17.08.2017
FOTO UND TEXT: Rolf LüthiVIDEO: Rolf Lüthi
Claudio mit der GoPro auf dem Tank folgt Rolf in kurzem Abstand

Rolf Lüthi und Claudio Vanzetta beim Videodreh

Rundstreckentraining auf dem Anneau du Rhin

Die Rundstrecke für Amateure und Profis

Auto- und Motorradrennen begeistern ein Massenpublikum. Die Rundstreckenbetreiber verdienen ihr Geld aber nicht mit den Rennen der Spitzenfahrer, sondern mit freien Rundstreckentrainings, an denen jeder Motorradfahrer ans Limit gehen kann. Solche Trainings boomen zurzeit, auch auf dem Anneau du Rhin.

Für Deutschschweizer und Süddeutsche ist der Anneau du Rhin, deutsch Rheinring, die am nächsten gelegene Rundstrecke. Die 1996 eröffnete Strecke im Elsass ist 3,7 km lang. Einzelne Rennveranstaltungen finden statt, für die Formel 1 oder die Motorrad-WM ist die Strecke viel zu klein und die Infrastruktur bei weitem ungenügend. Hier finden regelmässig freie Rundstreckentrainings für Motorräder statt, mit maximal 90 Fahrern. In der Regel werden diese in drei 30er-Gruppen von ähnlich schnellen Fahrern eingeteilt. Die Gruppen trainieren in Fahrsessionen von 20 Minuten. Für einen Trainingstag mit sechsmal 20 Minuten Fahrzeit bezahlt ein Teilnehmer ab 200 Euro. 

Fahrer am Limit
Auch routinierte Motorradfahrer sind überrascht, dass sie dauernd überholt werden, wenn sie das erste Mal auf einer Rundstrecke fahren. Theoretisch handelt es sich ja nur um eine Landstrasse ohne Gegenverkehr und ohne Speedlimit, praktisch ist beim Fahren auf der Rundstrecke und der Landstrasse nur die Fahrzeugbedienung die gleiche. Auf der Rundstrecke fährt man schneller und näher an der physikalischen Grenze – theoretisch. Praktisch kommt der Fahrer vor dem Motorrad an ein Limit, das man beim Computer «memory overflow» nennen würde: Er kommt ganz einfach nicht mit, er muss zu vieles fast gleichzeitig oder im genau richtigen Moment ausführen, während Beschleunigungs-, Brems- und Fliehkräfte auf ihn einwirken und er einem Windsturm von 200 km/h und mehr ausgesetzt ist. Der erste Schritt zu mehr Struktur in diesem Chaos ist eine logische Fahrlinie. Unser Video zeigt, was vor dem ersten Rundstreckentraining zu beachten ist, und erklärt eine logische Fahrlinie auf dem Kurs des Anneau du Rhin.

Instruktionsvideo_Anneau_du_Rin

Eine Runde drehen - Orientierungshilfe für Anneau du Rhin. Video: Rolf Lüthi

Eine Rundstrecke ist zehn oder mehr Meter breit, die Ideallinie jedoch ein schmaler Strich. Fahrer, die Rechtsverkehr gewohnt sind, müssen sich überwinden, um die linke Streckenhälfte zu befahren. Eine logische Linie ist ein Sicherheitsplus: Aufschliessende, schnellere Fahrer können einschätzen, was der Neuling vor ihnen als Nächstes tun wird, und so gefahrlos überholen. Auf der Rundstrecke sind Rückspiegel verboten. Gemütlichere Fahrer sollen aufschliessende Piloten gar nicht bemerken und auch nicht versuchen, aus Rücksicht ihre Linie zu ändern, um diese vorbeizulassen. Die sichere Ausführung eines Überholmanövers ist alleinige Pflicht des Überholenden. 

Auf der Suche nach fahrerischer Perfektion
Mit einer schönen Linie ist eine Basis gelegt, um an weiteren Punkten zu feilen. Die meistverwendeten Sportmotorräder wiegen 200 kg, ein Fahrer mit Schutzausrüstung 80 bis 90 kg. Es ist darum von Bedeutung, wie sich der Fahrer auf dem Motorrad positioniert. Der Fahrer verschiebt sich darum auf dem Motorrad, wobei er dabei keine Unruhe ins Fahrwerk bringen darf. Daraus resultiert unter anderem der aus dem Rennsport bekannte Kurvenstil, bei dem der Fahrer an der Kurveninnenseite neben dem Motorrad hängt und mit dem Knie über den Asphalt schleift, um die Schräglage zu ertasten. Bei Spitzenfahrern schleift zusätzlich der Ellenbogen. Bei der Jagd nach fahrerischer Perfektion und tiefen Rundenzeiten gilt es, vor Kurven später zu bremsen und anschliessend früher wieder zu beschleunigen. Das beinhaltet, in die Kurven hinein zu bremsen und aus den Kurven hinaus zu beschleunigen. Es wird also in Schräglage gebremst und beschleunigt, rollen mit konstanter Geschwindigkeit gilt es zu vermeiden.

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Eine Runde auf dem Anneau du Rhin. Video: Claudio Vanzetta

Der Anneau du Rhin ist für Deutschschweizer die am nächsten gelegene Rundstrecke, weil Rundstrecken in der Schweiz verboten sind. Es ist teuer, es ist gefährlich, und es wird nichts Substanzielles erschaffen. Gegner befürchten ein «falsches Signal an die Jugend durch Tempobolzerei» und sehen einen Zusammenhang mit Geschwindigkeitsexzessen auf öffentlichen Strassen. Für die Faszination des Strebens nach fahrerischer Perfektion nehmen mehrere hundert Schweizer jedes Jahr lange Reisen zu ausländischen Rundstrecken auf sich.