«der arbeitsmarkt» 08/2005

Internationale Kompetenzen, national und lokal gefragt

Syni-Lausanne ist schweizweit das einzige Programm für die Integration qualifizierter Erwerbsloser, die sich in der internationalen Zusammenarbeit engagieren wollen. Die Aussichten auf eine Anstellung sind zwar gering, doch die Kompetenzen sind sehr gefragt.

27. Dezember 2004, ein Tag nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien. Oscar Vispo tritt morgens in sein Büro in der Kommunikationsabteilung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNPD). Seine Arbeitskollegen nahmen über die Festtage frei, und so ist er es, der die Flut von Informationen zum Seebeben in jenen Tagen bewältigt. Mit Erfolg. Später bietet ihm das UNPD eine Stelle als Konsulent in der Kommunikation an. Er hatte sich durch seine Kenntnisse zur aktuellen Situation von Naturkatastrophen hervorgetan.

Einzigartiges Angebot in der Schweiz

Das ist eine der Erfolgsgeschichten für Syni-Lausanne, das Beschäftigungsprogramm, das Oscar Vispo an die UNPD vermittelt hatte. Sein Initiant heisst Fernando Terry. Der peruanische Politikwissenschafter hatte selbst vier Jahre lang beim UNPD gearbeitet, bevor er arbeitslos wurde. Er stellte fest, dass es keine arbeitsmarktlichen Massnahmen gab für Leute mit Erfahrung in der internationalen Zusammenarbeit. So gründete er 1999 die Nichtregierungsorganisation Synergie Internationale, kurz Syni.
Heute leitet er die beiden Beschäftigungsprogramme, Syni-Lausanne für Praktika in der Schweiz und Syni 21 für solche im Ausland. Hinter den Programmen steht die Stadt Lausanne. Insgesamt stehen 50 Plätze zur Verfügung, ein Drittel davon in Kroatien, Bulgarien und Bosnien-Herzegowina. Grund: Nach dem Krieg in den südosteuropäischen Ländern hatten viele internationale Organisationen ihren Einsatz im Wiederaufbau der lokalen Demokratie verstärkt. Auf dieses in der Schweiz einzigartige Angebot ist Terry stolz. «Wir sind das einzige Beschäftigungsprogramm für die Integration qualifizierter Erwerbsloser, die sich, mit oder ohne berufliche Erfahrung, in der internationalen Zusammenarbeit engagieren wollen.» Wer glaube, arbeiten in internationalen Organisationen sei schick oder ein Gratisticket für Ferien, irre sich. Die Aufgaben seien sehr herausfordernd und nicht für jedermann geeignet. Der Auswahl der Kandidaten wird deshalb eine intensive
Vorbereitungswoche gewidmet. «Syni läuft gut, aber nicht für alle», bekräftigt Terry mehrmals. Er versuche, die richtige Person am richtigen Ort einzusetzen. Das klappe umso besser, wenn die Person bereits ein
klares Ziel vor Augen habe und wisse, wo sie in fünf Jahren beruflich stehen wolle. «Man muss ein klares Projekt haben und eine grosse Motivation, dieses Projekt in die Tat umzusetzen.» Schwieriger werde es
bei Personen mit allzu individualistischen Zügen, die nicht fähig seien, in einem multikulturellen Team zu arbeiten.
Ursprünglich war Syni-Lausanne für Hochschulabsolventen der Humanwissenschaften gedacht. Heute versuchen auch Ingenieure, Informatiker, ehemalige Bankdirektoren oder Diplomaten, durch das Programm wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Linda Richards zum Beispiel kam 1980 in die Schweiz und arbeitete während 25 Jahren im Bankwesen. Die letzten zehn Jahre war sie Generaldirektorin einer amerikanischen Bank. Als man den Posten nach London verlegte, wurde Linda arbeitslos. Ihre Outplacement-Beraterin riet Linda, sich für Syni-Lausanne zu bewerben.
Linda interessiert sich besonders dafür, wie der öffentliche und der private Sektor in der Mittelbeschaffung zusammenarbeiten können. An Syni-Lausanne schätzt sie, dass die Praktikumsstellen nach den individuellen Interessen der Teilnehmenden ausgerichtet sind. In ihrem Praktikum bei Unitar, dem Ausbildungs- und Forschungsinstitut der Vereinten Nationen, kann sie ihre langjährige Erfahrung in Unternehmen der
Finanzdienstleistung voll und ganz einsetzen. Für Linda gestaltet sich die Arbeitssuche dennoch schwierig. Den meisten Organisationen fehle das Geld für feste Anstellungen, meint sie. Gerne würde sie deshalb ihren Vertrag bei Unitar um drei Monate verlängern.

Gelernte Hebamme auf dem Frauen-Weltgipfel

Einen nahtlosen Übergang von Vertrag zu Vertrag wünschen sich viele. Auch Eveline Perdikis will bei ihrer jetzigen Praktikumsstelle beim Frauen-Weltgipfel bleiben. Eine Möglichkeit zur Festanstellung bestehe zwar, gibt sie bekannt, doch das Finanzielle sei noch nicht geklärt. Eveline ist gelernte Hebamme, arbeitete zuletzt in einem Restaurant. Als dieses schloss, wurde sie arbeitslos. Auf dem RAV wurde sie auf ein Plakat von Syni-Lausanne aufmerksam. Sie findet das Programm eine geniale Einstiegsmöglichkeit in ein fremdes Arbeitsgebiet.

Geringe internationale Berufsaussichten

Beim Frauen-Weltgipfel ist sie für administrative Aufgaben zuständig. Sie kontaktiert Unternehmen, unterbreitet ihnen die Anliegen der Organisation und bereitet die Unterlagen zur Mittelbeschaffung vor. Während ihres Praktikums besuchte sie nach Absprache mit Syni-Lausanne einen Kurs zur Mittelbeschaffung. Die Möglichkeit einer individuellen Weiterbildung steht den Teilnehmenden des Programms nach Bedarf offen. Angeboten werden neben Ausbildungen zur Mittelbeschaffung auch Einführungskurse in internationale Organisationen, in Projektleitung und dezentrale Zusammenarbeit.
Die Berufsaussichten auf dem Gebiet der internationalen Zusammenarbeit sind gering. Unbefristete Arbeitsverträge sind in den Vereinten Nationen eher die Ausnahme, es werden bevorzugt Mandate vergeben. Doch die Kompetenzen, welche die Programmteilnehmenden erhalten, sind auch auf nationaler und lokaler Ebene gefragt. Terry schätzt, dass 70 Prozent der Stellensuchenden, die nach Beenden des Programms eine Stelle finden, im öffentlichen Sektor unterkommen, 30 Prozent in der Privatwirtschaft.

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