Veröffentlicht am 04.06.2013FOTO UND TEXT: Ramona Riedener

Las Fallas de Valencia – Frühlingsfest der Zimmerleute

Während der Fallas de Valencia feiern, tanzen und lachen die Stadtbewohner fünf Tage lang. Dann trennen sich die Valencianos auf den Plätzen und Strassen von ihren fast 800 teils haushohen Skulpturen, den Fallas. Nun hat die Stadt wieder 359 Tage Zeit, um sich auf das nächste Frühlingsfest vorzubereiten.

In Valencia herrscht Chaos, denn bald müssen alle Fallas aufgestellt sein. Mit Kranen bauen die Handwerker in schwindelerregender Höhe die Einzelfiguren, die Ninots, zum fertigen Monument zusammen. Die ganze Nacht arbeiten sie daran, um pünktlich auch mit den Fein- und Detailarbeiten fertig zu werden. «Der wichtigste Augenblick ist für mich die Plantà, wenn die Fallas auf dem Platz stehen und zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden. Vorher ist alles streng geheim», sagt David Gonzalez Garcia, Präsident der Falla Plaza del Doctor Collado. Von jeder Falla, einem Szenenbild aus verschiedenen Figuren, wird das schönste Ninot in einer Ausstellung präsentiert. Am Abend vor der Fertigstellung der Fallas wählt ein Gremium die schönste Figur aus. Diese wird von den Flammen verschont und kommt später ins Fallamuseum.

16. März, Mittag um eins in der Innenstadt. Eine bunte Menschenmenge drängt Richtung Rathausplatz. Falleros und Falleras in ihren traditionellen Trachten, Vereinsgruppen in beschrifteten Shirts, Familien mit Kleinkindern, Jugendliche mit Fahnen und Mengen von Touristen aller Nationalitäten möchten sich einen Platz für das Tagfeuerwerk Mascletà ergattern. Jedes Jahr, vom 1. bis 19. März findet beim Rathaus eine Mascletà statt. «Sie steht täglich unter dem Patronat einer bekannten valencianischen Persönlichkeit. Je berühmter die Person, desto intensiver die Darbietung», erklärt eine Einheimische. Das rhythmische und ohrenbetäubende Böllerkonzert beginnt. Zehn Minuten dauert die Darbietung und endet mit ohrenbetäubendem Krachen. Der Platz ist in dunkle Rauchschwaden gehüllt. Die Menge bricht in tosenden Applaus und Jubel aus. Mit ungewohnter Disziplin löst sich die Menschenansammlung wieder auf. Die Putzequipen beginnen mit der Beseitigung des Abfalls, die Müllabfuhrfahrzeuge bahnen sich den Weg durch die Menge und die Sanitäter können ihren Bereitschaftsdienst beenden.

Figuren in den Strassen

Die Fallas sind aufgestellt. Sie verunmöglichen die nächsten Tage den Strassenverkehr. Doch jeder hat dafür Verständnis. Die Valencianos und auswärtige Festbesucher schlendern durch die Stadt und besichtigen die riesigen und fantasievollen Szenenbilder, die Themen aus Politik, Kultur und Sport darstellen.

Da es unmöglich ist, die nahezu 800 Fallas zu besichtigen, führen spezielle Tourenpläne der Festveranstalter zu den wichtigsten Monumenten. Die begehrte Auszeichnung des besten Ninots 2013 hat die Falla Convento Jersulen bekommen. Auf diesem Platz ist das Durchkommen beinahe unmöglich. Dicht gedrängt versuchen die Festbesucher einen Blick auf die Szene zu werfen und ein Erinnerungsfoto zu schiessen: Unter einem Baldachin thront ein beleibter orientalischer Fürst in edlem Gewand und einem überdimensionalen Turban. Den Himmel des Baldachins halten finster dreinblickende Gestalten. Bewacht wird der Wüstenfürst von einem krallenwetzenden Löwen, einem grinsendem Äffchen und einem Ehrfurcht einflössenden Wächter. Winzig und unbedeutend zu seinen Füssen steht die als Figur dargestellte Angela Merkel. Wütend fuchtelt sie mit Schwertern herum. Doch ihre Drohgebärde bleibt wirkungslos.

Im Casal, dem Klublokal der Falla Convento Jersulen, zeugen zahlreiche Wimpel und Pokale von den bereits erworbenen Auszeichnungen. Eine Fotogalerie erinnert an alle ehemaligen Falleras Mayores und Infantiles, die Festköniginnen der Erwachsenen und der Kinder des Vereins. Eigentlich ist das Lokal den Vereinsmitgliedern vorbehalten. Doch jetzt herrscht reger Betrieb, denn die Ehre der Auszeichnung zieht magisch Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben an.

Blumen für die Stadtpatronin

Aus den Gassen ertönt Blasmusik – Pasodoble. Es riecht nach Churros, einem süssen, fritierten Hefeteiggebäck, vermischt mit dem Schwefelgeruch der Knallfrösche, die die Kinder überall abfeuern. Auf einem Platz hat sich eine Gruppe versammelt. Frauen in üppigen Kleidern und speziellen Frisuren, Männer in farbenfrohen Westen und Kniebundhosen, süss gekleidete Kinder in Blumen geschmückten Wägen und Blasorchester in schmucken Uniformen bereiten sich auf die Ofrenda de las Flores, die Prozession zur Blumengabe auf dem Plaza de Virgen, vor. An zwei Tagen, von nachmittags bis weit nach Mitternacht defilieren die Fallas Comisiones, die Falla-Vereine, durch die Strassen Valencias, um ihrer Stadtpatronin, der Jungfrau der Schutzbedürftigen, auf dem Plaza de Virgen Blumen zu überbringen.

An den Strassenrändern jubeln und applaudieren die Zuschauer den Gruppen zu. Die Ankunft auf dem Platz ist für viele Prozessionsteilnehmende ein sehr bewegter und feierlicher Augenblick. Bei der Übergabe der roten und weissen Nelken fliessen nicht selten Tränen der Rührung. Die Blumen werden von Vestidores (Ankleider) in präziser Genauigkeit auf das über 15 Meter hohe Holzgerüst der Schutzpatronin gebunden. Bereits nach dem ersten Tag der Ofrenda ist das Gerüst, welches das Kleid der Schutzpatronin darstellt, über die Hälfte mit Nelken bedeckt. Der Platz gleicht einem Blumenmeer.

Grandiose Licht- und Farbdarbietung

Nachts um ein Uhr am fünften Festtag. Die Hauptrasse wird abgesperrt. Im ausgetrockneten Flussbett der Turia wird ein Feuerwerk dargeboten, ein Castello, wie die Valencianos sagen. In dieser Nacht, der Nit de Foc, der Nacht es Feuers, versammelt sich die ruhelose Stadtbevölkerung, um sich das schönste, längste und zugleich letzte Feuerwerk des Festes anzuschauen. Die grandiose Licht- und Farbdarbietung stimmt die Festteilnehmenden auf den letzten Tag der Fallas ein.

Die Valencianos lieben Feuerwerke. Sie gehören für sie zu jedem Fest dazu. Deshalb geben sie Millionen von Euros dafür aus, und die zahlreichen Pyrotechniker haben rund ums Jahr Arbeit.

Tag von San Jose

Der 19. März ist angebrochen. Der Tag von San Jose, des heiligen Josefs, des Ziehvaters von Jesus. Er gilt in Spanien als Schutzpatron der Zimmerleute. Auf diesen Hintergrund stützt sich der Ursprung der Fallas. Als es noch kein elektrisches Licht gab, brachten die Zimmerleute in ihren Werkstätten Öllampen an Holzgestellen an, um während den Wintermonaten Licht zu haben. Im Frühling wurde das Holz auf der Strasse verbrannt.

Dieser Brauch entwickelte sich weiter, und aus Holz und Lumpen wurden puppenähnliche Gestalten angefertigt. Die Verbrennung, an der die Anwohner der Strasse teilnahmen, wurde auf den 19. März gelegt. Ein dämmriges Licht hat sich über Valencia ausgebreitet. Von weitem hört man eigenartige Klänge. Ein orientalisch wirkender Feuerumzug bewegt sich durch die Calle Colón. Gespenstische Gestalten, Jongleure, Drachenmenschen und feuerspuckende Wagen ziehen an den Zuschauern vorbei. Wieder zischt und knallt es.

Valencias Fallas stehen in Flammen

Die Cremà, die Verbrennung, ist der Höhepunkt des Festes. Die Valencianos sind nicht etwa traurig, wenn ihre Kunstwerke von den Flammen zerstört werden. Sie trennen sich davon, um für die Fallas im nächsten Jahr Platz zu schaffen. In den Strassen bei den Fallas haben sich die Vereine und Zuschauer zur Cremà versammelt. Ein letztes Gruppenbild vor ihrer Falla, ein Pasodoble der Musikkapelle, Feuerwehrleute, die aus allen Teilen Spaniens einbezogen worden sind, nehmen ihre Position ein. Die Knallkörper explodieren, begleitet von funkensprühendem Feuerwerk. Innerhalb einer Minute steht die Figur in Flammen. Die Fallas gehören der Vergangenheit an.

Als Tourist die Fallas miterleben
Wichtig ist, möglichst frühzeitig buchen, am Besten vier bis sechs Monate im Voraus. Es gibt zwar viele Übernachtungsmöglichkeiten in jeder Preisklasse (ab rund 30 Euro), doch wer zu lange wartet, findet nur noch schwer ein Bett. Die Zimmerpreise können kurzfristig drei Mal über dem Normalpreis liegen. Für Alleinreisende und Paare sind Hotels und Hostels empfehlenswert. Appartements und Wohnungen bieten sich an für Familien und kleinere Gruppen. Eine Unterkunft im Zentrum ist praktisch, aber häufig sehr laut, denn die Valencianos feiern beinahe rund um die Uhr. Ruhigere Unterkünfte gibt es am Strandgebiet oder in den Aussenbezirken. Wer das Fest mit allen Facetten geniessen möchte, reist am 14. März an und bleibt bis am 21. März. So bleibt nach dem Fest noch ein Tag zur Erholung. Da die Strassen restlos verstopft sind, ist es nicht empfehlenswert, mit dem Auto anzureisen. Swiss fliegt täglich von Zürich nach Valencia zu einem Preis von 300 bis 400 Franken. Vom Flughafen ist man mit Metro oder Taxi in 20 Minuten in Valencias Innenstadt. Neben dem offiziellen Festprogramm veranstaltet jeder Verein seine eigenen Festivitäten. Es ist durchaus möglich, dass man auch als Tourist ganz spontan von den Einheimischen zu einer solchen Veranstaltung eingeladen wird.