05.04.2018
FOTO UND TEXT: Susanna Fricke
Hobel 1841 Holz Handwerk Susanna Fricke

Der Hobel aus dem Jahr 1841.

Helfer der Handwerker

Wenn dieser Hobel reden könnte

Er liegt in einem Schaufenster in Zürich, die Gravur auf seinem Rücken gibt sein Alter mit über 170 Jahren an: ein mit Schnitzereien verzierter hölzerner Hobel. Was der wohl zu erzählen hätte, wenn er könnte? Einiges ist der Fantasie entsprungen. Aber alles könnte wahr sein.

Ich liege hinter Glas. Vor mir rollt ein Auto nach dem anderen vorbei. Manchmal stehen sie auch still. Weil die Ampel um die Ecke auf Rot steht. Danach wieder «iumm, iumm, iumm», eins nach dem anderen, von links nach rechts an mir vorbei. Ein schöner Rhythmus, ein einlullendes Geräusch, das einlädt, in die Vergangenheit zu schweifen: damals, als ich – «tschuuit, tschuuit, tschuuit» – immer wieder und wieder über Bretter gezogen wurde, um sie zu ebnen, um Ecken abzurunden, zwei verschiedene Holzteile einander anzugleichen.

Ich bin ein Hobel. Ein hundskommuner noch dazu. Keine Raubank, die eine besonders schöne Fläche schafft, kein Falzhobel, der ein Mass vorgibt, und keiner meiner anderen Verwandten, die eine spezielle Aufgabe haben. Ich bin nur ein Hobel, der schnell zur Hand ist – zur Hand war. Jetzt bin ich im Ruhestand. Dass ich nicht einfach weggeworfen wurde, weil ich allmählich zu alt wurde, verdanke ich meinen jetzigen Besitzern Mona und Norbert Büsser aus Zürich. Die haben mich in Wiedikon in ihr Fenster gestellt, «weil es einfach ein schöner, hundskommuner Hobel ist», wie der ehemalige Schreinermeister Büsser sagt.

 

«Ein hundskommuner Hobel»

 

Wie oft ich über Holz gezogen wurde, bevor den Möbelstücken mit einem anderen Werkzeug der letzte Schliff gegeben wurde, habe ich nicht mitgezählt. Im Gegensatz zu einem Baum, aus dem ich einst geschaffen wurde, weise ich keine Jahresringe auf, aber eine Jahreszahl: 1841.

«Momoll ja, isch guet», sagte mein allererster Meister, als mich seine Hände das erste Mal umfassten. Verstohlen strich er über meine Seite, dann bezahlte er mit mehreren Münzen. Er konnte sich wertvolles Werkzeug leisten, das zeigen meine Verzierungen. Zudem war mit diesen Zeichen allen klar, wem ich gehöre.

Viele Baustellen
Auf den Baustellen, auf denen ich als Erstes zum Einsatz kam, wurde viel von den Protestanten und den Katholiken erzählt, die sich damals heftige Kämpfe lieferten. Einige Jahre später hätte mein damaliger Meister statt in Zürich lieber in Bern mit mir gearbeitet. Dort entstand wohl ein sehr wichtiges Haus, mit vielen Kammern und Sitzreihen, Bänken und Schränken, alles unter einer Kuppel, von der aus die Schweiz regiert werden sollte.

Aber auch ein Schulhaus braucht Bänke, und die Erholungs-Chalets der Diakonissen des Krankenheims Neumünster beim Uetliberg mussten mit ordentlichen Möbeln ausgestattet werden.

 

«Das ist kein Spielzeug!»

 

Meistens aber war ich in einer Werkstatt am Werk. So wie damals, als ich einem jungen Mann zur Hand ging. Ich merkte schon, dass er die Ärmel immer ein bisschen weiter hochrollte und seine Muskeln spielen liess, wenn da ein gewisses Fräulein an der Schreinerei vorbeikam, das immer ein bisschen pausieren musste, weil der Korb gerade sehr schwer oder die Schnürsenkel ein bisschen sehr lose waren. Auf jeden Fall wurde aus dem Fräulein seine Frau, und schon bald wuselte da ein kleiner Mann zwischen den Spänen rum. «Nein, Seppi, der Hobel ist kein Spielzeug», warnte mein Besitzer, der die Ärmel nun wieder normal trug. Zu spät. Ich wollte das wirklich nicht, aber der kleine Kerl packte mich so ungeschickt, und meine Klinge war eben frisch geschliffen. Blut tropfte aufs Holz, und ich weiss heute noch nicht, wer am meisten geschrien und geheult hat. Aber ich weiss, dass dieser Unfall eine feine, weisse Linie in der Hand des kleinen Buben hinterlassen hat.

Auf diese weisse Linie fielen Jahre später salzige Tropfen. Als ich von der einen Hand in die andere übergeben wurde mit den Worten: «So, Seppi, jetzt bist du an der Reihe, ich lege unser Geschäft in deine Hände.» Seppi hatte längst gelernt, dass ich kein Spielzeug bin. Hat mich gut gepflegt, geputzt und geschliffen.

Ungehobelter Kerl
Das war nicht immer so. Als auch Seppi sein Handwerk niederlegte, war ich mit über 70 Jahren noch immer im Einsatz. Und da war ich in diesen Händen, die mich immer wieder und wieder über die Platte führten, mit jedem Strich ungeduldiger und härter. Ich hätte diesem Jungspund schon lange sagen können, dass das nichts wird: Gegen die Faser hobeln bringt Ärger, sonst nichts. Wer das Stück Holz nicht lesen kann, nicht erkennt, wozu es taugt, ob es nicht zu jung, zu weich, zu hart oder von Krankheiten gezeichnet ist, soll mich doch bitte gar nicht erst in die Hände nehmen. Dieser ungehobelte Kerl warf mich oft einfach in seine Werkzeugkiste, in der Feilen, Beitel und Bohrer herumlagen. Dementsprechend war auch seine Arbeit, aber auch den habe ich überlebt.

 

«Aber auch den habe ich überlebt»

 

Gefragt waren wir Hobel nach den beiden Weltkriegen. Worum es da ging, ist mir noch immer ein Rätsel. Während ich lange Zeit ungenutzt im Werkzeugkasten lag, weil die Männer «eingezogen» waren, wie es hiess, hörte ich viele Seufzer und Klagen. Danach ging es aber los: hier eine Ladentheke, ein Schrank, ein Regal, dort ein Buffet in der flotten neuen Gaststätte. So flitzte ich – «tschuuit, tschuuit, tschuuit» – in der Werkstatt über die Bretter.

Immer öfter mischten sich unter die wohlklingenden Kanons der traditionellen Sägen, Hämmer und Schleifgeräte neue Töne: Mal schrillte es, mal brummte es, mal surrte es. Ich lernte viele neue Werkzeuge kennen, die der Schreiner brauchte, um seiner Konkurrenz die Stirn zu bieten, wie mein Meister sagte. Diese neuen Arbeitskollegen hatten alle etwas gemeinsam: ein Kabel, das zu einem Teil führt, das neuerdings fast jede Wand aufwies – zur Steckdose. «Elektrisch», sagten sie.

Ich fragte mich, ob ich da mithalten kann mit meinem Körper aus Holz, der ehrlich gesagt schon etwas abgegriffen war, und der Klinge, die immer wieder ersetzt und geschliffen werden musste.

 

«Sucht ihr beiden, sucht!»

 

Eines Tages packte mich ein Mann, dessen Hände bisher ganz sicher nichts mit Handwerk zu tun gehabt hatten: keine Schwiele, keine Hornhaut. Der brachte mich auf einen Markt, wo ich hundskommuner Hobel mich zwischen ausgedienten Bügeleisen, denen mit Kohle Dampf gemacht werden musste, Waschbrettern und verbeulten Wannen wiederfand.

So ein Käse
Was musste ich dort hören: «Ou Schatz, dieser Hobel sähe in der Küche auf unserem uralten Holztisch super aus.» Und er: «In der Küche ein Hobel, keine schlechte Idee. Lass uns einen Käsehobel suchen.» Käsehobel? Sucht ihr beiden, sucht! Wenn der Käse schon längstens gegessen ist, steht da noch immer der Tisch, dessen Bretter und Beine ich gehobelt habe. Bitte, ich will nicht zu dieser Frau in die Küche.

Da ergriffen mich zwei Hände. Richtig, so wie es sein soll. Wenn ich könnte, würde ich mich in diesen Händen räkeln und schnurren wie eine Katze, die unter der Hobelbank Rahm lecken durfte. Diese Hände hatten Schwielen, fassten mich richtig, wie es sich gehört, strichen über mein Holz, die Finger zogen meine eingravierte Jahreszahl nach: 1841. Und stellten mich in ein Fenster an einer Strasse in Zürich. Weil ich doch kein ganz hundskommuner Hobel bin.

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