25.11.2021
FOTO UND TEXT: Béatrice Eigenmann
Ristorante Stazione in Intragna

Speisesaal im Ristorante Stazione

Ristorante Stazione in Intragna

In Wanderkleidern im Gourmettempel

Selbst einfache Wanderer werden im Restaurant Stazione da Agnese e Adriana in Intragna zuvorkommend empfangen. Dafür sorgt Seniorchefin Agnese Broggini als Gastgeberin. In der Küche kümmert sich Schwiegertochter Adriana um das leibliche Wohl der Gäste. Das Lokal ist mit 14 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnet.

Es ist ein kühler Dienstagabend im Oktober; wir sind müde und hungrig, suchen in Intragna (TI) eine Möglichkeit für ein Nachtessen. Das Grotto Maggini ist voll, freie Tische gibt es erst ab 20 Uhr wieder. Das «Campanile» hat Ruhetag. Wir kennen uns nicht aus in dieser Gegend und mögen nicht noch weiter herumirren. Mein Begleiter und ich fassen uns ein Herz und betreten in unseren Wanderkleidern das Hotel-Restaurant Stazione da Agnese e Adriana. Immerhin ein Gilde-Restaurant mit 14 Gault-Millau-Punkten und 2017 Gewinner der Tessiner Woche der TV-Show «Mini Beiz – dini Beiz» von SRF.

Angenehmes Ambiente
Auf meine schüchterne Frage, ob auch einfache Wanderer bedient würden, führt uns die zierliche, perfekt gestylte Seniorchefin Agnese Broggini zuvorkommend an einen freien Tisch neben der Türe im Speisesaal. Sie bringt uns die Speisekarte und erläutert die Spezialität des Tages, berät uns und nimmt die Bestellung auf. Sie wirkt jugendlich mit ihren 79 Jahren. Vermutlich deshalb, weil sie ihren Beruf, Gastgeberin zu sein, noch immer mit Leidenschaft ausübt.

Der jüngere der beiden Kellner prüft unsere Zertifikate – alles bestens. Das Servicepersonal bedient mit Hygienemaske, während Agnese Broggini ihre Gäste ohne Maske in Empfang nimmt, was uns irritiert.

In der Küche amtet Schwiegertochter Adriana (47) seit 24 Jahren. Sie kocht nach den bewährten Rezepten von Agnese, lässt aber auch immer wieder Eigenkreationen einfliessen. Der Speisesaal wirkt edel durch die dunklen Holztische mit weissen Tischtüchern und Servietten. Grosse weisse Porzellantöpfe und -figuren zieren das oberste Brett des Weingestells an der Wand. Die Einrichtung ist mit Bedacht gewählt, alles ist aufeinander abgestimmt. Wir fühlen uns wohl – trotz unserer Wanderkleider. Die Aussicht aus der Fensterfront ins Centovalli Richtung Locarno ist spektakulär, erst recht im Eindunkeln bei Vollmond.

Minestrone ganz einfach
Während sich das Lokal zu füllen beginnt, geniessen wir zum Apéro einen Drink aus frisch gepresstem Passionsfruchtsaft, gemischt mit einem trockenen Prosecco – fruchtig und frisch. Rasch folgt die heisse Minestrone. Sie schmeckt und wärmt, aber sie enttäuscht uns, weil der Teller einfach so auf den Tisch kommt, ohne Grissini dazu oder einige Kräuter als Dekoration. Währschafte Hausfrauenkost, aber nicht das, was ich mir in einem gehobeneren Restaurant vorgestellt hätte. Versöhnlich stimmt mich die Käsereibe, die zur Suppe gereicht wird. Eine Spezialanfertigung aus Holz: Auf einem Griff steckt ein extra zugeschnittenes Stück Käse, auf dem anderen Griff eine Metallreibe. Beide Griffe sind zusammengesteckt, sodass durch Drehen der Käse gerieben wird.

Wein oder doch keinen?
Auch wenn das Servicepersonal und die Seniorchefin ansonsten sehr aufmerksam sind, werden wir nicht nach unseren Weinwünschen gefragt. Deshalb verlangen wir selbst die Weinkarte. Diese wird uns umgehend gebracht. Ich entscheide mich für ein Glas Weisswein zum Hauptgang, mein Begleiter für ein Glas Rotwein. Da wir kein Mineralwasser vertragen, fragen wir nach Leitungswasser. Dieser Wunsch wird uns erfüllt mit der Bemerkung der Seniorchefin, das könne man so machen.

Üppige Hauptgänge
Zur Hauptspeise gibt’s Kalbsleber an Rahmsauce mit fein geschnittenem Gemüse für meinen Begleiter und Zanderfilet an Zitronenschaum für mich. Mein Begleiter hat zur Leber Polenta bestellt, erhält aber Rösti mit Thymian. Er sagt nichts, weil er weiss, dass wir in den nächsten Tagen hier im Tessin wohl sowieso noch Polenta essen werden. Für mich gibt’s Zitronenrisotto. Der Fisch ist mit einer Cherrytomate dekoriert, perfekt gebraten und schmeckt sehr fein, aromatisiert mit Zitronenschaum und Zitronenrisotto. Mein Glas eines fruchtigen Tessiner Moscatos harmoniert bestens dazu. Meinem Begleiter mundet die Kalbsleber, und auch die Rösti ist schön knusprig und gibt dem gehaltvollen Merlot einen Boden. Allerdings spart die Köchin nicht mit Butter an der Rösti, mit Rahm an der Sauce zur Leber sowie mit Mascarpone im Risotto.

Desserts wie im Schlaraffenland
Wir sind schon sehr satt, gönnen uns aber trotzdem ein Dessert – im Bewusstsein, dass wir morgen eine längere Wanderung auf dem Programm haben. Das Birnensorbet für meinen Begleiter wird vom älteren Kellner geschickt und grosszügig aus einer auffällig schlanken Flasche mit einem sehr dünnen, sehr langen Hals mit Williams übergossen – ein richtiges Spektakel. Mein Parfait mit Akazienhonig aus einheimischer Produktion wird begleitet von einem Stück eher trockenem, aromatischem Schokoladennusskuchen und einer Dekoration aus Beeren. Während wir bereits am Schlemmen sind, erhält mein Begleiter zusätzlich fünf Stückchen eines saftigen Marronikuchens, liebevoll dekoriert mit einem Tupfer Schlagrahm und einer einzelnen Johannisbeere.

Teures Leitungswasser
Ich gönne mir noch einen Tee, danach lassen wir uns die Rechnung geben. Wir sind froh, die Kreditkarten dabeizuhaben, denn unser Bargeld hätte bestimmt nicht gereicht. Zu unserem Erstaunen fällt der Betrag gar nicht so hoch aus wie befürchtet. Die Preise entsprechen denjenigen eines normalen Restaurants in Zürich – mit einer Ausnahme: Der Krug Leitungswasser wird mit einem Preis von 9 Franken verrechnet. Das finden wir zu viel, auch wenn uns bewusst ist, dass das Servicepersonal Aufwand hat.

Alles in allem aber verlassen wir mehr als satt und zufrieden diesen gastfreundlichen Ort. Vom Wein, vom warmen Essen und wohl auch von der angenehmen Atmosphäre des Hauses in zufriedene Wohligkeit versetzt, nehmen wir im Schein des Vollmonds den Rückweg ins Hotel nach Golino unter die Wanderschuhe – froh um die 15 Minuten Bewegung nach den üppigen drei Gängen.


TV-Beitrag «Mini Beiz – dini Beiz» auf SRF, 2017

Ristorante Stazione da Agnese e Adriana
Piazza Stazione 5
6655 Intragna

Öffnungszeiten:
Mo–So 8–23 Uhr