«der arbeitsmarkt» 12/2008

Fragiles Nischenprodukt

Ein Auge zu verlieren, ist eine Tragödie. Doch der Glasbläserei öffnet sich mit einem solchen Unglück ein fragiles und diskretes Geschäftsfeld: das Kunsthandwerk des Glasaugenmachers. Heikel ist es schon deshalb, weil ein Glasauge leicht platzen kann, wenn es zu stark erhitzt wird.

Die Flamme faucht. Otto-Ernst Martin, 56, ist hoch konzentriert, wenn er die vorbereitete Glasaugenkugel in die Gasflamme hält, um das Glas formbar zu machen. «Wenn ich nicht aufpasse wie ein Häftlimacher, macht's einfach ‹ping› - das Glasauge platzt, und ich kann wieder von vorne anfangen», erklärt Martin. Seit er vor 28 Jahren zusammen mit seinem Bruder Karl-Ludwig das väterliche Geschäft für Glasaugenbläserei übernommen hat, das Schweizerische Kunstaugen-Institut in Luzern, ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, wie er seine Kunstaugen erhitzen darf. Jedes einzelne ist ein Unikat, ein kleines Kunstwerk.
«Durchschnittlich stellen mein Bruder und ich rund 1000 bis 1200 Glasaugen pro Jahr her», erzählt Martin. Über 30 000 Augenprothesen haben die Brüder in ihrer Laufbahn als Okularisten - so nennt man den Beruf - schon geblasen. Mit so viel Erfahrung in dieser filigranen Handarbeit kommt das gefürchtete «Ping» nur noch selten vor.

Nach gut zwei Jahren ist das neue Auge verkratzt

Eines vorweg: Glas- oder Kunstaugen sind keine Kugeln, sondern Schalen, die der Okularist aus Glaskugeln herstellt. Es gibt einwandige Schalen und doppelwandige. Man stelle sich einen platten Fussball vor, dessen eine Seite eingedrückt ist und beinah die gegenüberliegende Seite berührt: Das ergibt eine doppelwandige Schale. Sie ist voluminöser. Dieser Glasaugentyp kommt dann in Frage, wenn eine Augenhöhle viel Platz bietet, weil der Augapfel stark geschrumpft oder nicht mehr vorhanden ist. Ist Letzteres der Fall, setzt der Augenchirurg ein Kunst­stoffimplantat ein, um die Augenhöhle zu stabilisieren.
Im Atelier der Gebrüder Martin lagern schachtelweise Augenkugeln, Rohlinge, aus denen sie die Glasaugen fertigen. «In Randzeiten ohne Kundentermine bereiten wir Glaskugeln mit Iriszeichnungen in den verschiedensten Farbnuancen vor. Die Sclera, die weisse Lederhaut des Auges, weist Äderungen auf, die wir erst in der Endverarbeitung anpassen, wenn der Kunde hier ist», erzählt Otto-Ernst Martin. Die beiden Spe­zialisten haben schon in viele menschliche Augen geblickt, um deren Beschaffenheit zu studieren. Zudem liegen Schubladen voller fertiger Augenschalen parat - für neue Kunden, um die geeignete Form und Grösse zu finden und beurteilen zu können, wie gut die Kunden sie vertragen. Später fertigen die Brüder den Kundenbedürfnissen entsprechende, optimal passende und gefärbte Glasaugen an. Etwa drei Viertelstunden ­brauchen sie dafür, dann geht der Patient mit seiner neuen Augenprothese nach Hause. Nach gut zwei Jahren sollte man sie dann ersetzen: «Mit der Zeit verkratzt die Oberfläche der Glasschale, was zu Reizungen der Augenhöhle führt. Wir blasen dann auf Grundlage der alten Augenschale eine neue.»
An diesem Freitagnachmittag Anfang November sitzt eine über 80-jährige Frau im Wartezimmer. Vor zwei Jahren hat Otto-Ernst Martin sie zum letzten Mal gesehen, jetzt ist es Zeit für eine neue Augenprothese. Fachmännisch untersucht Martin die Augen­höhle. Danach bittet er die Dame höflich um etwas Geduld.

Augenherstellung erfordert ­ruhige Hand und scharfen Blick

Sogleich macht Martin sich ans Werk, sucht einen passenden Rohling, legt sich die alte Prothese als Vorlage auf den Tisch, dreht ­seinen Gasbrenner auf und entzündet die Flamme. Zuerst pflanzt er die Kugel auf ein feines weisses Glasröhrchen, mit dem er sie halten und drehen kann, durch das er sie bläst oder Luft ansaugt, damit flüssiges Glas nach hinten fliesst. Er legt den Kopf in den Nacken, setzt das Röhrchen an die Lippen und saugt ganz vorsichtig Luft an. Im ersten Arbeitsschritt gilt es nun, das heisse Glas so zu verteilen, dass die Kugel eine gleichmässig dicke Glaswand erhält. Dickere Bereiche verteilt Martin, indem er die Kugel aufbläst. Mit einem Zirkel misst er zwischendurch den Durchmesser der Iris und gleicht das Werkstück mit der Vorlage ab. Stimmt alles, greift er zu einem rubinroten Glasstängel, heizt dessen Spitze an und zieht mit Hilfe eines weiteren Glasstiftes einen langen Glasfaden, den er auf die Sclera bringt, während er die Kugel laufend zwischen Zeigefinger und Daumen dreht. So zeichnet er die Äderung auf, die mit der Oberfläche der weissen Sclera verschmilzt. Um nun die Form der gewünschten Prothese zu blasen, verändert Otto-Ernst Martin stellenweise die Wölbung der Kugel.
Für die wartende Dame bläst Martin eine einwandige Augenschale. Um sie aus der ­zurechtgeformten Kugel herauszuschälen, erhitzt er die Trennbereiche stärker als den Rest. Den transparenten Glasstift setzt er dann wie ein Messer ein, um die Augenschale herauszulösen. Allmählich gibt das heisse Glas nach, vorsichtig entzieht Martin mit ­einer Pinzette die gewünschte Glasschale der einstigen Kugel, die mittlerweile eher aussieht wie ein eigenwilliger Kegel. Ist das geschafft - ohne «Ping» -, gibt er der Schale die letzte Formkorrektur und legt sie dann in eine hitzebeständige kleine Dose, den sogenannten Kühltiegel, in der sie langsam und spannungsfrei abkühlt, damit nicht doch noch ein «Ping» das fertige kleine Kunstwerk zunichtemacht.
Otto-Ernst Martin wirkt erleichtert. «Es ist jedes Mal eine Gratwanderung, ob es klappt oder ‹ping› macht.» Der Stress lässt schnell von ihm ab, und es scheint so sonnenklar wie das Wetter an diesem Tag: Der Mann hat die Ruhe weg. «Ja, aber meine Sehkraft lässt mich doch langsam im Stich», offenbart er. Ein Arsenal an Brillen auf seinem Arbeitspult belegt dies: Nur dank der unterschiedlich geschliffenen Gläser sieht er bei jedem Arbeitsschritt scharf, was er tut.

Immer weniger Patienten dank Prävention und Behandlung

Eine Augenprothese aus Glas kostet gemäss Tarifvertrag 645 Franken und wird von der Unfall- oder der Invalidenversicherung bezahlt. Glasaugen sind ein absolutes Nischenprodukt in der Prothetik, offizielle Statisti­ken gibt es nicht. «Augenprothesenträger haben aufgrund der Oberflächenabnützung alle zwei Jahre Anrecht auf Ersatz», erklärt Otto-Ernst Martin. Die jährliche Belastung der Versicherer beträgt laut Otto-Ernst ­Martin gesamtschweizerisch zirka eineinhalb Millionen Franken. Wer ein Glasauge trägt, bleibt zeitlebens an die Okularisten gebunden. So entstehe ein Vertrauensverhältnis - für die beiden Brüder ein gutes ­Geschäft. Allerdings ist die Zahl neuer ­Patienten leicht rückläufig. Otto-Ernst ­Martin glaubt, dass das hauptsächlich mit verstärkten Unfallpräventionsmassnahmen der Versicherer zusammenhängt, etwa ­Sicherheitsvorrichtungen an Maschinen. Dazu kommen die verbesserten Behandlungsmethoden der Ärzte. Offensichtlich kann man heute mehr Augen retten als ­früher. Das sei aber durchwegs erfreulich, beteuert er fix, und bringe sein Geschäft nicht in Not.

Okularisten sind auch fahrende Kunsthandwerker

Die Brüder Martin sind die einzigen Okularisten der Deutschschweiz. Ein weiterer ­arbeitet in Genf. Die direkten Konkurrenten der Martins kommen jedoch aus Deutschland. Etwa ein halbes Promille der Schweizer Bevölkerung trägt ein Glasauge, entsprechend gross ist das Einzugsgebiet des Unternehmens. Aus diesem Grund sind die beiden Luzerner Okularisten oft auf Reisen. Nach einem Turnusplan mieten sie in Städten Räume, beispielsweise in Spitälern, erzählt Otto-Ernst Martin. Dort vereinbaren sie ­Termine mit ihren Kunden. Ihre Reisewerkstatt bringen sie mit, um die Glasaugen gleich vor Ort zu blasen. «Wir bieten diesen Service, weil die Kunden es wünschen. Und unsere deutschen Konkurrenten tun es uns gleich.» Wollen die Brüder konkurrenzfähig bleiben, müssen sie die Reiserei auf sich ­nehmen.
Ein Konkurrenzprodukt der Glasprothese sind künstliche Augen aus Acryl. Diese kosten 2000 Franken und verkratzen schnell, obwohl sie länger halten sollen.
Die Brüder stellen in speziellen Fällen auch Prothesen aus Acryl her, schwören aber auf jene aus Glas.
Okularist ist kein vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) anerkannter ­Beruf. Welche Voraussetzungen muss man mitbringen für diese Tätigkeit? «Es sind Veranlagungen wie hohe Konzentrationsfähigkeit, eine ­ruhige Hand und ein geschärfter Blick, aber auch kunsthandwerkliches Geschick, wie es Feinglasbläser mitbringen», klärt ­Otto-Ernst Martin auf. Das medizini­sche Wissen über Augen lerne man im Job. Er rechne mit vier Jahren Grundausbildungszeit, dazu kämen dann die Erfahrungsjahre, in denen Form- und Farb­gebung geschult werden.
In Deutschland, wo Okularist ein anerkannter Beruf ist, dauert die offizielle Ausbildung acht Jahre. Einmal hatten die Brüder einen Lehrling, der aber nach drei Jahren aufgab. Die Reiserei verdarb ihm die Lust an diesem Nischenberuf. Momentan ist die Nachfolge im Familienunternehmen für die Brüder kein Thema.
Ursprünglich war Otto-Ernst Martin ­Physiker und sein Bruder Karl-Ludwig Lehrer. Beide hatten sich nach langem Zögern dafür entschieden, den Beruf von ihrem ­Vater Otto Friedrich Martin zu erlernen, der Arzt und Okularist war. Er war 1951 aus ­Berlin nach Luzern gekommen, durfte aber seinen Beruf als Arzt in der Schweiz nie ausüben. Die beiden Söhne kamen in Luzern zur Welt. Ihr Vater hatte seinerseits von einem Onkel in Berlin das Okularistenhandwerk erlernt.

Bis ins 19. Jahrhundert waren Augenprothesen aus Bleiglas

Die Geschichte dieser Okularistendynastie reicht bis ins Jahr 1832 zurück. Damals begann Ludwig Müller-Uri (1811-1888), Sohn eines Glasbläsers, in Lauscha im deutschen Thüringen aus Kryolithglas künstliche Augen für Tierpräparate und Puppen herzustellen. Er war Pionier und Könner auf diesem Gebiet, als ihn ein Würzburger Augenarzt anfragte, ob er auch Augenprothesen für Menschen anfertigen könne. Bis dahin verwendete man Bleiglas, was wahrscheinlich nicht sehr gesund gewesen sei, sagt Otto-Ernst Martin. Er erzählt von seinem Ahnen nicht ohne Stolz. «Heute bin ich froh, den Beruf meiner Väter ergriffen zu haben», sagt er. «Ich empfinde es nach wie vor als befriedigend, wenn ich ein gut in der Augenhöhle sitzendes Glasauge fertig habe und der ­Kunde zufrieden ist.»

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