Veröffentlicht am 10.07.2008TEXT: Interview von Carl J. Wiget und J. Claude Rohner

Foto: J. Claude Rohner

«Der grosse Erfahrungsrucksack wird nicht genutzt»

cjw/jcr. Bruno Sauter, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA) im Kanton Zürich, über die Gefahren für den Arbeitsmarkt, über Langzeit-Arbeitslose und Motivations-Semester für Jugendliche.

Bei Finanzdienstleistern zeichnet sich im Moment noch keine grosse Stellenkrise ab. Ist das die Ruhe vor dem Sturm?
BRUNO SAUTER: Ich weiss es nicht – vermute aber, dass die Wirkung der anziehenden Rohstoffpreise viel spürbarer sein wird als die aktuelle Krise im Finanzsektor. Zurzeit sehen wir keine Veränderungen bei den Stellensuchenden im Finanzdienstleistungsbereich, wir haben keine Massenentlassungen, keine dramatischen Veränderungen. Die Finanzkrise betrifft vorwiegend die Grossbanken, aber die kleinen Banken arbeiten weiterhin hervorragend und schaffen Arbeitsplätze. Es gibt eine Abwanderung des Personals von den grossen zu den kleinen Banken. Dazu kommt, dass in der Schweiz das Private Banking beheimatet ist, und das ist der Bereich der Grossbanken, in dem immer noch hervorragend Geld verdient wird. Das stärker gebeutelte Investment Banking der Grossbanken ist mehrheitlich nicht in der Schweiz angesiedelt.

Im Kanton Zürich sank die Arbeitslosenquote im Juni um 0,1 Prozentpunkte auf 2,2 Prozent. Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen sind bei älteren Arbeitslosen wenig Fortschritte zu verzeichnen. Haben Sie für diese Gruppe spezielle Massnahmen bereit?
Ältere Langzeitarbeitslose, die in den Sozialhilfebereich abrutschen, bringen oft einen grossen Erfahrungsrucksack mit, aber die Berufswelt hat sich so verändert, dass diese Erfahrung nicht mehr genutzt wird. Es gibt Ältere, die auf Weiterbildung sehr gut ansprechen, aber andere haben während Jahrzehnten keine Weiterbildung mehr betrieben, und manche Menschen sind es nicht mehr gewohnt, sich selber zu entwickeln. Wir versuchen auch hier, zusammen mit privaten Arbeitgebern Lösungen zu finden, damit wir am «Stellentopf» ein möglichst breites Angebot haben, mit dem wir diese Menschen ansprechen können. Wir haben das AMOSA-Projekt, das dem Thema Langzeit-Arbeitslosigkeit gewidmet ist. In einer zweitägigen Arbeitskonferenz haben wir versucht, Massnahmen zum Problem der Langzeitarbeitslosigkeit zu entwickeln. Es ist aber schwierig, da die Ziel-Gruppe nicht homogen ist.

Oft ist der grosse Erfahrungsrucksack kontraproduktiv, weil ein Rucksack gewünscht wird, der genau auf das Stellenanforderungsprofil zugeschnitten ist. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?
Die Wirtschaft werden wir vom Staat her nicht genügend bewegen können. Aber nicht nur die Älteren haben ein Problem mit solchen Stellenprofilen! Im Vergleich zu einem zugewanderten jungen Deutschen mit einem Fachhochschulabschluss im Maschinenbau ist ein Polymechaniker oder eine Polymechanikerin mit Berufsmatur fast ebenso gut, aber die Schweizer haben Berufslehre, der Deutsche Fachhochschule und damit die besseren Chancen. Es betrifft also auch die Jungen!

Werden damit Schweizer durch Einwanderer verdrängt?
In einer schlechten Konjunktur kann das durchaus passieren. Aber in der aktuellen Situation finden beide Arbeit, Schweizer und Ausländer.

Welchen Nutzen bringt die Zusammenarbeit mit privaten Arbeitsvermittlern?

AMOSA hat uns in der Zusammenarbeit mit den privaten Vermittlern zusätzliche Inputs gegeben. Bei der Konferenz zur Langzeitarbeitslosigkeit, an der ich auch teilgenommen hatte, hatten wir auch private Vermittler wie Manpower oder Adecco dabei, und wir konnten uns gut mit deren Vertretern austauschen und haben so die Kontakte stark intensiviert. Ich bin stolz auf meine Mitarbeitenden, die es geschafft haben, dass wir in Zürich einen sehr guten Standard in der Zusammenarbeit mit den Vermittlern erreicht haben. Diese Firmen haben auch Zugang auf unsere Datenbanken.

Besteht sozusagen eine elektronische Verbindung zum AWA?
Ja. Die Datenvermittler haben die Möglichkeit, auf unsere Datenbanken zuzugreifen. Die Daten sind anonymisiert.

Was unterscheidet die staatlichen Arbeitsvermittler (RAV) von den privaten?

Ich glaube, es unterscheidet sie nicht sehr viel. Die einen sind staatlich bezahlt, die andern privat. Der Unterschied besteht darin, dass wir eine Vermittlungspflicht haben, während die privaten auch Leute ablehnen dürfen. Der Rest ist sehr ähnlich, man muss ein sehr gutes Dossier erstellen, man muss wissen, was der Mensch für Stärken und Schwächen hat, man muss erkennen, wo seine Neigungen liegen, und man muss auch erkennen, in welche Richtung er sich entwickeln will, und man muss auf der anderen Seite einen sehr guten Zugang haben zu Arbeitgebern, und das ist absolut identisch, ob das nun ein RAV-Mitarbeiter oder ein privater Vermittler ist.

Was tun Sie, damit das RAV von seiner Klientel nicht nur als Kontrollinstanz wahrgenommen wird?

Da sind die Schulungen im Bereich Beratungsgespräch sehr wichtig, Wir versuchen darauf hinzuwirken, dass die Eigenverantwortung wächst und unsere Stellensuchenden nicht demoralisiert werden, denn es ist am schlimmsten, wenn ein Mensch das Gefühl entwickelt, es sei hoffnungslos. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das Rüstzeug, argumentativ aufzuzeigen, dass und wo es Perspektiven gibt.

Welches ist Ihre erfolgreichste Massnahme, um den Arbeitseinstieg zu ermöglichen?
Die Motivationssemester für Jugendliche sind sehr erfolgreich.

Haben die Jungen Motivation nötig?
Ja, die brauchen Motivation, wenn man sieht, wie viele Bewerbungen sie schreiben müssen, bis sie eine Lehrstelle finden können. Für einen jungen Menschen, der sich noch nicht so intensiv mit dem Arbeitsmarkt auseinandergesetzt hat, ist das sicher besonders schwierig.

Interview von Carl J. Wiget und J. Claude Rohner