzten Jahren aus den Medien über ihr Dorf erfahren. Ein Schattenloch sei es, das jetzt, wo die Armee abgezogen sei und die SBB nur noch zwei Angestellte im Dorf hätten, langsam aussterbe.
Doch die Hoffnung blüht hier, seit der ägyptische Investor Samih Sawiris Land im Urserental gekauft hat, um Andermatt mit einem Ferienresort inklusive Golfplatz zu einer «Exklusivität in alpiner Umgebung» zu machen. Zwar hat Göschenen neben Andermatt immer nur die zweite Geige gespielt. «Napoleon und Suworow stiegen in Andermatt ab, in Göschenen logierte das Fussvolk und stahl das Vieh», gibt Peter Tresch, der Leiter des Elektrizitätswerks, zu bedenken. Ein kleines Stück vom Kuchen werde für Göschenen aber sicher abfallen, glaubt man im Dorf.

Neues Leben in alten Hotels

Wer hier mit dem Zug ankommt, geht ins Bahnhofbuffet – zumindest war das mal so. Das Buffet war fast so berühmt wie jenes von Olten. Es gab eine Gaststube und einen 1.-Klasse-Saal, Bundesräte waren hier. Heute ist das Buffet geschlossen. «Seit 12 oder 13 Jahren», schätzt Viktoria Lenek, die Wirtin des kleinen Bistros mit Kiosk, in dem man sich verpflegen und vor dem kalt von den schneebedeckten Gipfeln fallenden Föhn Schutz suchen kann.
Morgens um elf sitzt niemand im kleinen Raum. Viktoria Lenek hat Zeit, zu erzählen. Dass sie vor sechs Jahren von Beckenried nach Göschenen kam, der Liebe wegen. Dass die Leute hier offener seien als zum Beispiel im weiter unten liegenden Intschi. Und dass den Bahnreisenden seit dem Fahrplanwechsel vor einem Jahr die Zeit fehle, zwischen SBB und Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB) einen Kaffee zu trinken. «Und der Billettschalter schliesst auch bald.» Es bleibt ein Automat.
Es ist Zwischensaison, die Skipisten sind aper und die Hochzeit für Wanderer beginnt erst im Juli. Bis September fährt dann ein Postauto ins «Wanderparadies Göscheneralp».
Am Dorfausgang, im Schatten eines dunklen Waldes, steht das Hôtel de la Gare. Ein wenig attraktives Objekt, das, wie wir später erfahren, seit sechzig Jahren mehr oder weniger leer steht. Es ist zu verkaufen, wie ein Schild an der Fassade indiziert. Auch andere Immobilien sind zu haben, die Gustostückchen jedoch sind ver-kauft. So das Chalet Hotel Krone. Ein stattliches Haus, von dem die ganze Gegend zu überblicken ist. Durch das Göschenertal scheint die Sonne ins Dorf und macht es zur drittsonnigsten Gemeinde im Kanton Uri. Von wegen Schattenloch.
Gekauft haben die «Krone» Kai Stubenrauch und Alexandra Moers aus Heidelberg. «Wir suchten etwas Altes mit Atmosphäre», erklärt der gebürtige Kieler. Auf einer Radtour entdeckte er «das achte Weltwunder», wie er die Göscheneralp nennt. Eine schlummernde Perle sei Göschenen, eine Topdestination, die sowohl im Sommer als auch im Winter gute Möglichkeiten biete. Gemeinsam mit seiner Partnerin will er Sportreisen veranstalten. Dabei setzt er auch auf die gute Erreichbarkeit der Region: «Ich sehe mich hier im Zentrum Europas. Göschenen lässt sich mit seiner Lage international vermarkten.»
Anfang Juli, rechtzeitig zur Premiere des Freilichtspiels zum 125-jährigen Jubiläum der Gotthardbahn, soll die «Krone» den Betrieb aufnehmen. Sie sah vor vier Jahren zum letzten Mal Gäste und die Zimmer genügen den heutigen Ansprüchen nicht mehr. Mit Hilfe von Freunden und Eltern legt das junge Hotelierpaar die alten Holzböden frei, schleift Tür- und Fensterrahmen ab und baut Toiletten und Duschen ein.
«Die Leute hier sind weltoffen und froh um das Engagement», erzählt Kai Stubenrauch von seinen Erfahrungen mit den Einheimischen. Auch der Kontakt mit den Behörden sei positiv verlaufen. Einzig die Finanzierung sei schwer aufzustellen gewesen. Die Banken seien bei der Kreditvergabe an die Hotellerie eher restriktiv.

Das Wasser und die Fremden

Dies mag der Grund sein, dass auch zwei der drei bestehenden Hotels noch neue Besitzer suchen. Das «Siesta» und das «Rössli». In Letzterem, vor wenigen Jahren modern renoviert und um eine «römische Therme» erweitert, trinken Marie Nell und Antoinette Tresch Kaffee. Sie sind 90 und 84 Jahre alt und nach dem monatlichen Seniorenessen – auf der Karte stand «Ryys und Boor», Lauchrisotto – sitzen geblieben. «Früher war Tag und Nacht ein Rummel. Doch dank der Umfahrungsstrasse kann man jetzt die Ruhe geniessen», sagt Antoinette Tresch. «Es ist hier aber nicht einsam, sondern erholsam.»
Ihre Eltern führten einen Hof, wo jetzt die Autobahn das Tal zerschneidet. Der Strassenbau sei nicht schlimm gewesen. Eher im Gegenteil. Es gab endlich Arbeit. Bis zu tausend Einwohner habe man damals gezählt. «Es waren so viele italienische Arbeiter hier, dass man die Zimmer zuweilen doppelt vermieten konnte», erinnert sich Marie Nell. Und mit Fremden hatten die Göschener noch nie ein Problem. Die Pferdekutschen machten auf dem Weg über den Gotthard hier Station. Und nach den französischen und russischen Soldaten kamen im Zweiten Weltkrieg die eidgenössischen. Das habe den Wirten einen kleinen Aufschwung beschert. Auf die Frage, wie denn das gewesen sei, mit den vielen Rekruten, kichern die zwei alten Damen wie junge Mädchen, ohne Genaueres zu erzählen. Dafür erfahren wir, was der ganz grosse Trumpf von Göschenen ist: «Das Wasser.» Dessen Geheimnis wollen wir auf den Grund gehen.
Vor der Kirche treffen wir Bruno Zwyssig. Der ehemalige Lehrer ist Initiant, Projektleiter und Geschäftsführer von «Wasserwelten». Vom Dammagletscher über das Elektrizitätswerk bis zur Kläranlage hat er eine sechzig Kilometer lange Wanderroute eingerichtet, auf welcher die Stationen, welche das Wasser freiwillig oder zwangsweise nimmt, mit Schautafeln erläutert sind. Auf diesen lässt sich nicht alles Wissenswerte unterbringen. Deshalb macht Bruno Zwyssig Führungen. Das Angebot ist vor allem bei Schulen gefragt und bis 2009 ausgebucht. Bruno Zwyssig rekrutiert zurzeit Mitarbeitende. Und auch «Wasserwelten» soll ausgebaut werden: Ausstellungen sollen in der alten Kirche stattfinden und das Projekt um den Themenbereich Klimawandel erweitert werden.
Bruno Zwyssig eilt zur nächsten Führung und wir spazieren durch das Unterdorf zur Göscheneralpreuss, wo die alte Zollbrücke Zeugnis ablegt von jener Zeit, als noch Postkutschen durch das Dorf rumpelten – und die Göschener Wegzoll vom alpenquerenden Verkehr verlangen durften.

Reisende, Tagestouristen und Stammgäste

Oberhalb der Zollbrücke steht das Verwaltungsgebäude des Kraftwerks. Peter Tresch, der Leiter des Werks, führt uns ins Innere des Bergs, wo die Generatoren dröhnen. Er erzählt von 56000-PS-
Turbinen, von Ein- und Zweiphasengeneratoren und von Magnetfeldern, bis uns die Zahlen im Kopf rotieren. Doch wir interessieren uns für andere Qualitäten des Wassers. «Es ist sehr gut», bestätigt Peter Tresch. «Ein Deutscher, der hier seine Freundin besucht, füllt es ab für seine Orchideen zuhause.» Und dann lüftet er das Geheimnis: Das Wasser sei so frisch und rein, so gering mineralisiert, dass es nicht mal Strom leite, erklärt uns der Fachmann. Dazu müsse man es erst salzen.
Weiter erfahren wir, dass womöglich die Frauen schuld sind, dass die Bevölkerung nicht wächst. «Viele Kraftwerkangestellte sagen, sie würden schon hier wohnen, aber die Frau wolle nicht», berichtet er. Die meisten Läden sind längst geschlossen; einen Coop gibt es noch und eine Bäckerei. Wer eine Hose kaufen will, fährt ins Unterland.
Was die touristische Zukunft betreffe, da müsse man trotz Samih Sawiris realistisch bleiben. Das Projekt werde in Göschenen vor allem die Einwohnerzahl wieder über 500 ansteigen lassen, denn in Andermatt entstehen gut 2000 Arbeitsplätze. «So gross ist das Potenzial aber nicht. Der Platz ist begrenzt und wir werden immer ein paar Nummern kleiner sein als andere. Dafür ist Göschenen sehr gut erschlossen und deshalb bei Tagestouristen beliebt.» Die kommen übrigens auch zum Fischen ins Göschenertal.
Doch nicht alle Gäste machen sich bei Dämmerung auf den Heimweg. Isländer, Liechtensteiner, Südafrikaner und auch Brasilianer verbringen ihre Ferien in Göschenen. Und ein Niederländer, der vor Jahren wegen einer Autopanne im Hotel Gotthard übernachten musste, erzählt Peter Tresch, nehme seither jedes Jahr mit Freunden am Dorffest teil.
Dann macht der Kraftwerkleiter Feierabend und wir gönnen uns am Stammtisch im Bistro ein Bier. Wir erfahren, dass der Kanton Uri der Nabel der Schweiz sei und das Göschenertal das schönste im Kanton. Dass viele Arbeitsplätze abgewandert sind, aber auch, dass es hier trotzdem ein Auskommen gebe und man dank der Quellensteuer vom Tunnelbau und dem Kraftwerk zur reichsten Gemeinde im Kanton geworden sei.
Neben Bachforellen seien auch Pilze und Beeren bei den touristischen Jägern und Sammlern beliebt. «Wir waren schon immer auf den Tourismus angewiesen, deshalb sind wir so kooperativ», sagt Hans Tresch, der Bergführer, der weder mit Antoinette noch mit Peter verwandt ist. «Dank dieser Offenheit haben wir hier ein gutes Gemisch von Leuten», fügt Franz Kierlinger an, Zugbegleiter MGB. «Inzüchtler sind wir nicht.»
Göschenen sei eine heile Welt und das Schmuckstück, sozusagen das Familiensilber, sei die Göscheneralp. Diese Nische gelte es zu pflegen. Wild campieren ist dort verboten, doch lockt der erste Hochgebirgszeltplatz der Alpen. Ein Standplatz für Wohnmobile ist geplant. Der könnte noch mehr Reisende von der Autobahn weglocken.
Jenen, die im Stau verzweifeln, bietet Edith Bolli eine Unterkunft. Dank der Autobahn kennt die Pächterin des Hotels Siesta keine eigentliche Zwischensaison. Sie kam vor vier Jahren nach Göschenen, um ihren Traum von einer kleinen Beiz in den Bergen zu erfüllen. Ein wenig mag auch ihr Hobby bei der Ortswahl bestimmend gewesen sein. «Ich arbeite sechs Tage, putze einen Tag und dazwischen gehe ich strahlen», flunkert die gebürtige Grazerin. Und dafür ist sie, wie zurzeit eine Ausstellung in Flüelen unter dem Titel «Weltensensation – Riesenkristalle aus der Göschener-alp» beweist, am richtigen Ort. Neben den Bergen liebt Edith Bolli vor allem Hexen. Und so hat sie die Göschener nicht nur mit Kernöl, Schweinsbraten und Schilcher, sondern auch mit der Walpurgisnacht vertraut gemacht, die seit vier Jahren mit einem grossen Feuer vor dem «Siesta» gefeiert wird.

Am Fuss der Tremola

Die Luft ist kühl und klar, die Nacht dunkel und ruhig – es schläft sich gut in Göschenen. Nach einem Frühstück unter Hexen besteigen wir den Zug und tun das, was die Göschener nach eigenen Angaben nur für die Eishockeymatches in Ambri-Piotta tun, wo die Urner die Mehrheit der Fans stellen: Wir fahren durch den Gotthard. Drei Franken kostet die zehnminütige Fahrt nach Airolo, der ehemals grössten Gemeinde im Tessin, zu der auch Fontana, Nante, Valle, Madrano und Brugnasco gehören.
In der «Alta Leventina», der oberen Leventina, stehen die Berge weniger dicht als im Urnerland. Über dem Tunnelportal sind die Kehren der Gotthardstrasse, der Tremola, zu sehen. Das moderne Ausbildungszentrum der Armee klebt wie eine kreuzritterliche Trutzburg am Hang. Westlich davon führt das Valle Bedretto Richtung Nufenenpass und Wallis, gegen Süden liegt der Flugplatz von Ambri-Piotta, dahinter fällt die Leventina steil ab. Wäre es nicht bewölkt, gäbe es hier viel Himmel zu sehen. Es ist kühl, hoch über dem Dorf liegt frischer Schnee.
Im Bahnhofbuffet sitzen die ersten Mittagsgäste hinter verdunkelten Scheiben. Die Wirtin hat zu tun und wir fragen, angesichts mangelhafter Italienischkenntnisse etwas beschämt, die Gäste an der Theke nach den ihren in Deutsch. Fehlanzeige. Nicht nur die Sprache – ein, wie die Göschener sagen, auch Italienischkundigen «unverständliches Patois» – unterscheidet Airolo vom Dorf am anderen Ende des Tunnels. Die Häuser sind höher und trotz einigermassen Platz im Tal dicht aneinandergedrängt. Ausserdem ist Airolo grösser und belebter. Vom Bahnhofplatz gehen sechs Postautokurse ab und auch die Armee ist noch präsent, wie der Wegweiser «Caserme» beweist.
Bei «Levantine Turismo» erhalten wir erste Informationen, auf Berndeutsch. Thomas Bäumle ist Eishockeygoalie bei Ambri und macht hier neben den zwei täglichen Eistrainings ein Praktikum. Seine Clubkollegen wohnen weiter südlich, wo es wärmer ist. «Dabei ist die Gegend hier so schön und ruhig», sagt Bäumle. Und ausserdem historisch interessant: Das Festungsmuseum, das Gotthardmuseum und natürlich die «Strada alta», der Saumweg durch die Leventina, seien für Kulturtouristen und Wanderer geradezu ideal. Aber auch das lange Bedrettotal und vor allem die «Regione Ritom-Piora» mit ihren Bergseen, östlich Airolos, gegen den Lukmanier hin gelegen, gelten mit 550 Kilometern Wanderwegen als Touristenmagnet. Die Skilifte westlich des Dorfes waren bis vor vier Wochen in Betrieb. Zum Saisonschluss hat das kleine, aber feine Gebiet die Freestyle-WM der Skijunioren beherbergt. Und im Bedrettotal seien im Februar 5000 Forellen im jungen Ticino ausgesetzt worden, um den Petrijüngern das eine oder andere Erfolgserlebnis zu ermöglichen.
Thomas Bäumle wurde von den Airolesi gut aufgenommen. «Man muss seinen Weg gehen, dann wird man hier respektiert.» Und die Mentalität sei hier etwas gemütlicher als jenseits des Gotthards, sagt der Berner. Als Hockeygoalie dürfte er über etwas schnellere Reflexe verfügen als der Durchschnittsberner, der laut Tageszeitungen zu den langsamsten Hauptstädtern der Welt gehört.

Vom Fluch der Mobilität

Thomas Bäumle fährt uns zur «Caseifico del Gottardo», der 1996 eröffneten Schaukäserei mit Restaurant und Laden sowie Bankettsälen und Sitzungszimmern. Touristen und Reisende essen hier, aber auch Bundesangestellte und Handwerker. Vom Speisesaal sieht man in die moderne Käserei hinunter, in einem Nebengebäude wird nach alter Väter Sitte Milch verarbeitet. «Das Interesse ist gross, Führungen muss man rechtzeitig reservieren», erklärt Aurora Gugliemetti, die seit einer Woche das Sekretariat führt. Trotzdem ist sie skeptisch, was die Zukunft des Dorfes anbelangt. Es gebe viel mehr alte als junge Einwohner. «Und die Verkehrsverbindungen sind gut. Das führt dazu, dass viele Leute zum Einkaufen nach Bellinzona fahren.» Es gibt noch einige Läden im Dorf, eine Post, drei Bankfilialen und ein Kino, doch viele
haben schon aufgegeben. Von drei Metzgereien hat nur eine überlebt. «Auch ich fahre, wenn ich frei habe und es regnet, zum Shoppen nach Zürich», gesteht Aurora Gugliemetti.
Michele Ferracin, der Chef de cuisine, ging in Faido in die Lehre und arbeitete in Bellinzona und Bern, bevor er zurückkehrte. Er erzählt, dass Airolo lange Zeit fremdbestimmt gewesen sei und unterdrückt wurde, sowohl von den Urnern als auch von den Mailändern. «Es mag daran liegen, dass die Airolesi etwas verschlossene Leute sind, die sich erst öffnen, wenn man sie besser kennt.»
Von der Käseverkäuferin Elena Dotta erfahren wir, dass die «Caseifico» einen Teil ihrer Milch aus dem Kanton Uri bezieht und die Käserlehrlinge die Berufsschule in Luzern besuchen. Sobald die Pässe, der Gotthard und der Nufenen, geöffnet seien, verkaufe sie erfahrungsgemäss wieder mehr vom würzigen «Gottardo», «Tremola» und «Lucendro» an Touristen.
Nach einer stärkenden Minestrone und einem Boccalino Merlot wandern wir in einem grossen Bogen, es geht nicht anders, um den Werkhof und zurück ins Dorf. Abseits von Bahnhof und Coop sind die Gassen menschenleer. Über gepflasterte Treppen geht es hoch zur Kirche, zum Denkmal für den Bundesrat Giuseppe Motta und wieder hinunter zum Gedenkstein für jene Tunnel-bauer, die im Berg ihr Leben liessen. Die Plastiktische vor einem Restaurant im steinigen Dorfkern sind ausdrücklich für Raucher reserviert.
Thomas Bäumle hat uns geraten, am Nachmittag noch einmal im Tourismusbüro bei seiner Chefin vorbeizuschauen. Die spricht kurz am Telefon und bittet uns, zu warten: «In fünf Minuten kommt Gabriele Cerese, der ehemalige Bürgermeister. Der kann ihnen viel über Airolo erzählen.»
Gabriele Cerese, ein rüstiger Mann, der auf die siebzig zugeht, versteht etwas Deutsch und spricht es auch leidlich, doch wir bleiben bei der Lingua franca der nord-süd-schweizerischen Begegnungen, dem Französischen. Er war Sekundarschuldirektor der «Alta Leventina», ab 1964 Gemeinderat und bis 1992 Sindaco, Bürgermeister. In jener Zeit träumte man in Airolo vom Aufbruch. Als 1980 der Autobahntunnel eröffnet wurde, hatte die Gemeinde 2300 Einwohner. Von der Anbindung ans Nationalstrassennetz erhoffte man weiteren Zuwachs, doch das Gegenteil trat ein. «Die Mobilität hat gegen Airolo gespielt. Die Leute arbeiten heute nicht auswärts, sie wohnen auswärts», sagt Gabriele Cerese. Die Gemeinde hat noch 1600 Einwohner. Und auch Arbeitsplätze gibt es immer weniger. Die Armee hat abgebaut, die SBB haben nach Bellinzona verlegt und die Werkhofdirektion zieht bald ins urnerische Unterland. Die kleinen Firmen konnten vom Strassenbau kurzfris-tig profitieren, mussten danach aber eine nach der andern aufgeben. Immerhin gibt es noch Industrie. Die Tenconi SA stellt Kunststoffteile für Signalisationsanlagen her. 110 türkische Familien habe sie vor Jahrzehnten ins Tal und an die Maschinen geholt. «Die zweite Generation dieser Einwanderer hat sich hier problemlos integriert und die dritte spricht den lokalen Dialekt perfekt», sagt der ehemalige Gemeindevorsteher. Die Immigranten sind geblieben, die Einheimischen weggezogen.

Neues Angebot für neue Gäste

«Zurück kommen sie als Pensionierte – wenn die Frau von hier stammt oder die Eltern noch hier leben», weiss Cerese unter Bezugnahme auf Generationen von ehemaligen Schülern zu berichten. Viele haben nur noch Zweitwohnungen in Airolo. Diese werden vor allem von älteren Menschen und Familien genutzt. «Für Junge sind wir nicht sehr attraktiv», erklärt der Hobbystrahler. «Unsere Hotels sind alt. Es gibt kein Après-Ski-Angebot für erlebnis-orientierte Junge.» Dafür ist das Skigebiet schneesicher bis in den Frühling. Viele Gäste kommen aus Mailand. «Aber sie fahren zum Schlafen die zwei Stunden nach Hause und kommen am nächsten Morgen wieder», gibt Gabriele Cerese zu bedenken. Der Fluch der guten Verkehrsanbindung.
Trotzdem ist er optimistisch, was den Tourismus anbelangt. «Die Leute ziehen zwar weg, aber die Natur und die Berge sind intakt.» Auch eine Studie der Universität der italienischen Schweiz sieht den Tourismus als Chance für Airolo. Würde das Angebot auf und neben der Piste ausgebaut, würden die Gäste nicht nur für ein Wochenende kommen. Ein neuer Publikumsmagnet, der weniger Familien als Seminarbesucher und Individualtouristen anzieht, ist bereits eröffnet: «La Claustra», ein Designhotel in den alten
Festungskammern des Réduits.
Direkt an der Autobahn darf aus Sicherheitsgründen keine Werbung angebracht werden, Airolo muss anderweitig auf sich aufmerksam machen. Gute Dienste leisten da sicher die fünf «Scuole Montagne», Ferienheime von grösseren Gemeinden im Norden und Süden, wo Kinder und Jugendliche in Projektwochen die Schönheiten und Qualitäten der Region kennen lernen. «So ist zum Beispiel Lugano auch ein wenig an Kontinuität in unserer Region interessiert», erklärt Gabriele Cerese.
Von Samih Sawiris Andermatt-Projekt erwartet man in Airolo ebenfalls zarte Impulse. Immerhin reicht der Gemeindebann bis hinter die Gotthardpasshöhe.
Dort oben im Hospiz kam Anfang 1879 Gabriele Cereses Grossmutter zur Welt. Ihr Vater, der Hospizwirt, war Felice Lombardi aus Airolo, ihre Mutter Veronika Dittli kam von der anderen
Seite – aus Göschenen.

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