30.10.2019
TEXT: Alfred SteinbachFOTO: Dominique Kaiser
Juli Zehs Lanzarote-Roman Neujahr, Familienroman, Thriller

Durch eine unwirkliche Vulkanlandschaft in ein verdrängtes Kindheitstrauma.

Thriller, Familien- und Gesellschaftsroman in einem

Neujahr: Die nie vergangene Vergangenheit

Die eigene Vergangenheit ist wie eine im Untergrund vor sich hin tickende Bombe: Man weiss nie, wann sie explodiert. Juli Zeh begibt sich in ihrem Roman «Neujahr» ins Terrain des Unbewussten und beschreibt, wie verdrängte Kindheitserlebnisse unser Lebensgefühl prägen.

Henning verbringt Weihnachten und Neujahr mit seiner Familie auf Lanzarote. Auf den ersten Blick ist Hennings Leben in Ordnung. Er und seine Frau Theresa führen eine moderne Beziehung, in der sie sich Haushalt und Geldverdienen aufteilen. Sie haben zwei gesunde Kinder, genügend Geld, passable Jobs und eine schöne Wohnung. Doch etwas stimmt nicht mit Henning. Ständig plagt ihn das Gefühl, eine Katastrophe stünde bevor. Stets fühlt er sich überfordert, und seit der Geburt seines zweiten Kindes, eines Mädchens, leidet er unter Panikattacken.  

Am Neujahrsmorgen fährt er zum Stressabbau mit dem Fahrrad die Serpentinen hoch auf den Pass hinter dem kleinen Dorf Femés. Vorbereitung und Ausrüstung sind miserabel. In schlechter Verfassung und ohne Proviant fährt er nach einer durchwachten Silvesternacht los. Als er völlig erschöpft an einem abgelegenen Haus auf der Passhöhe ankommt, bricht er zusammen. Die Bewohnerin gibt ihm Wasser und etwas zu essen. Als sie ihm das Anwesen zeigt, dämmert ihm, dass er als kleiner Junge schon mal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester hier war. Etwas Grauenhaftes hat sich damals hier zugetragen. Der Alptraum beginnt erneut.

In einfacher Sprache und überwiegend kurzen Sätzen beschreibt die auktoriale Erzählerin auf sehr lebendige Weise die Leiden des jungen Hennings: das Leben im Hamsterrad, das ständige Gefühl des Ungenügens, Panikattacken, Identitätskrisen und auch das heftige Flirten Theresas mit einem Franzosen am gestrigen Silvesterabend. Dies alles und noch mehr lässt die Hauptfigur während seines energiezehrenden Steilaufstiegs Revue passieren. Dann kippt der Gesellschaftsroman im zweiten Teil urplötzlich in einen Psychothriller, der auch die Erklärung für Hennings Leiden liefert.

Die Handlung wirkt hier und da etwas zu konstruiert und reduziert in küchenpsychologischer Manier Komplexes auf Einfaches. Dennoch ist das Buch ein äusserst kurzweiliger und spannender Lesegenuss. «Neujahr» ist Juli Zehs zweiter Roman nach dem literarisch grossartigen «Unterleuten» (2016) und ihr zweiter Lanzarote-Roman nach «Nullzeit» (2012).

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, promovierte Juristin, wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste um die Demokratie.

Foto: Simone Gloor

Juli Zeh, Neujahr. Roman. Luchterhand-Literaturverlag, München, 2018; Ex Libris, Fr. 29.90 (fester Einband),

ISBN: 978-3-630-87572-9