Veröffentlicht am 22.03.2012TEXT: Heinz Schopfer

Im Onlinemarketing wird überwiegend Hochdeutsch gesprochen. Foto: Heinz Schopfer

Wo sind die Fachleute für das digitale Marketing?

hs. Die Bedeutung von Onlinemarketing nimmt zu, der Werbefranken wandert rasant vom Print ins Internet. Die Werbekunden sind mit neuartigen Angeboten konfrontiert. Dafür werden gut ausgebildete Fachkräfte benötigt.

An der Swiss Online Marketing, der Schweizer Fachmesse für digitales Marketing, haben sich während zwei Tagen Nachfrager und Anbieter getroffen. Unüberhörbar war, dass viele Referenten, Standbetreuerinnen und mitunter auch Besucherinnen und Besucher aus Deutschland kamen.

Warum dominierten Fachkräfte aus unserem nördlichen Nachbarland die Messe? Kann die Schweiz, die eine überdurchschnittlich hohe Affinität zur Technologie aufweist, überhaupt mitreden? Was ist in dieser Branche noch «Swiss»?

Die Schweiz hat zu wenig Online Marketing Manager

Claudia Meier-Biedermann, Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), bestätigt, dass Deutschland in diesem Bereich weiter ist als die Schweiz. Sie leitet den ersten vom Bund anerkannten Studiengang in Online Marketing Management. Das berufsbegleitende Programm «Master of Advanced Studies» (MAS) startet erstmals im März 2012 und dauert 21 Monate. Sämtliche Studienplätze sind besetzt. Dies lässt hoffen, dass Ende 2013 zwanzig ausgebildete Spezialisten für Online Marketing Management den schweizerischen Arbeitsmarkt bereichern.

Meier bezweifelt allerdings, dass das für die Zukunft genügt, denn der Nachholbedarf ist gross und die Branche wächst überdurchschnittlich schnell. Zwar können seit fast 10 Jahren Studierende den Lehrgang E-Commerce und Online Marketing (CAS) belegen. Dieser wird von der FHNW, von der HWZ in Zürich und vom IKF in Luzern angeboten. Doch das reicht nicht, um den künftigen Bedarf an Fachkräften zu decken. «Es müssen noch weitere Bildungsinstitutionen höhere Lehrgänge mit dieser Ausrichtung anbieten», fordert Meier. Dies, obwohl schon heute private Institute und Schulen mit Kursen und Seminaren im Thema Onlinemarketing weiterbilden.

Online-Kenntnisse werden im Bewerbungsgespräch überprüft

Die Firma TradeDoubler vermittelt zwischen Werbekunden und Internetportalen, auf denen Werbung geschaltet werden kann. Der Vorteil der Messbarkeit im Onlinebereich ermögliche neue Vergütungsmodelle, erklärt Patrick Ammann, Verkaufschef bei TradeDoubler. «Der Werbekunde zahlt nicht für die geschaltete Werbung, er vergütet lediglich den erzielten Erfolg, der mit Klicks gemessen wird.»

Mit dieser Entwicklung entstehen neue Jobs wie etwa der Publisher Manager, der sich um erfolgversprechende Portale kümmert, oder der Campaign Manager, der die Kampagnen der Kunden umsetzt. Dass es neuartige Aufgaben sind, merkt Ammann schon bei der Rekrutierung. «Wir überprüfen im Vorstellungsgespräch die geforderte Affinität zu den sozialen Medien. So bleiben auch bei vielen Bewerbungen nur wenige Kandidaten übrig.»

Von fehlendem Know-how im Onlinemarketing in der Schweiz will Patrick Ammann nicht reden. Trotzdem stammen viele seiner Mitarbeitenden aus Deutschland. Ihm fällt auf, dass die Deutschen in der Ausbildung einfach etwas weiter sind als die Schweizer. «Wir investieren bei jedem neuen Mitarbeitenden in die individuelle Ausbildung, weil dies für das spezielle Geschäft von TradeDoubler notwendig ist», erklärt Ammann. Wachstum ortet der Fachmann im Mobile-Bereich. «In der Schweiz gehen über 75 Prozent der Nutzer auch mit dem Telefon regelmässig ins Internet. Da besteht ein lukratives Potential.»

Blogwerk bildet Mitarbeitende selber aus

Die Zukunft ist im Internet. «Wir haben keine Firmenbroschüren mehr – wir leben online», sagt Olivia Menzi, Mitglied der Geschäftsleitung von Blogwerk. Die Zürcher Firma ist ein Pionier in Sachen Social-Media-Präsenz und bietet Unternehmen einen professionellen Zugang ins Onlinemarketing in sozialen Netzwerken. Bei Blogwerk schreiben 15 Festangestellte und 30 Freelancer monatlich mehr als 400 Blogartikel für Kunden.

Soziale Medien brauchen ihrer Meinung nach Geduld. «Der Kunde muss langfristig denken. Nur wer es ernst meint, ist auch glaubwürdig und wird von der Community akzeptiert», sagt Menzi. Neue Mitarbeitende von Blogwerk müssten konzeptionelle, sprachliche und technische Skills mitbringen. Blogwerk bildet seine Leute unter anderem selber aus.

Werbeumsatz in sozialen Medien innert eines Jahres vervierfacht

Laut Phillip Ries, Google Schweiz, hat Onlinewerbung im Jahr 2011 die Plakat- und Radiowerbung weit hinter sich gelassen. Während ihr Anteil in der Schweiz im weltweiten Vergleich noch unterdurchschnittlich ist, liegt die Nutzung des Internets mit 84 Prozent in der Schweiz weit vorne. Jedes zweite Telefon ist inzwischen ein Smartphone. Deshalb wird das Internet immer mehr mobil genutzt.

45 Prozent der User nutzen das Telefon, wenn sie etwas sofort wissen wollen, und 54 Prozent dient es als Zeitvertrieb in Pausen. So kommen aus der Schweiz allein jährlich über 200 Millionen Youtube-Aufrufe. «Mit der wachsenden Bedeutung der sozialen Netzwerke haben sich die Werbeeinnahmen in den sozialen Medien von 2,1 Milliarden Dollar im 2010 auf 8,3 Milliarden Dollar in 2011 vervierfacht», sagt Ries. «70 bis 80 Prozent der Nutzer, die sich im Internet nach Produkten erkundigen, entscheiden sich innert zwei Wochen zu kaufen.»

Ein Trend, der immer wichtiger wird, ist das sogenannte Remarketing. «Wenn ein Interessent nach Ferienmöglichkeiten im Tessin sucht, wird bei ihm während seiner Suche ein Cookie gesetzt. Später erhält auf einer anderen Website plötzlich ein konkretes Übernachtungsangebot angezeigt, zum Beispiel von einem Hotel in Locarno», erklärt Ries.

Bleibt die «digitale» Schweiz konkurrenzfähig?

Beim Rundgang durch die Fachmesse wurde klar: Unternehmen müssen umdenken, das Marketing der Zukunft sieht anders aus als das heutige. Sie wollen aber nicht einfach weitere Tools oder Softwarepakete kaufen, sondern fragen nach Beratung und Anleitung zum Management von Onlinemarketing. Dafür braucht es ausgebildete Spezialisten.

Der Dienstleistungsplatz Schweiz muss in entsprechende Ausbildungen investieren, um entsprechendes Know-how künftig nicht mehr importieren zu müssen. Mit der Globalisierung könnte allerdings noch ein anderes Szenario möglich werden. An einem Eckstand im Untergeschoss verteilten indische Gentlemen eines Unternehmens mit Sitz in Mumbai Hochglanzflyer mit Dienstleistungen für Onlinemarketing, Twitter, Facebook und E-Mail-Marketing und lockten: «We do that all for 10 Dollar per hour».

Swiss Online Marketing – Fachmesse für digitales Marketing

Der Schweizer Messe-Event für Onlinemarketing hat dieses Jahr expandiert. Die vierte Ausgabe fand am 14. Und 15. März neu in den Hallen 9.1 und 9.2 der Messe Zürich statt. Der Umzug wurde notwendig, weil die Messe am letzten Ort aus allen Nähten platzte. Über 100 Aussteller boten Dienstleistungen aus allen Aspekten des digitalen Marketings an. Während zwei Tagen konnte sich der Fachbesucher einen umfassenden Überblick über das Angebot an Lösungen für E-Mail-Marketing, Suchmaschinenmarketing, E-Commerce, Social Media Marketing, Affiliate Marketing, Facebook Advertising, Social Media Monitoring und Targeting verschaffen.

Die 5. Swiss Online Marketing Messe findet am 10. Und 11. April 2013 in der Halle 1 statt.