Veröffentlicht am 09.07.2008TEXT: Christoph Vogel

Foto: Christine Bärlocher

Fakten zu einer heissen Lohnrunde

cv. Bevor die Sommerferien ins Land ziehen, stecken die Sozialpartner jeweils ihren Handlungsspielraum für anstehende Lohnverhandlungen ab. Aktuelle Forderungen gehen jedoch einher mit Zahlenmaterial, das mit Vorbehalt zu geniessen ist.

Zahlreiche aktuelle Erhebungen und Studien stützen die Verhandlungsbasis sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Arbeitgeberseite. Dabei können deren Ergebnisse abhängig vom jeweiligen Auftraggeber variieren. So sind sich beispielsweise selbst zwei grosse Arbeitnehmerorganisationen uneins: Die Dachorganisation Travailsuisse sieht anhand einer Erhebung bei 28 Schweizer Unternehmen die Lohnschere weiter aufgehen, während der Verband Angestellte Schweiz, selbst Mitglied von Travailsuisse, gemäss einer Lohnumfrage bei seinen Mitgliedern eher eine Nivellierung der Gehälter feststellt. Eine weitere Studie, welche die Handelszeitung in Auftrag gegeben hat, eruiert ein stabiles Wachstum bei den Grundsalären der Schweizer Führungskräfte.

Gegenläufige Ergebnisse sind zuweilen das Resultat einer unterschiedlichen Untersuchungsanlage, die manchmal falsch oder gar wenig transparent deklariert wird. Die Handelszeitung gibt in der vergangenen Ausgabe an, für ihre Studie «gut 9300 Kaderleute aus 443 Unternehmen» befragt zu haben. In Tat und Wahrheit hat die beauftragte Beratungsfirma Kienbaum aber lediglich 443 Unternehmen angefragt, welche dann die Grundgehälter von insgesamt 9335 Funktionen der ersten bis dritten Führungsebene meldeten.

Keinen Anspruch auf Repräsentativität erhebt auf Anfrage von «der arbeitsmarkt» die von Angestellte Schweiz, der stärksten Arbeitnehmerorganisation der Branchen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) sowie Chemie und Pharma, in Auftrag gegebene Salärerhebung. Angeschrieben und zum Mitmachen animiert wurden ausschliesslich die rund 25 000 Mitglieder. Diese konnten auch online im Mitgliederbereich auf der entsprechenden Website an der Befragung teilnehmen. «Die so erfassten 2165 Mitarbeitenden bilden unsere Mitgliederstruktur gut ab, nicht aber unbedingt die Branche insgesamt», sagt Hansjürg Schmid, Leiter Kommunikation von Angestellte Schweiz.

Im Gegensatz zur Gewerkschaft Unia, welche die unteren Einkommensklassen abdeckt, nimmt Angestellte Schweiz für sich in Anspruch, eher den beruflichen Mittelstand der Branche zu vertreten, oder wie es deren neuer Präsident Benno Vogler formuliert: «Die grosse schweigende Mehrheit, die immer schluckt und arbeitet!»

Pikantes Detail am Rande: Gemäss der unlängst veröffentlichten Medienmitteilung des Dachverbandes Travailsuisse soll Daniel Vasella mittlerweile 643-mal mehr verdienen als Mitarbeitende mit den tiefsten Löhnen. Trotzdem ist der Novartis-Konzernchef immer noch Mitglied von Angestellten Schweiz. An deren Lohnumfrage dürfte er indes nicht teilgenommen haben, hätte dies doch jeglichen Rahmen gesprengt und die Ergebnisse nochmals anders aussehen lassen.

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