03.02.2020
Gebäudeplan als Basis für die Arbeit des Baustatikers

Definiert die Nutzungsbedingungen für ein Gebäude: Plan des Baustatikers.

Fabian Hürzeler, Bauingenieur mit grosser Verantwortung

Ab und zu schlaflose Nächte

Macht ein Bauingenieur Fehler, kann das verheerende Folgen haben, denn Menschenleben werden gefährdet. Der Bieler Ingenieur Fabian Hürzeler erläutert, wie er mit diesem Druck und der Verantwortung umgeht.

Tragsicherheit und Gebrauchstauglichkeit – dies sind die zwei Begriffe, die das berufliche Leben von Fabian Hürzeler prägen. Der diplomierte Bauingenieur FH ist Geschäftsführer der Mantegani & Wysseier Ingenieure & Planer AG in Biel. Das Büro ist spezialisiert auf Tragwerksplanungen für Gebäude und Brücken und hat namhafte Bauten wie den Sendeturm auf dem Bantiger bei Bern sowie das Museum Gertsch in Burgdorf erstellt und ist an der Instandsetzung des Kongresshauses in Biel beteiligt.

«Bei der Gebrauchstauglichkeit – diese definiert die Nutzungsbedingungen des Gebäudes – haben wir Möglichkeiten, bei der Tragsicherheit hingegen gibt es null Spielraum», meint der 42-jährige Familienvater. «Schliesslich dürfen wir zu keinem Zeitpunkt Menschen gefährden.» Somit kommt der Arbeit eines Baustatikers enorme Bedeutung zu. «Leider», so Hürzeler, «wird unser Berufsstand aber in den seltensten Fällen wertgeschätzt. Der Architekt mit seiner wunderschönen Zeichnung ist der Held, aber nicht selten sind wir diejenigen, die die Konstruktion überhaupt erst möglich machen.»

Die Vielseitigkeit seines Berufs fasziniert Fabian Hürzeler immer wieder aufs Neue, auch wenn heutzutage rund 90 Prozent der Arbeiten am Computer stattfinden. Statik berechnen, technische Berichte verfassen, eine Baustelle besuchen, Meetings, der Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen und schliesslich die Einzigartigkeit jedes Bauprojekts – all das liebt der Ingenieur an seinem Beruf. Auch hat er so hin und wieder die Gelegenheit, an Orte zu kommen, zu denen die breite Bevölkerung – beispielsweise aus Gründen der Geheimhaltung wie in der Schweizerischen Nationalbank – keinen Zutritt hat. «Und es ist natürlich immer wieder schön, zu sehen, wie etwas entsteht, an dem ich aktiv beteiligt war», unterstreicht er.

Lego gab den Beruf vor
Schon als Bub war Hürzeler von Lego fasziniert und ist heute noch Fan der Spielzeugbausteine. Somit war die Richtung der Berufswahl bald vorgegeben. Auf die Lehre als Hochbauzeichner mit Fachrichtung Architektur folgte berufsbegleitend die Ausbildung zum Bauingenieur an der damals «Abendtech» genannten Fachhochschule. «Fasziniert von Bauphysik, wollte ich mich in diese Richtung weiterentwickeln. Ich bin mehr der mathematische Typ und konnte nie so gut zeichnen wie meine Kollegen.»

Was aber macht nun ein Bauingenieur? Hürzeler erklärt: «Als Fachplaner werden wir gegen Ende der ersten Projektphase involviert, es braucht eine Tragwerksprüfung. Wir prüfen die Pläne des Architekten bezüglich Stabilität, dann werden die Stärken der Konstruktion bestimmt. Der Architekt trägt anschliessend alle Eingaben der Fachplaner zusammen und erstellt das Gesamtprojekt. Danach wird die Ausschreibungsphase eingeleitet, in der Arbeiten, Materialien und Mengen definiert werden, damit Unternehmen offerieren können. Ist dies bestimmt, beginnt die Ausführung, in der vor allem die Zeichner gefragt sind. Dies, bis der Rohbau, also das Tragwerk, erstellt ist. Die Bauzeit kann sich dann noch länger hinziehen, aber unsere Arbeit ist – abgesehen von Kontrollen oder ausserplanmässigen Änderungen – bereits getan.»

Statische Prüfung verriet strukturelle Schwächen
In Genf musste im Oktober 2019 ein in den Sechzigerjahren erbautes Mehrfamilienhaus mit Gewerbenutzung innert kürzester Frist evakuiert werden, weil die Tragsicherheit nicht mehr gewährleistet war. Dies wirft die Frage auf: Wie kann so etwas passieren? «Schwierig zu sagen», sinniert Hürzeler. «Ich müsste mal einen gravierenden Fehler gemacht haben, um zu erfahren, wie er überhaupt passieren kann», sagt er schmunzelnd. «Grundsätzlich ist zu sagen, dass sich das Wissen ständig weiterentwickelt. Es ist gut möglich, dass zur damaligen Zeit gewisse Einflussfaktoren nicht so gut eingeschätzt werden konnten.»

Von der beschaulichen Theorie in die harte Realität
Wie geht Fabian Hürzeler mit dem Druck, mit der grossen Verantwortung um? Die Zeit direkt nach der Fachhochschule sei für ihn die schlimmste gewesen. Bis dahin war alles schöne Theorie – plötzlich steht der junge Ingenieur mitten im Beruf und sieht sich mit einer gnadenlosen Verantwortung konfrontiert. Ein einziger Fehler, und schon können Menschen in Gefahr sein. «Gott sei Dank waren wir noch nie mit einer tragischen Situation konfrontiert», meint Hürzeler.

Die Zeit habe ihn auch erfahrener gemacht, er habe gelernt, mit dieser Verantwortung umzugehen. Trotzdem hat er auch heute noch ab und zu schlaflose Nächte, in denen er sich fragt: Habe ich alles richtig gemacht? «Wenn einer damit nicht umgehen kann, sollte er sich überlegen, den Beruf zu wechseln – im eigenen Interesse und der Gesundheit zuliebe.» Rückhalt in der Familie und bei Freunden sowie Sport helfen ihm, Distanz zum Job zu schaffen.

Fotos: Roger Wassmer

CAD war gestern, die Zukunft gehört BIM
Nach wie vor zeichnen einige Architekturbüros alles von Hand, aber die Mehrheit arbeitet heute mit CAD, Computer Aided Design, also computerunterstütztem Entwerfen und Konstruieren. Bis anhin wurde in CAD-Anwendungen alles zweidimensional dargestellt, mit «BIM», Building Information Modeling, also Bauwerksmodellierung, kommt heute die dritte Dimension hinzu. BIM ändert nicht nur das Entwerfen und Konstruieren, sondern die ganze Planung und Projektierung. Bis anhin sassen die Planer einzeln an ihren Projekten und trugen zum Schluss alles zusammen. Mit BIM können alle beteiligten Parteien zeitgleich und unabhängig voneinander am gleichen Projekt arbeiten. Alle Daten sind in einer Datenbank gespeichert. Ändert sich ein Parameter, passt das Programm automatisch die ganze Konstruktion entsprechend an. Das Gesamtmodell ist somit immer richtig und «up to date».

Dieses Interview entstand im Rahmen der Zeitschrift «blickwinkel», deren aktuelle Frühlingsausgabe 2020 sich dem Thema Fehlerkultur widmet.

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