«der arbeitsmarkt» 07/2007

Damit sie wissen, was sie tun

Wenn Jugendlichen Perspektiven und Grenzen fehlen, droht der Absturz in die Kriminalität. Die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung sinkt, die Taten werden brutaler und die Verletzungen schwerwiegender. Im Aufnahmeheim AH Basel landen Jugendliche, die durch Gewaltdelikte auffallen. «der arbeitsmarkt» hat die Institution besucht.

An der Basler Fasnacht schlug Elias* «einem, der blöd geschaut hat» seine Faust frontal ins Gesicht. Der Alkohol hatte die Hemmung herabgesetzt. Sein Opfer lag drei Tage mit geprelltem Nasenbein und Gehirnerschütterung im Spital. Die Ärzte meitnen, es hätten auch leicht ein gebrochenes Nasen- und Jochbein oder ein zertrümmerter Schädel dazukommen können. Es war nicht Elias’ erstes Delikt. Nach Sachbeschädigung und Massenschlägereien hat diese Tat nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Der 18-jährige, in der Schweiz und in Südafrika aufgewachsene Blondschopf wurde ins AH Basel eingewiesen.
Dorthin gelangen männliche Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, die durch Gewaltdelikte wie beispielsweise Sachbeschädigung, Körperverletzung, Diebstähle oder Hehlerei aufgefallen sind. Eine Einweisung ins AH Basel soll die weitere Eskalation verhindern, wenn sich die Situation zugespitzt hat. Wenn die Jungs immer häufiger grundlos und brutal zuhauen, die Anzeigen sich häufen und die Auflagen der Jugendanwaltschaft nicht eingehalten werden. Auslöser dieser Fremd- und Eigengefährdung ist oft eine persönliche Krise. Die vorübergehende Massnahme bietet Gelegenheit, die weitere Entwicklung des Jugendlichen zu planen und in die Wege zu leiten.

Kooperation gibt ein Plus, Widerstand ein Minus

Das Aufnahmeheim teilt sich in eine offene und eine geschlossene Abteilung. Beide Abteilungen bieten je acht Plätze. Der durchschnittliche Aufenthalt dauert in der geschlossenen Abteilung zwei und in der offenen vier Monate. Formale Voraussetzung für die Aufnahme ist ein straf- oder zivilrechtlicher Beschluss.
Die geschlossene Abteilung ist schon von aussen leicht an den vergitterten Fenstern zu erkennen. Hier werden Untersuchungs- und Sicherheitshaft sowie Einschliessungsstrafen vollzogen. Die Insassen haben kaum Kontakt nach aussen.
Wenn ein Jugendlicher neu in die geschlossene Abteilung eintritt, gelangt er durch eine Schleuse ins Gebäude. Als Erstes wird er gefilzt. Seine Kleider werden ihm abgenommen, untersucht und gewaschen, damit nichts eingeschmuggelt werden kann. Gewisse persönliche Utensilien wie Zeichen von «Gangzugehörigkeit» und Schuhe bleiben in einem verschlossenen Kasten beim Ausgang. Dann kann der Teenager sein Zimmer beziehen. Der enge Raum ist spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Gestell, ein Tisch und ein Stuhl sowie Toilette und Waschbecken. Während der Nacht und bei Schichtübergabe der Betreuer müssen die Teenager in ihren verschlossenen Zimmern ausharren.
An fünf Morgen in der Woche werden die Jugendlichen ausgebildet. Sie besuchen wochenweise alternierend den Schulunterricht oder arbeiten im Atelier; beides findet innerhalb der Mauern des AH Basel statt.
Die in der offenen Abteilung untergebrachten Jugendlichen dagegen können den Bezug zum persönlichen sozialen Umfeld aufrechterhalten. In dieser Abteilung ist Elias nach seinem Fausthieb an der Fasnacht gelandet. Es liegt nun an ihm, wie oft er seine Freundin sehen darf.
Der Raufbold muss sich in einem Stufenprogramm behaupten. Bei guter Führung kann er eine Stufe höher gelangen und erhält damit mehr Freiheiten, muss aber auch mehr Pflichten wahrnehmen. Die Skala reicht von eins bis fünf. Ein Neuankömmling beginnt auf Stufe eins. Elias ist nun in Stufe zwei und hat pro Woche drei Ausgänge zugut, was er als viel zu wenig empfindet.
Das Betreuerteam beobachtet die Einhaltung von Regeln und Pflichten und hält diese in einem Bewertungsbogen fest. Ein Plus steht für «sehr gut erfüllt», ein Häkchen bedeutet «erfüllt» und ein Minus zeigt «nicht erfüllt». Wenn ein Jugendlicher viele Abzüge bekommt, kann er nicht aufsteigen und ist gefährdet, eine Stufe abzusteigen.
Elias hat sieben Minus, die seiner Meinung nach alle ungerechtfertigt sind. Eines davon hat er erhalten, weil in seinem Zimmer ein Zigarettenstummel aufgetaucht ist. Im AH Basel herrscht Rauchverbot. Nicht in flagranti ertappt, wollte der Querschläger diesen angeblich alten Stummel nicht als Indiz für den Regelverstoss gelten lassen. Mit dem Protest hat er sich ein weiteres Minus eingebrockt. Die Hälfte seiner Abzüge geht auf das Konto Widerstand.

Die Sinnlosigkeit von Gewalt verständlich machen

Olivier Schenk schaut zusammen mit seinen Kollegen, dass die Regeln eingehalten werden. Er gehört zu den Betreuern. Der gelernte Tiefbauzeichner und Maurer hat sich auf dem zweiten Bildungsweg berufsbegleitend zum Sozialpädagogen ausbilden lassen und übernimmt seit vier Jahren verschiedenste Aufgaben und Funktionen im AH Basel. Er ist Trainer, Ordnungshüter, Eskalationsverhinderer und Aufseher in einer Person. Er trainiert mit den Jugendlichen gesellschaftliche Umgangsformen wie «Was darf man? Was darf man nicht?», kontrolliert die Pflichterfüllung jedes einzelnen, interveniert bei aufkommenden Auseinandersetzungen und schreitet ein, wenn ein Bursche von den anderen unterdrückt wird.
Als Bezugsperson eines Internierten übernimmt Schenk die Verantwortung für die Entwicklung dieses Jugendlichen. So ist er einerseits im Kontakt mit den Eltern und organisiert bei Bedarf Standortsitzungen mit Behörden, Eltern, pädagogischer Leitung und Psychologen. Bei diesen Sitzungen werden gemeinsam mit dem Jugendlichen Ziele vereinbart und wird der Lernprozess überwacht. Die Entwicklung des Jugendlichen hält Oliver Schenk im Beobachtungsbericht fest.
Im AH Basel werden dem Jugendlichen einerseits Vertrauen, Sympathie, Verständnis und Respekt entgegengebracht, andererseits wird er konsequent mit seinen Handlungen konfrontiert. Wichtig dabei ist die Empathie gegenüber der Person. «Nicht der Mensch ist schlecht, sondern die Tat», sagt Schenk.
Die grösste Herausforderung sieht Schenk darin, insbesondere unbedarften Jugendlichen die Sinnlosigkeit von Gewalt verständlich zu machen. Manchmal führt der Weg über Gespräche nicht zum Ziel. Eine Möglichkeit bietet beispielsweise ein «Psychodrama», eine Therapieform, die mit Rollenspielen arbeitet.

Empathie für die Opfer der eigenen Taten empfinden

Eine wichtige Methode ist das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT), bei welchem das AH Basel als Mentor auftritt. Das Training richtet sich an Burschen ab fünfzehn Jahren, die durch Straftaten in Verbindung mit Gewalt aufgefallen sind. Die Jugendlichen sollen lernen, Konflikte auszutragen und sich zu behaupten, ohne zuzuschlagen.
Aarondo De Cambre ist einer der erfolgreichen Absolventen des Anti-Aggressivitäts-Trainings. Der 20-Jährige blickt auf eine regelrechte Gewaltkarriere zurück: Massenschlägereien, zahllose schwere Körperver­letzungen, Gewalt gegen Beamte, unerlaubter Waffenbesitz.
Mit fünf Jahren kam der junge Jamaikaner mit seiner Familie in die Schweiz. Bereits im Kindergarten fiel er wegen seiner Aggressivität auf. Mit sieben Jahren landete er in einem Kinderheim und mit neun kam er infolge einer Schlägerei das erste Mal ins AH Basel.
Aufenthalte in verschiedenen Institutionen und im Jugendgefängnis reihten sich aneinander. Immer wieder flog der Junge infolge von Schlägereien und Gewalt gegenüber anderen Jugendlichen, aber auch gegenüber Sozialpädagogen aus Heimen raus. Im Aufnahmeheim war er insgesamt drei Mal.
Mit 17 erkannte Aarondo, dass es so nicht weitergehen konnte, und entschloss sich, ein Anti-Aggressivitäts-Training zu absolvieren. Er ist einer der ganz wenigen, die dieses Training freiwillig besuchen. Meist wird den Teenagern das AAT von der Jugendanwaltschaft aufgebrummt.
Beim Anti-Aggressivitäts-Training wird der Jugendliche während 22 Terminen intensiv mit seinem Delikt und den möglichen Auswirkungen konfrontiert. Die jungen Täter erfahren, welche Wunden eine Faust oder ein Tritt hervorrufen können und was die Verletzungen bedeuten. Die Raufbolde sollen lernen, Empathie gegenüber ihren Opfern zu empfinden. Die meisten scheuen diese Auseinandersetzung. Sie verharmlosen die eigene Tat und beurteilen ihr Verhalten als «normal».
Aarondo musste sich Fotos von Leidtragenden ansehen, die auch seine Opfer hätten sein können. Der 20-jährige Hiphopper war erstaunt über das Ausmass der Verletzungen. Er erinnert sich, wie schwierig diese Konfrontation für ihn war: «Sie halten dir einen Spiegel vor und du musst reinschauen. Du musst sehen, wie du wirklich bist. Ich wollte nicht so sein wie der, den ich da sah.»
Reflektion ist das A und O der Persönlichkeitsentwicklung. Die Raufbolde müssen lernen, ihr Verhalten zu überdenken und zu erkennen, in welchen Situationen sie zu Gewalttätigkeit neigen. Zu Beginn jeder
Sitzung findet ein Rückblick statt. Jeder Teilnehmer erzählt von Erfahrungen und Alltagssituationen. Diese werden gemeinsam analysiert. So übt der Jugendliche als Erstes, seine Gefühle zu erkennen und zu beschreiben. In weiteren Schritten lernt er, sich mit anderen Mitteln als Gewalt zu behaupten.
Nicht alle Jugendlichen schaffen das AAT. 70 bis 80 Prozent schliessen das Training erfolgreich ab. Das heisst, sie halten das Training durch und machen einen Lernprozess durch. Ohne dieses Umdenken steht die Gewaltfreiheit auf wackeligen Beinen. Der AAT-Trainer Markus Blümke bringt es auf den Punkt: «Wenn ein Jugendlicher weiterhin gewalttätig sein will, können wir daran auch nichts ändern.» Der Sozialpädagoge und gelernte Steinmetz arbeitet seit 1997 im AH Basel. Er leitet die geschlossene Abteilung und ist seit sieben Jahren AAT-Trainer.

Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht

Aarondo hat sich mit seinen Taten auseinandergesetzt und die verschiedenen Stufen des AAT erfolgreich absolviert. Als Auszeichnung bekam er dafür ein Diplom und ist seither selbst als Tutor bei Trainings mit
anderen Jugendlichen dabei. Der junge Mentor glaubt, dass er als ehemaliger Täter die Jugendlichen besser zum Nachdenken bringen kann als Psychologen und Sozialpädagogen.
Gerne gibt er seine eigenen Erfahrungen beim mittlerweile dritten Kurs an die Programmteilnehmer weiter. Er will die Jugendlichen darauf vorbereiten, dass nachher alles anders ist: Die bisherigen Freunde sind keine Freunde mehr, man gehört nicht mehr zur Clique. «Du bist anders als vorher, und das passt denen nicht. Du wirst von den eigenen Freunden provoziert. Da bist du alleine, das ist nicht einfach.»
Seine Taten bereut Aarondo. Er bedauert, dass Personen durch ihn zu Schaden gekommen sind und er sich für seine Zukunft viel verbaut hat.
Nach einem 12-monatigen Praktikum als Pflegeassistent in einem Heim für behin-derte Menschen mit hohem Assistenzbedarf suchte Aarondo ein halbes Jahr lang vergeblich nach einer Stelle. Dann vermittelte ihm ein Freund einen Job im Hiphop-Laden West Side in Basel. Da ist der Jamaikaner, der nebenbei in einer Band rappt, in seiner Welt. Er würde auch gerne eine Lehre als Verkäufer (Detailhandelsassistent) machen.
Der Erfolg der Massnahmen, sei es ein Aufenthalt im AH Basel oder die Teilnahme an einem Anti-Aggressivitäts-Training, hängt massgeblich von der weiterführenden Betreuung und der beruflichen Integration ab. AAT-Trainer Markus Blümke konstatiert: «Wenn adäquate Anschlusslösungen fehlen, erhöht sich das Risiko erneuter Delinquenz.»
Angebote, die die Weiterentwicklung der Jugendlichen vorantreiben, sind nicht immer vorhanden. Auf der einen Seite bilden Unternehmen lieber Jugendliche aus, die keinen Strafregisterauszug mitbringen. Auf der anderen Seite können Anschlussaufenthalte in Heimen ihre Wirkung verfehlen. Das liegt nicht am mangelnden Willen der einzelnen Betreuer. Wenn in einem Heim Strukturen nicht konsequent festgelegt sind und ein Heimmitarbeiter mehr und ein anderer weniger erlaubt oder fordert, gibt es Probleme. Denn diese Inkonsequenz führt dazu, dass Jugendliche die Orientierung verlieren.
Mehr geschützte Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie genauere Zielsetzungen und Grenzen in Institutionen würden die nachhaltige Entfaltung eines Jugendlichen unterstützen.
Blümke würde es begrüssen, wenn es erst gar nicht so weit käme: «Die Gesellschaft braucht mehr Bereitschaft, hinzuschauen, sich auseinanderzusetzen und Dinge anzusprechen.» Auf diese Weise könnte eine Fehlentwicklung früher erkannt und angegangen werden. Der unnachgiebige Konfrontationsexperte weiss, dass sich eine Familie nur schwer dazu bekennt, mit dem Verhalten ihres Kindes überfordert zu sein, und wünscht sich daher, dass insbesondere Kindergärten und Schulen vermehrt ihr Augenmerk auf auffälliges Verhalten richten.

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