Veröffentlicht am 02.05.2012TEXT: Reto Rauber

Mobile Geräte befreien das Lernen aus der Enge der Studierstube. Foto: Christian Keller

Mobile Geräte verändern das Lernverhalten

Das Lernen mit Smartphones und Tablets mag an Schulen, Universitäten und in der Wirtschaft noch in den Anfängen stecken. Für die nächste Generation wird es zum Alltag gehören, sagen Experten. In manchen Unternehmen ist es heute schon Realität.

Was macht Martin Ebner von der Technischen Universität Graz (TU Graz) so sicher, dass die kommende Generation mobil lernen wird? «Viele Menschen sind heute schon einem ständigen Informationsfluss ausgesetzt und dabei implizit am Lernen.» Für Ebner sind mobile Endgeräte keine neue Erscheinung mehr, sondern beeinflussen heute die Gesellschaft. Jeder Teenager hat ein solches Gerät; sie sind allgegenwärtig und werden zunehmend zu einem Teil der eigenen Identität. 

Martin Ebner ist Abteilungsleiter Vernetztes Lernen des Zentralen Informatikdienstes der Technischen Universität Graz und Dozent am dortigen Institut für Informationssysteme und Computer. Auf seinem Blog dreht sich alles um das mobile Lernen. Ebner referierte an der Fachmesse Swiss eLearning Conference (SeLC) in Zürich. Die Integration sehr leistungsfähiger mobiler Geräte in den Alltag sei bereits so weit fortgeschritten, dass sich dadurch neue Möglichkeiten und neue Ansätze für mobiles Lernen ergäben, führte Ebner aus. 

«Unsere Studierenden können unterwegs Fotos oder Videos machen und sie mit ihren Freunden teilen. Oder sie können über soziale Netzwerke Diskussionen weiterführen, die sie im Hörsaal begonnen haben.» In diesem Sinne sei mobiles Lernen angekommen: Die Studierenden seien über ihre mobilen Geräte in einem ständigen Diskurs miteinander.

Verhaltenstests mit Kindern

Dass mobiles Lernen zum Alltag gehören wird, steht für Ebner ausser Frage. Das zeige auch der Umgang von Kindern mit den neuen technischen Möglichkeiten, sagt er und verweist auf Experimente, die mit Kindern zwischen vier und sechs Jahren durchgeführt worden sind. Ihnen wurden Schallplatten, Dias, CDs, Videokassetten und iPads verteilt. Das Hauptinteresse der Kinder wandte sich dabei sehr schnell dem iPad zu, und nur ein kleiner Teil der Kinder hat nach einem Schreibzeug verlangt, um das Gerät zu nutzen. «Wir haben bei diesen Kindern zum Beispiel gute Erfahrungen mit einem Malprogramm gemacht, das sie auf dem iPad benutzen konnten.» 

81 Prozent der Teenager im Alter zwischen 14 und 16 Jahren wollen mobile Endgeräte zum Lernen nutzen, während von ihren Lehrkräften nur 25 Prozent daran interessiert oder auf diesen Gedanken gekommen sind. Das hat eine weitere Untersuchung der TU Graz ergeben. «Was das Lernen betrifft, müssen wir neu zu denken beginnen», hält Martin Ebner fest.

Ein dramatischer Wandel in Bezug auf mobiles Lernen hat gemäss Ebner schon jetzt stattgefunden, wobei er namentlich das Faktenwissen anspricht. «Wir haben uns daran gewöhnt, Wissen jederzeit mithilfe eines Smartphones abrufen zu können.» Das sei schon heute Realität und Teil unseres Lebens. «Informationen sind immer verfügbar, man muss sie aber finden und anwenden können.»

Menschen werden nicht klüger

Mobiles Lernen findet an der TU Graz Anwendung, indem Studierende Apps programmieren, die zur Vorbereitung für Prüfungen benutzt werden können. «Man kann bei diesen Apps zum Beispiel Fragen eingeben, die für eine Prüfung nützlich sind, wenn zu bestimmten Themen Unsicherheiten bestehen», sagt Ebner. Er betont indes, dass mobiles Lernen keine klügeren Menschen hervorbringe. «Das Lernen an sich verändert sich wenig. Aber die neuen technischen Möglichkeiten verändern unser Lernverhalten.»

Eine wichtige Plattform des mobilen Lernens sind laut Ebner die sozialen Netzwerke. Facebook zähle heute 800 Millionen Anwender; 250 Millionen würden praktisch ausschliesslich mit einem mobilen Endgerät darauf zugreifen. «Und über Twitter können sich Personen jederzeit austauschen, was auch dem Lernprozess dienlich sein kann.»

Der Dozent der TU Graz zeigt sich überzeugt, dass die nächste Generation mobil lernen wird und dass dieses Lernen nicht nur unterwegs im Zug oder zu Hause stattfinden wird, sondern überall und zu jeder Zeit. 33 Prozent des gesamten weltweiten mobilen Verkehrs werde heute von Smartphones generiert. Ende 2011 besass die Hälfte der US-Bevölkerung ein Smartphone. Diese Zahlen zeigten, dass mobile Endgeräte bei einem Grossteil der Gesellschaft schon heute nicht mehr wegzudenken sind.

Bis spätestens 2020 werde der Hauptzugang zu Wissen und Information über das mobile Netz erfolgen, prognostiziert Ebner. Zudem ist er der Ansicht, dass die Lernszenarien persönlicher, individualisierter und durch die Interaktion mit anderen lebendiger werden. «Dazu zählt auch das Lesen von Büchern und der Austausch über deren Inhalt.»

Piloten lernen mobil

Auch in Unternehmungen findet mobiles Lernen statt, wenn auch erst in Ansätzen. So zum Beispiel bei der Swiss International Airlines. E-Learning-Projektmanager Oliver Buchhofer sagt, dass die Swiss mobile Lernmethoden bei Piloten als geeignetes Mittel für die Wissensvermittlung betrachte. «Wir sind ein global und ganzjährig tätiger 24-Stunden-Betrieb mit umfangreichen Dokumentationen», erklärt Buchhofer. «Die Dokumentationsbibliothek, die beispielsweise Auskunft über das Wetter, über Start- und Landebedingungen oder Flugrouten gibt, steht den Piloten auf Langstrecken- und Linienflügen schon heute auf Notebooks zur Verfügung.»

Die Piloten können das Gerät sowohl zum Lernen als auch als Hilfsmittel verwenden. Die neuen Lerninstrumente werden auch eingesetzt, um schwierige Situationen zu studieren und so Unfälle zu vermeiden. «Auf Laptops wird den Piloten beispielsweise ein Landeunfall gezeigt, der lehrreich ist und zur Mahnung und Vorsicht dienen soll.» Die Swiss bildet pro Jahr 150 Piloten aus.

Längerfristig sollen bei Piloten, die lange Strecken fliegen, die Grundausbildung und die Wissensvermittlung auf mobilen Endgeräten stattfinden. Hindernisse für die Umsetzung dieser Pläne sind laut Buchhofer die hohe Dynamik und die Komplexität der stark regulierten Airlinebranche. «Zudem ist unser Budget für die mobile Wissensvermittlung beschränkt.»

Buchhofer ist aber überzeugt, dass allen Piloten dereinst der gleiche Laptop zur Verfügung stehen wird, auf dem ihnen nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern auch Trainings mit dem Flugsimulator möglich sein werden. Für Piloten, die mobil lernen und mobil Wissen vermittelt bekommen, sieht der Swiss-Projektmanager noch einen weiteren Vorteil. «Sie werden auf diese Weise ständig miteinander vernetzt sein.»