«der arbeitsmarkt» 06/2007

Der Campingwart vom Türlersee

Daueraufenthalter, Durchreisende und Badegäste teilen sich den Campingplatz am Türlersee. Für den Pächter Köbi Huber gilt es, alle Interessen zu berücksichtigen und gleichzeitig Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten.

Campingwart ist Köbi Huber zwar auch. Aber eben nicht nur. Er ist vielmehr Allround-Unternehmer. Als Pächterehepaar betreiben er und seine Frau Ruth neben dem Campingplatz mit Restauration auch das öffentliche Strandbad am Türlersee. Auf der Liegewiese werden während der Saison verschiedene Anlässe mit bis zu 500 Gästen durchgeführt. Besitzer des 190 Aren grossen Campingplatzes ist die Gemeinde Hausen am Albis.
So vielfältig Köbi Hubers Aufgabengebiet ist, so breit ist auch sein Anforderungsprofil. Welche Eigenschaften und Fähigkeiten braucht es, um einen solchen Betrieb erfolgreich führen zu können? Dass man sehr gut mit Leuten umgehen, auf die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Camper, Wanderer, Badenden, Segelnden und Tauchenden eingehen könne, meint Köbi Huber. «Man muss schon sehr viel Drive haben und ein guter Organisator und Planer sein und offen für Veränderungen.» Neben guten Führungsqualitäten ist auch unternehmerisches Denken notwendig: «Wir müssen gut haushalten, um von unserer Arbeit leben zu können.» Zudem seien handwerkliches Geschick und technisches Verständnis gefragt und auch körperliche Fitness sei unabdingbar, sagt Köbi Huber. Natürlich ist er auch auf kompetentes Personal angewiesen: «Ohne gute Leute, auf die ich mich verlassen kann, würde ich verzweifeln.» Rund dreissig Angestellte mit unterschiedlichsten Arbeitspensen stehen auf seiner Lohnliste. Die Hubers können auf eine feste Crew zählen, die jede Saison wieder motiviert antritt.
An einem schönen Sommersonntag befinden sich bis zu 1500 Gäste auf dem Platz. Neun Angestellte sind dann allein in der Restaurantküche und im Kiosk tätig. An der Rezeption und auf dem Parkplatz wird Personal benötigt und natürlich stehen auch Bademeister im Einsatz. Insgesamt sind an einem solchen Tag etwa 15 Leute beschäftigt. «Das gesamte Personal ist in Nothilfe geschult, und wir alle besuchen regelmässig Wiederholungskurse, um unser Wissen à jour zu halten.» Die momentan sieben abwechslungsweise im Einsatz stehenden Bademeister verfügen zusätzlich über eine Spezialaus-
bildung.

Zelter sind nicht Camper zweiter Klasse

«Ich habe immer gesagt, dass ich mit fünfzig noch etwas Neues anpacken möchte. Und ich war denn auch ziemlich genau fünfzig, als wir den Pachtvertrag unterzeichneten.» Freunde und Bekannte hätten sie damals
belächelt, erinnert sich Köbi Huber. «Immerhin gaben meine Frau, sie war Lehrerin, und ich gute Stellen auf. Nicht dass ich nach 25-jähriger Tätigkeit als Schulleiter unglücklich gewesen wäre. Ich mag den Lehrerberuf und unterrichte auch heute noch. Aber ich wollte einfach noch etwas ganz anderes machen im Leben.» Ohne die Unterstützung seiner Frau wäre das nicht gegangen, betont Huber.
«Wir haben einiges verändert auf dem Campingplatz, haben beispielsweise die Zone für die Zelte verlegt.» In Europa, und gerade auch in der Schweiz, werde vielfach der Fehler gemacht, dass Zelter als Zweitklass-camper angesehen würden und man sie an unattraktive Orte verbanne. Dabei seien das diejenigen Gäste, die am wenigsten Schaden anrichteten: «Sie lassen das Auto auf dem Parkplatz stehen und bringen ihre Sachen zu Fuss auf den Campingplatz.» Am Türlersee haben die Zelter die schönsten Plätze, direkt oberhalb des Sees, mit direktem Zugang zum Spielplatz und zur Badewiese.
Doch die Nähe zum See birgt auch Gefahren. «Im August letzten Jahres, in der Badeanstalt war kein Betrieb, wurden wir von einem verzweifelten Mädchen um Hilfe gerufen. Sie hatte ihre noch nicht einjährigen Zwillingsgeschwister gehütet, während die Eltern einen Spaziergang machten. Der Kinderwagen kam ins Rollen und fiel vom Steg ins trübe Wasser. Ich konnte den Wagen mit den Kindern zum Glück aus einer Tiefe von rund drei Metern bergen. Als ich auftauchte, war bereits ein Helfer zur Stelle, der den Wagen aus dem Wasser ziehen konnte. Frau Haller, die zusammen mit meiner Frau den Restaurationsbetrieb leitet, und eine zufällig auf Besuch weilende Feuerwehrsamariterin nahmen dann je ein Kind an sich und begannen mit der Reanimation. Durch dieses gute Zusammenspiel konnten wir wertvolle Zeit gewinnen. Die alarmierte Sanität war schnell zur Stelle und die beiden Kinder konnten gerettet werden, ohne einen Schaden davonzutragen.»
Manchmal meinten die Leute, ein Bademeister müsse permanent auf jeden einzelnen Badegast aufpassen. Köbi Huber ist anderer Ansicht: «Ich plädiere viel mehr dafür, dass die Gäste mehr Eigenverantwortung übernehmen und nicht immer die Last oder gar Schuld auf andere abschieben.»
Am Türlersee sind die Einschränkungen für Gäste gering, aber sie haben sich an die Ordnung in den verschiedenen Zonen zu halten. Die Vorschrift, dass man ins tiefe Wasser keine aufblasbaren Hilfsmittel mitnehmen darf, werde leider nicht von allen Gästen verstanden. Die Gefahren würden immer wieder unterschätzt: Da schwamm zum Beispiel ein Vater mit seinem Kind raus, das noch nicht schwimmen konnte, aber Schwimmflügel trug. Auf halber Strecke zum Floss verkrampften sich seine Beine, und er war nicht in der Lage, seiner Tochter, die umgekippt war und den Kopf unter Wasser hatte, zu helfen. «Wir haben dann zuerst das Mädchen gerettet und danach auch den Vater sicher ans Ufer gebracht.»
Gefahren birgt aber nicht nur das Wasser: «Eines Tages hat eine Frau lichterloh gebrannt. Sie hatte ihren Campingkocher nicht richtig zusammengeschraubt, Gas konnte entweichen und ihre Kleider fingen Feuer. Andere Gäste haben die Flammen sofort gelöscht und ich habe die Frau unter die kalte Dusche gestellt, wo ich sie richtiggehend festhalten musste, bis die Sanität eintraf. Die arme Frau hat vor Schmerzen fürchterlich geschrien. Dank dieser ‹Behandlung› blieb sie aber vor massiven Verbrennungsnarben verschont.» Von gröberen oder weniger glücklich abgelaufenen Unfällen blieb der Campingplatz bisher glücklicherweise verschont.

Der Campingplatz als Naherholungsgebiet

Der Campingplatz am Türlersee verfügt über 130 Saisonmieter- und 50 Touristenstellplätze. Die meisten Saisongäste reisen laut Köbi Huber aus den Kantonen Zürich, Aargau und Luzern an. Diese Gäste kommen gerne mal auch am Abend auf den Campingplatz und gehen dann wieder heim. Vor allem während der Sommerferien verbringen zahlreiche Frauen und Kinder ihre Tage am See, die Männer kommen am Feierabend nach.
Bei den sogenannten Passanten, die nur für eine Nacht bleiben, handelt es sich meistens um Schweizer. Ansonsten kommen die Urlauber aber aus der ganzen Welt: Holland, Deutschland, Italien, auch mal Australien, England oder Amerika.
«Das bunte Gemisch von unterschiedlichsten Charakteren führt auch mal zu Auseinandersetzungen. Aber es kommt selten vor, dass man sich nicht einigen kann und wir vermittelnd eingreifen müssen.» Die Hubers sind sehr zufrieden mit ihren Gästen.
Es gibt Campingplatzbetreiber, die nehmen aufgrund negativer Erfahrungen keine Jugendlichen mehr auf. Aber für Köbi Huber ist das keine Lösung: «Von Jugendlichen und jungen Erwachsenen verlange ich zwanzig Franken Depot für das Campingplatzreglement. Dies hat eine sehr gute Wirkung: Das Reglement wird dadurch überhaupt gelesen und meist auch befolgt. Bisher musste ich etwa drei Mal das Depot einbehalten. In der Regel sind die jungen Leute stolz, wenn sie die zwanzig Franken zurückerhalten.»
Ende Oktober geht die Campingsaison zu Ende. Dann wird alles abgeräumt. «Die Mieter nehmen ihre Wagen selber mit oder wir wintern sie in ihrem Auftrag in einer Halle ein.» So sind diese nicht der Witterung und dem Schneedruck ausgesetzt und halten dadurch länger. Auch die Einbruchgefahr wird ausgeschlossen. «Vor Saisonstart und nach Saisonende sind wir jeweils mit vier Mann und zwei Zugfahrzeugen während einer Woche mit dem Transport der Campingwagen beschäftigt», sagt Köbi Huber. Könnten die Wagen stehen bleiben, bräuchte es ein spezielles Reglement, eines mehr. «Und wer müsste die Einhaltung kontrollieren? Natürlich der Pächter.»

Impressionen vom Türlersee fotografierte Christina Brückner (siehe pdf-Version)

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