Veröffentlicht am 11.01.2008TEXT: Mike Niederer

«Etwas Konkurrenz tut gut»

Seit elf Jahren koordiniert das Team Projekte/Spezialaufgaben in der Direktion für
Arbeit des SECO die gesamtschweizerischen arbeitsmarktlichen Massnahmen. Dora Schilliger-Makausz und Rebekka Kieffer über die Bedürfnisse der Kantone, Auslastungszahlen und Qualitätssicherung.

Welche Idee steht hinter den gesamtschweizerischen arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM)?
Dora Schilliger: Ursprünglich wurden alle Massnahmen vom SECO bewilligt. Als die Kompetenzen den Kantonen übertragen wurden, blieben gewisse Massnahmen aus organisatorischen Gründen beim SECO. Dabei handelte es sich zum Beispiel um die Ostprojekte, die eine besondere Koordination brauchten, oder um die Berufspraktika bei der Bundesverwaltung, bei denen die Arbeitgeberausgaben aus einem speziellen Kredit des Bundes bezahlt werden.
Rebekka Kieffer: Die Hauptbedingung ist, dass mindestens vier Kantone ausdrücklich Bedarf an einer Massnahme signalisieren, die sie kantonal nicht organisieren können. Sind nur zwei oder drei Kantone interessiert, empfehlen wir, die Massnahme interkantonal zu organisieren. Daneben gibt es Ausnahmen wie eben die Ostprojekte und die Bundespraktika, die aus organisa-torischen Gründen national organisiert
werden.

Wie bringen Sie die Kantone dazu, nationale PvB in Anspruch zu nehmen?
Rebekka Kieffer: Wir üben keinen Druck aus, sondern informieren über das Angebot. Da wir die Massnahmen aufgrund der Bedürfnisse der Kantone zusammenstellen, machen diese auch Gebrauch davon.

Nicht alle Kantone berücksichtigen die nationalen PvB gleichermassen.
Dora Schilliger: Der Bund hat mit den Kantonen eine Wirkungsvereinbarung, da dürfen wir uns nicht einmischen. Wir verpflichten aber die Organisatoren, eine Bedarfsabklärung bei den Kantonen zu machen. So lernen diese die Konzepte der Massnahme kennen und können ihren Bedarf anmelden. Darauf stützen wir die Bewilligung einer Massnahme ab. In welche Programme die Kantone Leute zuweisen wollen, ist ihnen freigestellt. Dabei haben sie natürlich unterschiedliche Strategien.

Ihre Amtsstelle ist für die nationalen Massnahmen verantwortlich. Wie bringen Sie diese doch sehr unterschiedlichen Programme unter einen Hut?
Rebekka Kieffer: So unterschiedlich sind diese Programme nicht. Ein grosser Teil richtet sich an besser qualifizierte Stellensuchende, also an ein Zielpublikum, das jetzt, wo die Arbeitslosigkeit zurückgeht, nicht mehr sehr gross ist. Für diese können die Kantone keine eigenen Programme mehr organisieren und brauchen deshalb die nationalen. Es gibt darunter auch nur eine einzige Bildungsmassnahme, nämlich Eurocentres, alle anderen sind Beschäftigungsmassnahmen.

Gut- und Hochqualifizierte sind auf dem Arbeitsmarkt wieder sehr gefragt. Wie berechtigt sind Massnahmen für diese Stellensuchenden noch?
Dora Schilliger: Wir erheben monatlich die Auslastungszahlen der nationalen Massnahmen. Dabei zeigt sich, dass abgesehen von ein oder zwei alle ausgelastet sind. Das geht zum Teil auch über hundert Prozent.

Sie erwähnten Eurocentres, das besonders engagierten Stellensuchenden Sprachkurse im Ausland vermittelt. Ein Luxus-PvB zur Belohnung?
Dora Schilliger: Bei Eurocentres handelt es sich nicht um ein PvB, sondern um einen sehr intensiven Kurs. Die Empfehlung, möglichst engagierte Stellensuchende in diese Kurse zu schicken, hat nichts mit Belohnung zu tun. Die Teilnehmenden erwerben ein international anerkanntes Zertifikat. Deshalb wollen wir, dass die Massnahme von motivierten Leuten besucht wird, die in sprachsensiblen Bereichen arbeiten, sei das nun im Tourismus oder im Exportbereich.

Ein anderes Programm, BNF (Biomedizin – Naturwissenschaft – Forschung), vermittelt Hochschulabsolventen an Hochschulinstitute. Dahinter könnte man eine Quersubventionierung von Bildung und Forschung über die Arbeitslosenversicherung vermuten.
Dora Schilliger: Wir haben Kontrollnstrumente, die sicherstellen, dass die Teilnehmenden nur an Projekten arbeiten, die nicht von ihrer Arbeitskraft abhängen. Materialien und Apparaturen werden von der Projektgruppe gestellt. Diese muss auch die Betreuung übernehmen und erhält also nicht einfach eine zusätzliche Arbeitskraft, sondern hat auch Mehraufwand. Ausserdem ist die Auswahl an Einsatzplätzen so gross, dass sich eine Forschungsgruppe nicht darauf verlassen kann, jemanden zugewiesen zu bekommen.

Wie stellen Sie die Qualität der nationalen Massnahmen sicher?
Rebekka Kieffer: Wir besuchen sie regelmässig und verlangen Unterlagen von den Organisatoren. Dazu gehören die monatlichen Controllingzahlen, deren Verlauf wir überwachen. Jedes Jahr begleiten wir einen Organisator enger. Wir kennen die Massnahmen also sehr gut und wissen, was sie leisten. Zudem sind fast alle Organisatoren bereits EDUQUA- und SVOAM-zertifiziert.

Wie unterscheiden sich nationale von kantonalen Massnahmen?
Dora Schilliger: Die Schwierigkeit für die nationalen PvB liegt darin, dass die Kantone sie zwar nutzen, sich aber viel weniger dafür verantwortlich fühlen. Bei ihren eigenen Massnahmen fühlen sie sich verpflichtet, Leute hinzuschicken, bei den nationalen weniger. Weder wir noch die Organisatoren können sie dazu verpflichten. Für die nationalen ist es auch schwieriger, weil sie bezüglich Zielvereinbarungen und Zusammenarbeit mit den RAV mehrere kantonal verschiedene Vorgaben befolgen müssen.
Die Distanz zwischen dem SECO und den RAV-Personalberatenden ist relativ gross. Was wünschen Sie sich von diesen in Bezug auf die nationalen PvB?
Rebekka Kieffer: Von Kantonsseite, also von den LAM-Stellen und den Personalberatenden, bekommen wir eher wenig Feedback. Wir wünschen uns also vermehrt Rückmeldungen – sei das nun bei Problemen oder bei erfreulichen Dingen. Dann können wir entsprechend reagieren.
Dora Schilliger: Wir wünschen uns auch, dass die Informationen über die nationalen Programme wirklich bis zu den RAV-Beratenden kommen.

Werden nationale Programme auch deshab berücksichtigt, weil sie für die Kantone gratis sind?
Rebekka Kieffer: Kaum. Für die Beratenden steht im Vordergrund, die richtigen Massnahmen für ihre Stellensuchenden zu finden. Dabei machen sie sich nicht unbedingt Gedanken über die finanziellen Auswirkungen.
Dora Schilliger: Das sehe ich auch so. Viele jener Kantone, die in grösserer Zahl die nationalen Massnahmen berücksichtigen, sind noch gar nicht an ihrem Plafond angelangt. Das heisst, sie haben ihr Budget für kantonale Massnahmen noch nicht ausgeschöpft. Entscheidender als der finanzielle Aspekt ist, dass die Kantone diese Massahmen für höher Qualifizierte selbst nicht haben.

Nationale Programme sind vergleichsweise teuer.
Dora Schilliger: Das stimmt nur für einige Ausnahmen, die zusätzliche ausserordentliche Kosten haben, etwa wenn im PvB viel gereist werden muss. Sonst ist eher das Gegenteil der Fall. Im Vergleich mit den kantonalen Massnahmen sind die nationalen eher günstig.
Rebekka Kieffer: Teuer wird es, wenn für Weiterbildungen in den AMM für höher Qualifizierte externe, gut qualifizierte Kursleiter beschäftigt werden. Über das Ganze gesehen sind wir aber auch damit noch
vergleichsweise billig.

Die Zahl der nationalen Programme nimmt zu und es kommt zu Überschneidungen im Angebot. Ich denke da etwa an jobtv und Onlinelabor, die beide im laufenden Jahr zu nationalen Programmen mutierten.
Dora Schilliger: Es ist nicht so, dass die Zahl stetig zunimmt. Wir haben in den letzten zwei Jahren auch zwei Massnahmen abgebaut, nämlich die Projekte HighTech und EMR. Bei beiden war der Bedarf seitens der Kantone nicht mehr gegeben. Was Online-labor und jobtv betrifft, so existieren beide schon lange und sind ebenso lange im gleichen Gebiet tätig. Die Überschneidungen sind also nicht neu. Nur findet das jetzt auf nationaler statt auf kantonaler Ebene statt. Wir sind in diesem Fall daran, Ideen für eine Koordination zu entwickeln.
Rebekka Kieffer: Es ist keineswegs so, dass man sich absolut nicht konkurrenzieren darf. Ein gewisser Grad an Konkurrenz tut gut. Es ist ja nicht so, dass eine dieser Massnahmen ausgelastet wäre und die andere gar nicht.

Die nationalen Programme gibt es seit elf Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Dora Schilliger: Grosse Veränderungen fanden vor allem im qualitativen Bereich statt. Beschäftigung und Bildung haben sich stärker vermischt, die Massnahmen haben heute mehr qualifizierenden Charakter.

Im Allgemeinen haben sich die Massnahmen bewährt.
Dora Schilliger: Ja, sonst gäbe es diese Programme nicht mehr. Wir haben in den letzten elf Jahren bloss zwei oder drei geschlossen; über zwei weitere müssen wir uns Gedanken machen bezüglich der Weiterführung im nächsten Jahr.

Was wünschen Sie sich von den Organisatoren der nationalen Massnahmen?
Rebekka Kieffer: Wir wünschen uns, dass die Professionalisierung, die wir gemeinsam erreichen konnten, weiter fortschreitet.