24.02.2016
FOTOS UND TEXT: Fredy Stäheli

Josua Heiser an seiner neuen Lehrstelle in einem Modegeschäft des gehobenen Segments.

Lehrvertragsauflösung

Dank zweiter Chance zum Lehrabschluss

Rund ein Fünftel aller Lehrverträge werden wieder aufgelöst. Betroffen sind jährlich Tausende junger Leute. Einer von ihnen ist Josua Heiser. Dank Unterstützung eines Mentors schafft er einen schnellen Wiedereinstieg.

Der Start in die Berufsbildung stand für Josua Heiser vor zweieinhalb Jahren unter keinem guten Stern. Der heute Zwanzigjährige beginnt eine Detailhandelslehre in einem grösseren Schweizer Modegeschäft. Schon nach einigen Wochen gefällt dem Lehrling das Klima in der Firma nicht mehr. Die Atmosphäre unter den Mitarbeitenden ist schlecht. Es kommt immer wieder zu Sticheleien. Heiser denkt, dass sich das wieder legen werde, und beschliesst durchzuhalten.
Zwei Jahre später ist er an einem Punkt, an dem es nicht mehr geht. Josua Heiser fasst für sich den Plan, die Lehrfirma zu wechseln, und sieht sich im Geheimen nach Alternativen um. Er bewirbt sich bei einer Boutique. Als deren Inhaberin mit seiner Chefin Kontakt aufnimmt, kommt es zum Eklat. Die beiden Parteien beschliessen, den Lehrvertrag aufzulösen. Drei viertel Jahre vor dem möglichen Lehrabschluss steht der Jugendliche ohne Vertrag da.

Auf Augenhöhe reden
Doch der Lehrling bekommt eine zweite Chance. Er meldet sich bei der Beratungsstelle Job Caddie (siehe Kasten) und bekommt einen Mentor zugeteilt: René Meuter ist seit acht Jahren frühpensioniert und hatte zuvor als Exportleiter einer international tätigen Bekleidungsfirma auch mit Personalfragen zu tun. René Meuter, Mentor bei Job Caddie«Im Erstgespräch soll der Lehrling die Situation schildern und klar sagen, wo die Probleme liegen.» Auch wolle er wissen, woher der Jugendliche familiär und beruflich komme, sagt Meuter. «Mir ist es wichtig, mit den Jugendlichen auf Augenhöhe zu reden.» Deshalb biete er ihnen das Du an.
«Josua Heiser hat mir seine Situation offen geschildert.» Der Lehrling habe in dieser Zeit unter Rückenschmerzen gelitten und das seiner Chefin nicht kommunizieren können. «Und er hat viel zu lange gewartet, bis er die Situation verändern wollte.»
Neuen Mut gefasst
Josua Heiser seinerseits hat die Beratung positiv erfahren. «Schon das erste Gespräch mit René Meuter bestärkte mich darin, nicht aufzugeben.» Geholfen habe es ihm, dass der Mentor von seinen eigenen Erfahrungen berichtete. Meuter erzählte, dass es in seinem Leben auch einen Punkt gegeben habe, an dem er die Veränderung suchen musste. Aus einer unbefriedigenden Situation in einem Modegeschäft wechselte Meuter zu einer anderen Firma. Dort entwickelte er sich beruflich erfolgreich.

Das Beispiel habe ihm Mumm gegeben, beruflich wieder einzuhaken. Denn die letzten Monate an seiner alten Lehrstelle seien sehr belastend gewesen. Heiser war demotiviert und fühlte sich bei der Arbeit völlig fehl am Platz. «Die aufgestellte Art von René Meuter war ansteckend.»

Am Anfang steht die Bestandsaufnahme
«Es geht darum, zusammen mit dem Jugendlichen herauszufinden, was ihn freut, was seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht», sagt Meuter. Denn bei vielen jungen Menschen finde keine bewusste Berufswahl statt. Er frage die Lehrlinge dann: «Was hast du dort gemacht? Warst du am rechten Ort?» Bei Josua Heiser sei in den Gesprächen allerdings schnell klar geworden, dass die Kleiderbranche das Richtige sei. Er brauchte aber eine Stelle, an der er seine Qualitäten einbringen kann. Diese liegen in der Beratung.

Auch die Bewerbungsunterlagen haben die beiden überarbeitet. «Wir mussten versuchen, im Bewerbungsschreiben den Lehrabbruch positiv zu verkaufen.» Die Argumentation lautete, dass jeder einen Fehler machen könne und jeder eine zweite Chance verdiene. Josua Heiser habe aus den Fehlern gelernt und werde diese nicht mehr machen. Er fasste den Vorsatz, persönlich in verschiedenen Geschäften vorzusprechen. «Auch bei Hugo Boss bin ich einmarschiert.» Bestand Interesse, reichte er jeweils die schriftlichen Bewerbungsunterlagen nach. «Am Schluss konnte ich unter vier Geschäften wählen und entschied mich schliesslich für das Modehaus Schild.»

Job Caddie
Job Caddie ist ein Mentoring-Programm für Jugendliche und junge Erwachsene mit Schwierigkeiten in der Lehre und beim Berufsalltag. Trägerschaft ist die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG). Für den unabhängigen Verein sind 90 Mentorinnen und Mentoren aus 30 Branchen tätig. Job Caddie wurde 2008 als Pilotprojekt im Kanton Zürich gestartet. Seit dem vergangenen Jahr ist Job Caddie auch im Kanton Zug vertreten. Im Büro in Zürich arbeiten fünf Personen. In Zug ist es eine.

Die Gegenseite anschauen
Nicht immer sei die Beratung allerdings so einfach, sagt René Meuter. «Viele machen beruflich nicht das, was ihnen auf den Leib geschrieben ist, und sie sind dann auf dem falschen Dampfer.» Dann gehe es zunächst darum, zusammen mit den Jugendlichen herauszufinden, was ihre Stärken und Schwächen sind. Bisweilen sei es hilfreich, mit ihnen die Gegenseite anzuschauen. Er sage dann zum Jugendlichen: «Wenn du für das Personal einer kleinen Firma verantwortlich bist und für eine Stelle zehn Bewerber hast, worauf schaust du?» Häufig sprächen die Lehrlinge dann von Dingen, die sie selber nicht mitbrächten. «Sie reden von Fleiss, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit.» Das zwinge sie, sich zu überlegen, was das für sie selber bedeuten müsste. Diese Arbeit an den Wertvorstellungen der Jugendlichen sei wichtig, sagt der erfahrene Mentor.
«Im Lauf der ersten Gespräche habe ich realisiert, dass ich mit Selbstbewusstsein und mit Energie hinter die Lehrstellensuche muss», bestätigt Josua Heiser. Er habe gemerkt, dass mitten im dritten Lehrjahr die Zeit eng werde, um den ersten Baustein der Berufsbildung erfolgreich abschliessen zu können. Die Angst, nichts mehr zu finden, habe er aber überwinden können.

Interview_Claudia_Manser_Job_Caddie_Zuerich

Claudia Manser ist Leiterin von Job Caddie. Sie vermittelt Mentoren für Jugendliche mit abgebrochener Lehre. Video: Fredy Stäheli

«Junge haben keine Ansprechpartner»
Zu Lehrvertragsauflösungen komme es in einer heiklen Lebensphase der Jugendlichen, weiss René Meuter. Viele setzten ihre Prioritäten zugunsten des Freundeskreises oder ihrer Hobbys statt des Berufs. «Und sie haben keine Ansprechpartner, mit denen sie über ihre beruflichen Probleme sprechen können.» Viele Eltern hätten wenig Verständnis und die Kollegen ihre eigenen Probleme. «Und auch Lehrmeister haben keine Zeit oder finden, dass sie nicht dafür zuständig sind.»

Zudem habe sich in der Ausbildung praktisch alles geändert. «Früher standen für die meisten nur vier bis fünf Berufe zur Auswahl. Junge Männer wählten einen handwerklichen Beruf, gingen in den Verkauf oder machten das KV. Junge Frauen wurden Coiffeuse, Schneiderin oder Lebensmittelverkäuferin.» Heute hingegen hätten die Jungen bei der Berufswahl eine viel grössere Auswahl – das Risiko, das Falsche zu wählen, sei aber auch viel grösser.

Wechsel lohnte sich
Für Josua Heiser hat sich der Wechsel innerhalb derselben Branche gelohnt. War er am früheren Arbeitsplatz vor allem mit logistischen Aufgaben betraut, kann er am neuen seine Stärke – die Kundenberatung – viel stärker einbringen. Das motiviert ihn. Die neue Stelle fordere ihn heraus, und das sei wichtig für ihn. «Hier ist das Segment gehoben. Viele sind sich eine gute Beratung gewohnt, und ich kann ihnen das bieten.» Er müsse aber mit allen Kunden klarkommen. Es gebe auch die Umständlichen, die viel Zeit beanspruchten und sich am Schluss doch nicht für einen Kauf entscheiden könnten.

«Meine neue Chefin war von Anfang an unvoreingenommen und gab mir eine Chance.» Von ihr habe er menschlich und fachlich viel profitiert. «Sie geht auf mich ein, hat Verständnis für mich, und sie packt im Verkauf auch selber an.» Seine Kolleginnen und Kollegen kennten sich wirklich aus im Metier, sagt Heiser. Sie seien motiviert und bereit, ihr Wissen weiterzugeben. «Ich habe in den letzten drei Monaten so viel wie in den gesamten zwei Jahren zuvor gelernt.»

Aussagekräftige Zahlen fehlen
Gesamtschweizerische Zahlen zu Lehrvertragsauflösungen und ihren Auswirkungen fehlen derzeit. Jeder Kanton erhebt das Material nach eigenen Kriterien. Darüber, wie es in der Tendenz aussieht, gibt eine Studie aus dem Kanton Bern Auskunft.

Die Lehrvertragsauflösungen erfassen die Kantone nur gesamthaft. Informationen, wie viele Jugendliche in der Folge definitiv aus dem Berufsbildungssystem herausfallen, fehlen. Auch ist nicht jede Lehrvertragsauflösung problematisch: Der Sammelbegriff Lehrvertragsauflösungen beinhaltet etwa den Wechsel von einer Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis (EFZ) zu einer Lehre mit Attest (EBA) – oder umgekehrt, was einen Aufstieg bedeutet. Deshalb sind Vertragsauflösungen nicht per se negativ, sondern gehören ein Stück weit zum normalen Prozess in der Berufsbildungswelt. Das Bundesamt für Statistik publiziert daher bewusst keine Zahlen zu Lehrvertragsauflösungen. Sie können nicht differenziert genug aufgeschlüsselt werden. Das soll sich bald ändern. «Ein statistisches Verfahren, das ein präzises Bild wiedergibt, ist in Arbeit und soll ab nächstem Jahr verlässliche Zahlen liefern», sagt Anton Rudin vom Bundesamt für Statistik. Er rechnet damit, dass erste Zahlen 2017 zur Verfügung stehen werden. Diese Zahlen fehlen bis jetzt, weil sich erst seit 2011 über die AHV-Nummer eines jeden Lehrlings seine berufliche Ausbildung nachverfolgen lässt.

Der Blick auf Zürich
Auch im Kanton Zürich sind zahlenmässig nicht alle Details erfasst. Der grösste Schweizer Kanton liefert fürs Jahr 2014 aber interessante Zahlen: Gesamthaft waren 
35 288 Lehrverträge registriert, 12 310 wurden neu geschlossen, 3624 aufgelöst. Aufschlussreich ist, dass von allen Lehrvertragsauflösungen die meisten während des ersten Lehrjahres, nämlich 56 Prozent, und von diesen rund ein Drittel während der Probezeit, also in den ersten drei Monaten, aufgelöst werden. Die häufigsten Gründe waren gemäss Marc Kummer vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt Konflikte zwischen den Lehrvertragsparteien (22 Prozent), falsche Berufs- oder Lehrstellenwahl (21 Prozent), Leistungen der/des Lernenden (21 Prozent), Pflichtverletzung der/des Lernenden (15 Prozent).

Die Auswirkungen
Von Bedeutung sind Informationen zu den Auswirkungen von Lehrvertragsauflösungen für die Jugendlichen. Sie sind bis jetzt lückenhaft. Darüber, wie es tendenziell aussieht, gibt das Projekt Lehrvertragsauflösungen (LEVA) des Kantons Bern Auskunft. Die Studie gilt für die Schweiz als repräsentativ.
Im Jahr 2004 befragte Bern 1300 Jugendliche, die ihren Lehrvertrag auflösten. Im Frühjahr 2007 wurden 1200 dieser Jugendlichen nochmals befragt. Drei Viertel der Jugendlichen stiegen im Verlauf von drei Jahren nach der Lehrvertragsauflösung wieder in eine Sek.-II-Ausbildung, also Berufslehre oder Mittelschule, ein. Die grössten Chancen für den Wiedereinstieg bieten sich innerhalb der ersten beiden Monate nach der Lehrvertragsauflösung. Je länger die Lehrvertragsdauer zurückliegt, desto kleiner der Anteil der Jugendlichen, die wieder in eine Ausbildung einsteigen. Kaum Chancen, ihre Ausbildung fortzusetzen oder eine neue zu beginnen, haben Jugendliche nach einem Unterbruch von zwei Jahren oder länger. Aber nicht alle Jugendlichen, die ihre Ausbildung nach Vertragsauflösung wiederaufnehmen, schliessen diese auch ab. Rund 15 Prozent sind erneut entweder von einer Lehrvertragsauflösung oder von einem Schulabbruch betroffen.