Veröffentlicht am 02.07.2008TEXT: Isidora Opacic

Foto: Simone Gloor

«Jedes Gerät wurde irgendwann von einem Ingenieur konzipiert»

io. Ein Interview mit ETH-Professor Lino Guzzella über die Technisierung der Gesellschaft, den akuten Ingenieurmangel und TV-Serien für die Imagepflege.

Liegen die Ursachen für den aktuellen Ingenieurmangel in der Schweiz in der prosperierenden Wirtschaft der letzten Jahre?
Lino Guzzella*: Das ist nur die eine und offensichtlichste Begründung. Der meiner Meinung nach wichtigere Grund ist, dass es heute einfach sehr viele und gute Ingenieure und Ingenieurinnen braucht in der Schweiz. Unsere Gesellschaft wird immer technischer und die Menschen damit immer abhängiger von den technologischen Errungenschaften, die den Alltag erleichtern. Jede Maschine und jedes Gerät ist irgendwann einmal von Entwicklungsingenieuren erdacht und konzipiert worden. Das fängt bei den Transportmitteln an und hört beim mp3-Player nicht auf. Nimmt man nur schon die Entwicklungsexplosion in der Informationstechnologie als Beispiel, braucht es entsprechend immer mehr Leute, die drauskommen. Die Menschen müssen sich bewusst machen, woher unser hoher Lebensstandard kommt: Naturwissenschaften und Technik bilden eine notwendige Voraussetzung dafür. Leider wählen heute zu wenig junge Menschen den Ingenieurberuf.

Weshalb ist das so?

Ein Grund ist, dass viele junge Menschen nicht mehr bereit sind, ein schwieriges und komplexes Studium auf sich zu nehmen. Die Ingenieurausbildung ist mathematisch und physikalisch orientiert und im ganzen Aufbau anspruchsvoll.

Unter Ingenieuren kursieren Ingenieurwitze. denn sie wissen um ihr Image des zahlen- oder technikversessenen und wenig sozialverträglichen Eigenbrötlers.
Das mit den Witzen weiss ich nicht so recht. Ingenieure haben aber in der Tat ein Imageproblem; wenn sie überhaupt einen Ruf haben, dann einen eher schlechten. Früher wollten Buben Lokiführer oder Pilot werden. Heute rennen alle dem «fast buck» hinterher, studieren Wirtschaftswissenschaften und wollen möglichst ohne Aufwand viel Geld verdienen. Das kommt daher, dass Finanzleute für ihre Leistungen zum Teil völlig überbezahlt werden. Ingenieure verdienen im Vergleich dazu hingegen weniger, aber die Arbeit, die ein Ingenieur oder eine Ingenieurin verrichtet, ist sinnvoll, nützlich und nachhaltig. Das ist keine Blase, die so schnell platzt.

In der Schulbildung spielte die Welt der Technik stets eine vernachlässigbare Rolle. Die Theorie steht jeweils im Vordergrund. Was müsste sich daran ändern?
Es ist nicht nur so, dass Technik in der Schule eine zu geringe Rolle spielt, sondern Gremien, die oft nur aus Geistes- und Sozialwissenschaftlern bestehen, haben beschlossen, die Fächer Mathematik, Physik und Chemie in der Maturität zu einem Block zusammenzunehmen und so die Bedeutung der Naturwissenschaften in den Gymnasien zu vermindern. Eine fatale Entwicklung, die jetzt mindestens in gewissen Kantonen partiell rückgängig gemacht wird. Auf jeden Fall müssten unsere Kinder schon früh an die Welt der Technik herangeführt werden. Will man den Frauenanteil in den Ingenieurstudiengängen erhöhen, müssen bereits im Kindergarten Frauen in technischen Vorbildrollen thematisiert werden.

Braucht die Branche eine Lobby, die eine erfolgreiche Imagepflege betreibt?

Ja, unbedingt! Es gibt am Fernsehen so viele Arztserien, die ein zwar unrealistisches aber extrem telegenes Bild des Arztberufes zeichnen. Was ein Ingenieur so macht, welch spannende Arbeit er verrichtet, wird nicht thematisiert. Kein Arbeitstag gleicht dem anderen, es ist ein wundervoller, abwechslungsreicher Beruf. Ein Ingenieur ist immer auf Neues aus, das sich am Markt oder in der Gesellschaft als nützlich erweisen soll. Jemand müsste einmal eine Fernsehserie über Ingenieure und Ingenieurinnen machen!

*Lino Guzzella ist Leiter des Instituts für Mess- und Regeltechnik im Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik an der ETH Zürich.

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