«der arbeitsmarkt» 05/2011

Die Kunst, von Kunst zu leben

Die Schweiz hat eine aktive Kunstszene und einen lebendigen Markt. Mehr als 2500 Künstlerinnen und Künstler sind im Berufsverband organisiert. Es gibt über 900 Museen, eine hohe Dichte an Galerien, und es besteht ein reger internationaler Austausch. Dennoch können gerade mal fünf Prozent aller Kunstschaffenden ausschliesslich von ihren Werken leben.

Zehn Uhr morgens in der Galerie «Michaël Lucerne – Fine Arts». «Eine ungnädige Zeit», gibt sich der Künstler später zu erkennen. Die Loft, welche dem Abriss geweiht ist, liegt im Krienser Industriegebiet. Sie dient dem 47-Jährigen als Ausstellungsfläche, Atelier und Lebensraum gleichermassen. «Kommt rein. Ich führ euch mal rum», sagt Michaël Lucerne beschwingt und bietet sogleich etwas zum Trinken an. Die charaktervollen Räumlichkeiten sind hell und weitläufig. Sie messen über 600 Quadratmeter. Stilvolle, wohlausgesuchte Möbel laden zum gemütlichen Aufenthalt ein. Zwei bis drei Dutzend aktuelle Skulpturen und Bilder sind gekonnt zur Schau gestellt. Rund 180, teilweise unverkäufliche Unikate lagern zusätzlich in einem speziell gekühlten Depot.

Michaël Lucerne ist bildender Künstler, ein zeitgenössischer Expressionist. Er ist ein offener, kommunikativer Mensch mit einem «farbenfrohen» Herzen, wie er sich selbst beschreibt. Sein Erscheinungsbild ist gepflegt, sein Stil irgendwie kunstvoll freakig. Ungeniert kombiniert er rote Cowboystiefel mit einer engen, dunklen Jeanshose, einem schwarzen Blazer und T-Shirt mit Engelssujet. Silberne selbstkreierte Klunker zieren drei seiner Finger. Seine Gedanken sprudeln, springen manchmal schnell und unvorhersehbar in die Ferne. «Ein wahrer Künstler ist authentisch: Seine Werke drücken aus, was er ausstrahlt. Und seine Arbeiten müssen einen Wiedererkennungswert haben», wirft er im Gespräch ein. Bei ihm sei dies der einzigartige Pinselduktus. Halbnackte Menschen sind auf den Bildern des ausgebildeten Akt- und Porträtmalers häufig zu sehen. Doch auch Gesichter, Städte und seit neustem Dampfschiffe sind bevorzugte Motive des Luzerners. «Ich male, was zu mir passt. Einen Künstler für Zirkussujets haben wir schon», sagt er lachend und witzelt: «Der Elefant für Rolf Knie und das Luzerner Wahrzeichen, der Wasserturm, für Michaël Lucerne.»

Von der Kunst leben

Vor über 25 Jahren hat Lucerne sein Leben voll und ganz dem Künstlerdasein verschrieben. Er habe das Glück gehabt, dass ihn seine liebenswerten, kunstinteressierten Eltern bei seinem Berufswunsch unterstützten und die Ausbildung finanzierten, erzählt er. «Ich habe versucht, nebenbei zu arbeiten. Aber ein Künstler muss den Kopf frei haben», fügt Michaël Lucerne, der nur mit Künstlernamen auftritt, nach einer Pause an. Letzteres verwundert nicht; sein Name ist zu einem Markenzeichen geworden. Sogar der Stadtpräsident von Moskau habe Bilder von ihm an seinen Wänden hängen, so der Künstler stolz. Michaël Lucerne finanziert seinen pompösen Lebensstil ausschliesslich mit dem Verkauf seiner Werke. Fördergeldern braucht er keinen hinterherzujagen. «Ich bin nicht darauf angewiesen. Meine ersten Ausstellungen liefen so gut, dass sie innert weniger Tage ausverkauft waren. So wurden bald die ersten Galerien auf mich aufmerksam, und es folgten Firmenaufträge. Ich musste nie an fremde Türen klopfen.» Das Erfolgsrezept sei, mit der Kunst den Zeitgeist zu treffen. «Und das ist es, was ich tue», bringt es Michaël Lucerne auf den Punkt.

Schritt ins Ungewisse

Eine andere Definition von Kunst hat Martin Gut. «Das Werk selbst ist für mich lediglich ein Mittel zur Kunst. Kunst entsteht dann, wenn zwischen dem Werk und dem Betrachter etwas passiert.» Und: «Kunst darf ruhig etwas aussagen. Metaphorisch gesprochen könnte ich niemals Schmetterlinge malen, während in Libyen Menschen sterben. Dazu sind mir meine Ressourcen zu wertvoll.» Der 34-Jährige ordnet sich selbst als Vielspartenkünstler ein. Er macht Airbrushing, malt, schafft Skulpturen und stellt Geräte her, die er mit Gegenständen von der Strasse, wie etwa einem entsorgten Stofftier, bastelt. Sein kleines Atelier in der Stadt Luzern ist vollgestellt. Auf dem Schreibtisch seiner Büroecke neben der Eingangstür stapeln sich Papierberge. Weiter hinten findet sich nebst einem Sofa und einer Werkbank überall Elektroschrott, wie alte Fernseher und sonstige, auf Anhieb undefinierbare Dinge. Zum Beispiel die von Martin Gut so genannte Dartatur, eine farbige Computertastatur, in der ein Dartpfeil steckt. Oder der Skischuhstrand, ein abgesägter Skischuh, gefüllt mit Sand und einer Muschel zur Dekoration. «Ich bin kein Sammler. In meinem Atelier gibt es vielmehr eine Ansammlung von Müll», sagt er lachend. «Vor allem technische Geräte faszinieren mich, und ich experimentiere gerne.» Martin Gut ist authentisch; seine Werke stellen dar, was ihn auszumachen scheint: den Tüftler. Mit 17 Jahren hat dieser lockere Typ mit langem Haar, gepierctem Gesicht und Hippie-Hose den Sprung zu den freien Kunstschaffenden gewagt. Er langweile sich nur ungern mit sich selber, möge keine Routine, und er könne sich seinen freien Lebensstil leisten, kommentiert er den mutigen Schritt ins Ungewisse.

Absagen kumuliert

Martin Gut hat sich in der Schweizer Kunstszene ebenfalls einen Namen gemacht – vor allem mit seinem aussergewöhnlichen Erfindergeist. Reich ist er damit bisher nicht geworden. «Ich lebe furchtbar gut. Und zum Glück war ich nie in dieser Wohlstandsfalle!», betont er. Wohlstandsfalle? «Wenn man ein konkretes Monatseinkommen braucht, um den eigenen Lebensstandard aufrechtzuerhalten», erläutert Gut. Um sich finanziell über Wasser zu halten, ist er sich für nichts zu schade. Am Anfang seiner künstlerischen Karriere sprang er regelmässig als Akkord-Dachdecker in die Bresche. Heute fungiert er nebenberuflich als Kulturmanager und arbeitet in einer kleinen Bar. «Das Maximum, was ich je mit meiner Kunst erwirtschaftet habe, waren 70 Prozent meines Einkommens.» In den Genuss von Subventionen ist Martin Gut nie gekommen – probiert hat er es mehr als einmal. «Ich habe Fördergelder nie als Notnagel für Künstler gesehen. Für mich sind sie eher eine Auszeichnung eines guten Werks», kommentiert er seine Hartnäckigkeit, zieht genüsslich an der Zigarette und erzählt weiter. Als Künstler kumuliere man unglaublich viele Absagen. Er nehme pro Jahr mindestens an acht bis neun Wettbewerben teil. Noch ohne Erfolg. «Ich zweifle nicht an meiner Arbeit, sondern vielmehr an meinen Dokumentationen», schmunzelt Gut schelmisch.

Kunst als Nebenprodukt

Mit Dokumentationen und Konzepten kennt sich die «New Public Art»-Künstlerin Susanna Perin aus Aarau bestens aus. Ihre Kunstprojekte sind nur schwer einzuordnen. «Meine Arbeit hat was mit der Entmaterialisierung des Kunstwerkes und mit einer kritischen Kunstpraxis zu tun», erläutert sie. Perin entspricht nicht dem Klischee einer Künstlerin. An ihr ist nichts Ausgeflipptes, nichts Abgehobenes. Im Gegensatz zu anderen Künstlerinnen und Künstlern besitzt sie auch kein Atelier, sondern arbeitet an einem geräumigen Büroplatz, der mit schier unendlich viel Software ausgestattet ist. «Manchmal ist mein Produkt eine Forschung, der Aufbau einer Arbeitsgruppe oder eines Netzwerks. Meine Arbeit kann aber auch eine Stellungnahme zu aktuellen Themen oder ein Migrantinnenprojekt sein.»

Keine Zeit für Kunst

Von 1984 bis 1989 hat die gebürtige Italienerin die Kunstakademie in Rom besucht und sich auf die Freskenmalerei spezialisiert. Seither hat sie das Schaffen von Kunst nie mehr losgelassen. «Ich komme aus einer Migrantenarbeiterfamilie und konnte mir nicht vorstellen, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Darum habe ich beschlossen, Kunst zu machen», erzählt Susanna Perin. Als junge Frau sei sie von den gesellschaftlichen Ereignissen in Italien beeinflusst gewesen: von Streiks, besetzten Universitäten und Fabriken. Von der Forderung nach autonomer Arbeit, der Auflehnung gegen Macht, Hierarchie, Disziplinierung. «Erst Jahre später habe ich, wie viele andere auch, gemerkt, dass wir Künstler und Künstlerinnen eine Vorbildfunktion in der neoliberalen Arbeitswelt eingenommen haben: selbständig, eigenverantwortlich, motiviert – und selbstausbeuterisch.»

Heute ist sie gesetzt, scheint weniger radikal in ihrer Einstellung. «Ich hatte mal die Hoffnung, nur von meiner Kunst zu leben. Dies hat sich gewandelt, als ich realisierte, dass trotz guten, internationalen Projekten sowie positiver Resonanz und renommierten Ausstellungsorten alles beim Alten blieb. Die eigene Arbeit ist nie bezahlt. An der Kunst verdienen alle, nur die Kunstschaffenden selber nicht», spiegelt Perin ihre Erfahrungen wider. Sie ist Geschäftsleiterin des Künstlerberufsverbandes «visarte.aargau» und Erwachsenenbildnerin. Ihre Erwerbsarbeit hat viel mit der eigenen künstlerischen Praxis zu tun. Für weitere Projekte ist die Zeit jedoch knapp. «Ich weiss noch nicht, wie ich mein aktuelles Projekt, die Untersuchung informellen Siedlungsbaus in Rom, zeitlich bewältigen werde», sagt sie. Ihre Arbeiten liessen sich kaum als Kunstobjekte mit mystischer Aura definieren, demzufolge weder verkaufen noch einfach finanzieren, erklärt die 48-Jährige. Und kritisiert: «Die Kunstförderung zielt immer mehr auf ein verkäufliches Produkt ab, aus dessen Erlös später die Kosten gedeckt werden. Betrachtet man das zeitgenössische künstlerische Schaffen, geht diese Überlegung nicht auf.»

Zugang zum Markt finden

Der Schweizer Kunstmarkt wird durch eine grosse Zahl von bildenden Künstlerinnen und Künstlern geprägt, die empirisch nur sehr schwer zu erfassen sind. Sie sind Teil einer Szene, die sich in ihrem Lebenszentrum mit bildender Kunst befasst. Laut dem Departement Kulturanalysen und Vermittlung der Zürcher Hochschule der Künste kann die Eidgenössische Steuerverwaltung einen ökonomisch relevanten Kern von rund 250 steuerpflichtigen Kunstschaffenden ausweisen. Die amtliche Statistik erfasst rund 770 Künstlerateliers, und der Berufsverband für visuelle Kunst «visarte» zählt über 2500 aktive Mitglieder. Alleine von ihren Werken und Projekten können rund fünf Prozent aller Kunstschaffenden leben. «Wir leben in einer vernetzten Welt. Es reicht nicht mehr, sich in einer lokalen Szene erfolgreich zu etablieren», sagt Hans Rudolf Reust. Der Kunstkritiker und Studienbereichsleiter «Fine Arts» an der Hochschule der Künste Bern präsidiert die Eidgenössische Kunstkommission. «Für grossen Erfolg müssen Kunstschaffende flexibel sein und viel reisen. Wichtig ist, dass sie über ihren eigenen Gartenzaun hinweg denken.»

Um Künstlerinnen und Künstlern den Zugang zum Markt zu erleichtern, betreibt der Bund aktive Kulturförderung. Diese gehört zum Handlungsbereich des Bundesamts für Kultur (BAK) und der Stiftung Pro Helvetia. Art und Weise der Kulturförderung unterscheiden sich je nach Bereich des Kulturschaffens. Der Bund fördert Kunst in Ergänzung und Unterstützung durch die Kantone, Gemeinden und private Organisationen. Das BAK veranstaltet Wettbewerbe, verleiht Auszeichnungen und tätigt Ankäufe. Im internationalen Vergleich seien die Schweizer Förderinstanzen gut, ist Reust überzeugt. Vor allem die Kantone und Gemeinden investierten einiges in Kulturförderung. «Künstler sollten nicht von der Kulturförderung allein leben können. Dieses Modell gab es während Jahrzehnten in Holland, und es hat nicht nur gute Kunst hervorgebracht», weiss der Experte. «Gute Förderung sollte einfach wirken: mit Cash als direkter Unterstützung der Arbeit, mit symbolischer Anerkennung, mit öffentlicher Aufmerksamkeit und kritischer Auseinandersetzung mit dem Werk.»

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