«der arbeitsmarkt» 07/2005

«Ja, das Schreiben und das Lesen…

Jeder sechste Erwachsene in der Schweiz ist nicht in der Lage, einen Alltagstext richtig zu verstehen. Dies geht aus einer internationalen Vergleichsstudie der OECD hervor.

Der kollektive Aufschrei nach der Pisa-Studie war laut: Unsere Kinder können nicht mehr lesen, die Schule bringt ihnen nicht bei, was sie im Leben brauchen. Doch auch «Pisa für Erwachsene», die von der OECD in Auftrag gegebene internationale Vergleichsstudie «Adult Literacy and Lifeskill Surveys», stellt dem Bildungsstand der Schweizerinnen und Schweizer nicht eben ein gutes Zeugnis aus. Zwar dürfen wir mit unseren mathematischen Fähigkeiten zufrieden sein, doch wenn es um Lesen und Verstehen geht, sieht es düster aus. Was die Jungen heute nicht ausreichend lernen, haben viele Erwachsene nie gekonnt oder längst vergessen. Rund 16 Prozent der Testpersonen waren nicht in der Lage, dem Beipackzettel eines Medikaments einfachste Informationen zu entnehmen. 9 Prozent waren es bei den 16- bis 25-Jährigen, bei den 26- bis 45-Jährigen 12 und bei den 45- bis 65-Jährigen gar 21 Prozent. Dass die Schweiz bei sechs beteiligten Ländern immerhin im Mittelfeld abschloss, ist kein Grund zur Beschönigung. Tatsache bleibt: Jeder Sechste leidet an Illettrismus – «der Unfähigkeit, Lese- und Schreibfertigkeiten adäquat anzuwenden».

…ist nie mein Fach gewesen,…

Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche können aber durchaus erfolgreich sein. «Ich bin immer wieder erstaunt über die Lebenstüchtigkeit und die Laufbahnen meiner Kursteilnehmer», sagt die Logopädin Ursula Bänninger, die an der Kantonalen Berufsschule für Weiterbildung in Zürich (EB Wolfbach) «Lesen und Schreiben für Erwachsene» unterrichtet. Der gleichnamige Verein bietet seit zwanzig Jahren in verschiedenen Region der Schweiz zielgerichtete Bildungsmassnahmen für Menschen mit entsprechenden Defiziten an. Im Jahr 2004 absolvierten gut 1800 Personen einen «Lesen und Schreiben»-Kurs.
Einer von ihnen ist Primo Caspani. Er drückt seit einem Jahr wieder die Schulbank. Der 54-jährige Schreinermeister mit eigenem Betrieb hatte vor allem mit Grammatik und Orthographie Mühe: «Zum Glück konnte meine Frau das übernehmen. Sie schrieb Offerten, erledigte die Korrespondenz und führte die Buchhaltung.» Er habe sich regelrecht hinter ihr versteckt.
Im Berufsalltag habe er sich bemüht, möglichst nicht schreiben zu müssen: «Ich gebe auch Lehrlingskurse. Da habe ich das Schreiben delegiert und selbst nur diktiert. Eine Zeit lang konnte ich mich gut durchmogeln, aber irgendwann ging das nicht mehr – spätestens wenn ich einem Kunden eine Quittung ausstellen musste.»
Wie Herrn Caspanis Beispiel zeigt, sind Menschen mit Lese- und Schreibdefiziten erfinderisch, wenn es darum geht, ihr Unvermögen zu kaschieren. Doch die Gefahr, dass die Schwäche entdeckt wird, ist hoch – insbesondere in der Arbeitswelt, wo Computer heute auf allen Stufen eingesetzt werden. Verlieren Arbeitnehmende, die des Lesens nicht kundig sind, ihre Stelle, fällt es ihnen besonders schwer, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Durch den technologischen Wandel kommt erschwerend hinzu, dass immer mehr Arbeitsplätze verschwinden, die keine oder nur geringe Lesekompetenzen erfordern.

…denn schon von Kindesbeinen…

Wie die meisten Kursteilnehmer hat Primo Caspani seine Schulpflicht in der Schweiz absolviert, im Solothurnischen. Schon damals sei er sich seines Problems bewusst gewesen, aber nicht gefördert worden – im Gegenteil: «Der Lehrer hat mir regelmässig das Heft um die Ohren geschlagen. Ich wurde richtiggehend blossgestellt und auch entsprechend gehänselt», erinnert er sich. Nur einmal, da sei Peter Bichsel, der
Schriftsteller, für ein halbes Jahr Ersatzlehrer an der Schule gewesen. Der sei verständnisvoll gewesen und habe ihn motivieren können. «Wenn der geblieben wäre, dann müsste ich heute nicht den Kurs
besuchen», ist Caspani überzeugt.
Ursula Bänninger kennt diese Geschichten. «Von älteren Leuten hört man zum Teil schlimme Sachen», erzählt sie. Gerade auf dem Land seien die Schüler nie speziell gefördert oder motiviert worden. «Sie können eigentlich lesen und schreiben, haben es aber nicht genügend geübt und sich dann vor der Anwendung gedrückt», erklärt sie. So gehe das Angelernte wieder verloren. «Sie sind sich ihres Defizits bewusst, aber die Wahrnehmung ist oft etwas verschoben», fährt Ursula Bänninger fort. Die meisten erfahren vor allem die Schreibschwäche als Problem, weil man dort die Fehler deutlicher sehe. Beim Lesen falle der Mangel weniger auf, weil sich ein Zusammenhang erfassen lasse, ohne dass man alle Wörter verstehe. Nach Bänningers Erfahrung kommen die meisten Teilnehmer nicht aus eigenem Antrieb: «Ich höre häufig, dass der Anstoss von einer Drittperson kam. Das ist vor allem bei Leuten mit einem tragenden Umfeld, in dem sie geschätzt werden, der Fall. Interessanterweise ist bei ihnen auch die Motivation am grössten – und vor allem nachhaltig.»
25 Jahre lang wurde Primo Caspani von seiner Frau immer wieder gedrängt, doch etwas zu unternehmen. Das gehe so nicht weiter, habe sie gesagt, und ihm Kurse herausgesucht. «Doch ich musste es eigenständig in Angriff nehmen», sagt er. «Erst als ich selbst genug hatte und mir zuliebe richtig schreiben lernen wollte, hat es funktioniert.» Seit knapp einem Jahr drückt er jetzt mit elf anderen einen Abend die Woche die Schulbank. Das ist nach einem sechzehnstündigen Arbeitstag nicht einfach. «Ich gehe nicht gern zur Schule», bekennt er. Das Lernen sei kein Vergnügen, sondern hartes Erarbeiten. «Aber ich habe mir vorgenommen, in zwei Jahren die Rechtschreibung in den Griff zu bekommen. Es ist wichtig für mich, dieses Ziel vor Augen zu haben.»

…befasst’ ich mich mit Schweinen»*

Dass in der Schweiz viele Leute nicht richtig lesen und schreiben können, war auch vor den neusten Studien kein Geheimnis. Trotzdem ist Illettrismus – auch funktionaler Analphabetismus genannt – immer noch mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt. In der Wissens- und Informationsgesellschaft sind Lese- und Schreibkompetenzen unerlässliche und selbstverständliche Voraussetzungen. Gerade diese Selbstverständlichkeit macht Defizite in dem Gebiet problema-tisch und löst bei den Betroffenen Schuld-
und Schamgefühle aus. Sich zur eigenen Schwäche zu bekennen, erfordert Mut.
«Es war mir immer klar, dass sich die Leute Gedanken machen. Aber einmal hat das Versteckspiel sowieso ein Ende. Man kommt irgendwann gar nicht mehr drum herum, sich zu bekennen», sagt Primo Caspani. Aus seiner Erfahrung kennt er eine ganze Reihe von Reaktionen von Leuten, die mit Illettrismus konfrontiert werden: «Die einen haben viel Verständnis und andere können sich das gar nicht vorstellen. ‹Jetzt sind Sie so alt und können das immer noch nicht›, heisst es dann etwa.» Wieder anderen sei es peinlich und sie wüssten nicht mit
der Situation umzugehen, weil sie ihn nicht blossstellen wollten.
Am 8. September, dem internationalen Tag der Alphabetisierung, startet der Dachverband «Lesen und Schreiben» eine neue Offensive. Mit einer Kampagne soll bis 2008 die Zahl jener verdoppelt werden, die eine Nachholbildung absolvieren. Die Ziele sind, sowohl den Umfang und die Reichweite des Kursangebots zu steigern als auch betroffene Erwachsene zu sensibilisieren und zusätzliche finanzielle Ressourcen zu gewinnen.
Die Sensibilisierung der Betroffenen muss über Kanäle geschehen, die der Zielgruppe zugänglich sind. Man will deshalb vor allem auf Radio und Fernsehen setzen. Ausserdem soll eine Hotline eingerichtet werden, bei der sich Menschen mit Lese- und Schreibschwäche beraten und über das Kursangebot in ihrer Nähe informieren lassen können.

* Couplet des Kolman Zsupan aus dem
«Zigeunerbaron» von Johann Strauss.

Informationen:
Dachverband Lesen und Schreiben:
www.lesenundschreiben.ch
Netzwerk Lesen: www.lesenlireleggere.ch

Leitfaden für Kursleitende:
Silvia Herdeg, Adrian Tuchschmid:
Lesen und Schreiben für Erwachsene
Zytglogge-Verlag, Bern, 2003
115 Seiten, CHF 39.–, ISBN 3-7296-0652-2

Zugang zum Lesen und Schreiben für alle – konzeptionelle Vorstellungen zur Bekämpfung des Illettrismus in der Schweiz. Publikation der Schweizerischen UNESCO-Kommission. Gratis erhältlich beim Sekretariat der
Schweizerischen UNESCO-Kommission,
c/o Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten, 3003 Bern
T: 031 324 10 67, info@unesco.ch

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