Veröffentlicht am 23.07.2008TEXT: Jan Gunz

Foto: Simone Gloor

Unternehmen geizen mit Teillohnstellen

jg. Teillohnstellen sind für Sozialhilfebezüger, die auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben. Geeignete Stellen zu finden, ist gar nicht so einfach. Eine Studie befasst sich mit den Widerständen.

Von «Billigjobs» war die Rede, als die Sozialbehörden vor drei Jahren Sozialhilfebezüger an Stellen vermitteln wollten, die unter dem Minimallohn bezahlt sind. Und «billig» tönt nach Massenware. Gewerkschaften befürchteten die Entstehung von schlecht bezahlten Jobs im grossen Stil. Unterdessen hat sich die Aufregung gelegt. In verschiedenen Städten laufen unterschiedliche Modelle mit Teillohnstellen als Mittel der Arbeitsintegration. Die Stadt Zürich rechnete ursprünglich mit 1000 solchen Stellen, unterdessen sind es 530. «Zurzeit ist der Bedarf an Teillohnstellen gedeckt», sagt Christina Stücheli von der Pressestelle des Zürcher Sozialdepartements.

«Schöns Züri» heisst ein Betrieb der Stadt, der unter anderem Graffiti-Entfernung anbietet. Ein Teil der Angestellten ist im Teillohn angestellt. Teillohnstellen sind für Sozialhilfebezüger gedacht, die auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben. Das Ziel ist es, die soziale und berufliche Integration zu fördern und gleichzeitig die Sozialhilfe-Kosten zu senken. Das Sozialamt bezahlt den Arbeitswilligen die Differenz zum Existenzminimum plus einen finanziellen Anreiz. Nur ein Teil der Sozialhilfebezüger kommt für ein Teillohnprojekt überhaupt in Frage. In Zürich sind etwa 30 bis 35 Prozent einsatzfähig. Viele Klienten sind aus körperlichen, psychischen oder sozialen Gründen nicht vermittelbar. Während Zürich und St. Gallen solche Stellen im zweiten Arbeitsmarkt, also in Sozialfirmen oder gemeindeeigenen Sozialbetrieben, schaffen, suchen kleinere Städte und Gemeinden (Luzern, Uster, Winterthur, Schaffhausen) auch im ersten Arbeitsmarkt nach geeigneten Teillohnstellen.

Unternehmen gewichten Risiken höher als Chancen

Tiefe Löhne sind für Unternehmen kein genügender Anreiz, um Teillohnstellen zu schaffen. Auch der zu erwartende gute Ruf, mit dem sich die Firma durch das soziale Engagement in der Öffentlichkeit und bei der Belegschaft profilieren könnte, reicht nicht aus. Die Widerstände überwiegen und die Risiken werden höher gewichtet als mögliche Chancen. Im Zweifelsfall eher nicht, denken viele.
In einem Forschungsprojekt des Instituts für Nachhaltige Entwicklung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zusammenarbeit mit K. M. Marketing AG hat Herbert Winistörfer, Dozent für Social Management, die Situation auf dem Teillohnstellenmarkt untersucht, Widerstände identifiziert und Empfehlungen formuliert. Erste Ergebnisse wurden Ende Juni anlässlich einer Fachtagung in Zürich vorgestellt.

Empfehlungen für Teillohnarbeitgeber

Das Forschungsteam hat Integrationsprojekte und Unternehmen mit Integrationserfahrung befragt (z.B. Dübi-Jobs, Stiftung Impuls in Schaffhausen, Job Coach Placement in Bern) und die zwei Grossunternehmen Genossenschaft Migros Zürich und SV Schweiz AG genauer untersucht. Laut Herbert Winistörfer, Dozent am INE und Co-Projektleiter, zeigen die Ergebnisse, dass die Vermittlung dann gelingt, wenn sich für das Unternehmen ein Zusatznutzen ergibt und der erforderliche Aufwand in Grenzen gehalten werden kann.
Die befragten Arbeitgeber fürchten sich vor unzuverlässigen Mitarbeitern, konkret also etwa davor, dass der Teillohnangestellte plötzlich nicht mehr zur Arbeit erscheint und die Suche von neuem losgeht. Eine seriöse Auswahl von geeigneten Mitarbeitern ist deshalb die erste Voraussetzung für das Gelingen. «Wer sich in einer akuten Krise befindet, gehört eher nicht in ein Teillohnprojekt», sagt Herbert Winistörfer. «Und für junge Leute sind Qualifizierungsprogramme besser geeignet als Teillohnstellen.»
Weitere Hinderungsgründe auf der Unternehmerseite sind der erwartete Betreuungsaufwand mit «schwierigen» Mitarbeitern und der administrative Aufwand für den Kontakt zu den Behörden. Herbert Winistörfer ist jedoch überzeugt, dass es für ein Unternehmen sinnvoll sein kann, Teillohnjobs zu schaffen. Allerdings müssen dazu einige Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Jeder zusätzliche administrative Aufwand muss vermieden werden. Das Honorarmodell muss einfach sein. Das Reporting an die Behörde soll unkompliziert sein, es sollte auch mündlich oder telefonisch erfolgen können.
  • Die Betreuung des Unternehmens durch die Behörden muss verbessert werden. Im Krisenfall, bei einem Abbruch oder einen Ausfall muss die Vermittlungsbehörde sofort Hilfe leisten können und schnell für Ersatz sorgen.
  • Das Matching zwischen der zu besetzenden Stelle und dem Kandidaten muss stimmen. Die Vermittler klären die Eignung der Kandidaten sorgfältig und professionell. Der Arbeitgeber kann zwischen mehreren geeigneten Kandidaten auswählen.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden noch in diesem Jahr in Form eines Forschungsberichts und als Arbeitshilfe für Vermittlungsstellen publiziert werden.

Text: Jan Gunz