Veröffentlicht am 16.02.2012TEXT: Reto Rauber

Lebenslanges Lernen bewahrt die Chancen im Arbeitsmarkt. Foto: Simone Gloor

Sich auf die eigenen Stärken besinnen

rr. Wer über 50 Jahre alt ist und die Stelle verliert, kann in eine tiefe Krise stürzen. In solch einer Lebensphase müssen sich Menschen oft neu orientieren. Dabei können sie auf professionelle Hilfe zählen.

«Bei einem Verlust des Arbeitsplatzes ist es wichtig, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen. Denn ältere Arbeitnehmer sind Fachspezialisten», sagt Toni Nadig, Fachpsychologe in Laufbahn und Personalpsychologie (FSP). Damit macht er älteren Menschen, die ihre Stelle verloren haben, Mut.

Nadig kennt die Probleme der Neuorientierung im fortgeschrittenen Alter. Er hat selbst mit 54 seinen Job verloren und sich dann selbständig gemacht, eine Erfahrung, die ihm heute in seiner Tätigkeit dienlich ist. Wenn man ohne Arbeitsplatz dastehe, sei es wichtig, sich auf die stärksten Fähigkeiten und Eigenschaften zu konzentrieren, meint Nadig, der ein auf Outplacement spezialisiertes Beratungsunternehmen führt. «Bei der Stellensuche muss man zwingend Qualitäten aufzeigen, die andere nicht haben.»

Eine Kündigung in höherem Alter sei meistens nicht auf fachliche Gründe zurückzuführen, sondern habe viel mehr mit Reformen in einem Betrieb zu tun. Auch darum dürfe man den Kopf nicht in den Sand stecken. Denn Menschen über 50 hätten auch nach einem Verlust des Arbeitsplatzes noch genügend Energie und Kraft, um eine neue Stelle zu finden.

Es gehe darum, auf ein Netzwerk zurückzugreifen oder eines aufzubauen. Nadig: «Netzwerken bedeutet, Informationen zu sammeln. Man sollte nicht gleich damit beginnen, Bewerbungen zu schreiben.» Gerade für ältere Jobsuchende sei es deshalb ratsam, den Bekanntenkreis auszuloten, um Ratschläge und Hinweise zu erhalten. Zudem würden nur knapp 30 Prozent aller Stellen ausgeschrieben. Umso mehr Bedeutung komme darum einem möglichst breiten Beziehungsnetz zu.

Individuelle Marketingstrategie

Toni Nadig begleitet selbst Erwerbslose über 50 bei der Suche nach einer neuen Stelle. Am Anfang des Prozesses steht die Neuorientierung des Klienten, die Nadig in die vier Phasen Erkennen, Erarbeiten, Entdecken und Entscheiden gliedert: Zuerst gilt es, sich mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen. Dann sollen der Lebenslauf überarbeitet und Referenzen gesammelt werden. Und danach wird eine individuelle Marketingstrategie entwickelt. «Man sollte Schritt für Schritt recherchieren und sich beim RAV anmelden», rät der Experte. Im Weiteren wird eine Strategie erarbeitet, um sich für ein neues berufliches Umfeld zu entscheiden.

Zu Nadigs Beratung gehört auch der gesundheitliche Aspekt. Dabei wird die physische, psychische und soziale Kapazität eines Klientena nalysiert. Der Fachpsychologe überprüft auch die Fertigkeiten und Kenntnisse eines Stellensuchenden und hinterfragt die Arbeitsmotivation. «Es geht um die Frage, was ich brauche, um zufrieden zu sein mit dem, was ich arbeite», hält Nadig fest. Schliesslich gilt es herauszufinden, welche Arbeitsumgebung nötig ist, um den Job erfolgreich ausführen zu können. 

«Wir müssen länger arbeiten»

Laut Toni Nadig gehört man mit 50+ im Schweizer Arbeitsmarkt noch lange nicht zum alten Eisen. «Gemäss den neusten Kennzahlen aus dem Jahr 2011 ist jeder dritte Arbeitende in der Schweiz älter als 50 Jahre», sagt er und widerspricht damit der landläufigen Meinung, dass Stellensuchende in diesem Alter auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr willkommen seien. Das zeigt auch die Arbeitslosenquote in dieser Altersgruppe: Sie beträgt «nur» 2,9 Prozent gegenüber 3,1 Prozent in der Gesamtbevölkerung.

Der Arbeits- und Betriebspsychologe ist überzeugt, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz stärker unter Druck kommen werden. «Wir werden länger und anders arbeiten müssen.» So sei in Zukunft mehr Kopfarbeit gefordert. Eine gute Ausbildung werde deshalb immer wichtiger. «Lebenslanges Lernen ist ein Muss.»

 

Themenreihe «Alter und Bildung»

Toni Nadig eröffnete die Themenreihe «Alter und Bildung» des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB). Er ist Gründer und Mitinhaber der Beratungsfirma Dr. Nadig + Partner, Outplacement und Consulting. Er hat im vergangenen Oktober ein neues Buch mit dem Titel «Mit Erfahrung punkten. Berufliche Neuorientierung mit 50+» veröffentlicht.

Die nächste Veranstaltung des SVEB zu diesem Thema findet am 18. April 2012 in Zürich statt und widmet sich dem Thema «Altersgerechtes Lernen». Informationen zur Veranstaltungsreihe unter www.alice.ch/veranstaltungen.