26.11.2018
Pavillon Vicino Luzern

Begegnungsort des Vereins Vicino Luzern

Generationenwohnen

Sinn und Zweck altersdurchmischter Siedlungen

Viele unterschiedliche Generationen in einer Siedlung: Dies wirkt sich im wahrsten Sinne des Wortes belebend aus, ist Joëlle Zimmerli überzeugt. Die Soziologin und Planerin kennt aber auch die Tücken des Generationenwohnens.

Jahrhundertelang war es selbstverständlich: Vom Neugeborenen bis zur Greisin teilten sich mehrere Generationen nicht nur Tisch und Stuhl und erst recht das Herdfeuer, sondern auch Quartiere und Städte waren generationendurchmischt. Mit der Industrialisierung kam die Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz. Die AHV sichert seit über 70 Jahren Pensionierten ein Einkommen. Somit können sie sich weiterhin einen eigenen Wohnraum leisten.

Inzwischen gibt es immer mehr Siedlungen, die sich dem sogenannten Generationenwohnen verschrieben haben. Wer im Internet den Begriff «Generationenwohnen» eingibt, stösst fast gleichzeitig auf Informationen rund um das Wohnen im Alter. Liegt das daran, dass viele Menschen ihren Lebensabend nicht in einem Alterszentrum verbringen möchten und lieber die Hilfe der Nachbarschaft in Anspruch nehmen wollen? Oder daran, dass auch die Gemeinden auf diese kostenlose Hilfe hoffen? 

Pavillon Vicino LuzernSchliesslich könnten Rentner gleichzeitig auf Kinder aufpassen, einkaufen und kochen, während die Eltern erwerbstätig sind. «Nein, das ist es nicht. Nachbarschaftshilfe funktioniert so nicht», winkt Joëlle Zimmerli ab. Die Soziologin und Planerin untersucht die Anforderungen und Ansprüche, die unterschiedliche Nutzer und Nutzungsformen an die Areal-, Stadt- und Regionalentwicklung stellen. Sie weiss: «Es gibt sehr viele, die ihren Nachbarn helfen würden, aber sehr wenige, die diese Hilfe annehmen wollen.» Gerade ältere Menschen möchten weiterhin unabhängig sein und bei niemandem in der Schuld stehen.

Das erklärt auch, warum die Nachfrage von jungen Menschen, die beim generationenübergreifenden Projekt «Wohnen gegen Hilfe» (siehe Kasten) mitmachen wollen, grösser ist als das Angebot. «Dank AHV und Pensionskasse können es sich ältere alleinstehende Frauen heute finanziell leisten, weiterhin alleine in ihrem Heim zu wohnen.» Viele Städte bieten gemeinsam mit den Grossisten einen Heimlieferdienst an – zu einem Preis, der weit unter einer Taxifahrt liegt. Bei der medizinischen Versorgung hilft die Spitex, neben anderen, privaten Anbieterinnen, die sich professionell um die Raumpflege kümmern. Auch der Mahlzeitendienst bringt nicht nur Essen, sondern kontrolliert kurz, wie es den Klienten geht.

 

Ein hindernisfreies Zuhause
Doch die Generation der Babyboomer, die zwischen 1945 und 1960 geboren wurde, erlebt derzeit anhand ihrer Eltern, dass sich die Wohn- und Pflegesituation von Betagten plötzlich verschlechtern kann. Dann muss schnell gehandelt werden. Viel Arbeit bleibt den nächsten Angehörigen überlassen – von der Betreuung über die Suche nach einem Pflegeplatz bis hin zur Hausräumung. Diesen Stress möchten Eltern ihren Nachkommen ersparen und frühzeitig auch die letzte Lebensphase organisieren, um möglichst lange unabhängig wohnen zu können. Gemäss Joëlle Zimmerli führt das dazu, dass sich ältere Personen heute früher mit dem Wohnen im Alter auseinandersetzen. 

Dabei spielt die Wohnsituation eine grosse Rolle: ein hindernisfreies Zuhause, das auch mit Rollator oder Rollstuhl problemlos begangen werden kann und keine Stolperfallen wie Schwellen bietet, das mit dem ÖV gut erschlossen ist und in der Nähe von Einkaufsmöglichkeiten sowie weiteren Dienstleistungsbetrieben liegt. «Es ergibt sich von daher, dass Mehrgenerationensiedlungen meistens in einer Stadt, in der Agglomeration oder in grossen Gemeinden liegen», sagt Zimmerli. Kommen in Überbauungen weitere Angebote wie Kinderhorte und Gemeinschaftsräume zum Basteln oder Festefeiern hinzu, ist das Areal auch für Familien mit Kindern attraktiv.

 

Menschen brauchen Privatsphäre
Die Privatsphäre spielt bei der Wahl der Wohnsituation eine Rolle, «die nicht unterschätzt werden darf», sagt die Planerin. Der Körper ist nicht mehr so fit, und Gebrechlichkeit macht verletzbar. Der Mensch braucht einen Rückzugsraum, wo er sich in Ruhe und dezent mit seinen Schwächen auseinandersetzen kann. Nur schon dem Partner ohne Gebiss, mit Brille und Hörapparat zu begegnen, ist keine leichte Sache, auch dann nicht, wenn er selber nicht mehr der stramme Kerl von früher ist und mit den Stützstrümpfen zu kämpfen hat. Das ist auch für Menschen eine Herausforderung, die nicht eitel sind. Das sind denn auch die Gründe, warum Joëlle Zimmerli nicht davon ausgeht, dass die Generationen, die in ihrer Jugend in Wohngemeinschaften wohnten, dies im Alter wieder tun möchten und von den damaligen Erfahrungen profitieren könnten. Und: «Seien wir ehrlich: Das machen die meisten Leute aus finanziellen Gründen, weil sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten können.» 

Die richtige Nähe und Distanz für ein gutes Zusammenleben zu finden, ist auch räumlich eine Herausforderung. «Die Erfahrungen von Generationenwohnprojekten zeigen, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner, die keine schulpflichtigen Kinder haben, auch ihre Ruhe suchen», weiss Zimmerli. Kinder wiederum fühlen sich am wohlsten unter anderen Kindern. Deshalb ist es gut, in Siedlungen verschiedene Angebote im Aussenraum zu schaffen, damit man sich auch einmal aus dem Weg gehen kann. Konkret: Was in grossen Freibädern mit Familien-, Raucher- oder Ruhezonen sowie den verschiedenen Schwimmbecken bestens funktioniert und Reibereien verhindert, kann ein Vorbild für Siedlungen sein. Eine gute Grösse für generationengemischte Siedlungen sind mindestens 20 Wohneinheiten, 100 und mehr schaffen noch bessere Voraussetzungen.

 

Viele Menschen, viele Charaktere, viel Wäsche und viele Fahrräder. Was braucht es da: Waschmaschinen, Reinigungskräfte oder Mediatoren, die den Haussegen richten können? Joëlle Zimmerli: «Waschküchen schaffen Konflikte, sind aber wichtige Aushandlungsflächen und Orte, an denen man sich selbstverständlich trifft.» Deshalb sollten diese eingeplant werden. Auch Angebote wie gemeinsames Kochen oder Spielen sind willkommen. Reinigungskräfte, Haus- und Siedlungswarte, die bezahlt werden, erleichtern das Mit- und Nebeneinander.

Hinter den meisten Generationenwohnprojekten stehen Wohnbaugenossenschaften. Solche, die extra für das Bauprojekt gegründet werden, oder auch solche, die wie die Gesewo Winterthur bereits seit 1944 bestehen. Auch das Projekt «Vicino Luzern» (siehe Kasten), das ältere Menschen im Alltag unterstützt, damit sie weiterhin in generationengemischter Umgebung wohnen können, wurde von einer Wohnbaugenossenschaft lanciert, die seit Jahrzehnten besteht.

Ein Bauprojekt mit mehreren Generationen unterscheidet sich vom Finanziellen her grundsätzlich nicht von anderen. Wer im Mehrgenerationenhaus Giesserei in Winterthur (siehe Kasten) eine Wohnung mietet, bezahlt für eine 4½-Zimmer-Wohnung rund 1500 bis 2800 Franken pro Monat. Hinzu kommt ein Anteilschein.

 

Joëlle Zimmerli
Foto: zVg. Joëlle Zimmerli

Joëlle Zimmerli

ist studierte Soziologin und Planerin mit Lehraufträgen an Universitäten.

Die Baslerin mit Büro in Zürich berät unter anderem die Planer des Vierfeldes der Stadt Bern, half bei der Entwicklung des Wohnprojekts «Vicino Luzern» mit und ist auch mit weiteren Siedlungen, die sich dem Generationenwohnen verschrieben haben, wie etwa die Giesserei Winterthur, vertraut. http://zimraum.ch 

 

Interesse an altersdurchmischten Siedlungen
Für Gemeinden liegt der Anreiz einer altersdurchmischten Siedlung darin, dass sich die Quartiere ausgewogen entwickeln. Bewohnerinnen und Bewohner von altersdurchmischten Siedlungen und Häusern profitieren vor allem, weil sie viel mehr mit verschiedensten Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen Kontakt haben, als wenn sie in einer Alterssiedlung oder in einem wenig altersdurchmischten Einfamilienhausquartier wohnen, in dem alle Kinder ausgeflogen und die Eltern im Ruhestand sind. Neubau-Areale mit einseitiger Altersdurchmischung leiden an mangelnder Belebung: Wo es nur Erwerbstätige und keine Pensionierten und Kinder gibt, bleibt das Quartier tagsüber tot.

«Für die Realisierung von Generationenwohnen braucht es vor allem eine Liegenschaftsverwaltung, die gezielt darauf achtet, dass die Mieterinnen und Mieter beim Bezug nicht alle im selben Alter sind», meint Zimmerli. Das treffe auch auf Gemeinden als Vermieterinnen zu. Studien zeigen, dass bei mehreren hundert Neubauwohnungen nur ein sehr geringer Anteil an Menschen über 65 Jahre vermietet wurde. «Weil die freie Wohnung meistens einfach der erste passende Interessent erhält und ältere Menschen mehr Entscheidungszeit benötigen», sagt sie. Oft muss ein Haus verkauft und entrümpelt werden. Weil die Hypotheken auf das Haus meistens abgezahlt sind, kommt eine Mietwohnung teurer zu stehen. Für Mieterinnen und Mieter ist der Wechsel vom Administrativen her einfacher.  

Was rät die Soziologin denn nun den Menschen, die sich mit der langfristigen Planung von Wohnsituationen befassen? Joëlle Zimmerli: «Auf eine altersdurchmischte Nachbarschaft achten, die zu einem passt.» Durchmischung muss nicht zwingend Kinder, Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern unter einem Dach vereinen. Oft klappt das Miteinander besser, wenn alle vom Alter her näher beieinanderliegen. Etwa eine Gemeinschaft aus Männern und Frauen, die noch einige Jahre erwerbstätig sind, mit frisch Pensionierten und Betagten in einem Wohnblock, Familien mit kleinen und fast erwachsenen Kindern in einem anderen Gebäude in der Nachbarschaft.

 

 

Giesserei Winterthur

Das Mehrgenerationenhaus Giesserei liegt in Oberwinterthur. Es verfügt gemäss seiner Homepage über 151 Wohnungen: Von 1½-Zimmer-Wohnungen bis zu einer Grosswohnung mit 9 Zimmern sind viele verschiedene Wohnungstypen möglich. «Bei der Vermietung wird eine gleichmässige Verteilung auf die Altersgruppen angestrebt», ist der Homepage zu entnehmen. 

Die Giesserei ist die grösste Siedlung der Gesewo, der Genossenschaft für selbstverwaltetes Wohnen. Um dort eine Unterkunft zu mieten, müssen die interessierten Genossenschafter einen Genossenschaftsanteil von 2000 Franken einzahlen und dem Hausverein Giesserei als Aktivmitglied beitreten. Spätestens zwölf Monate nach Bezug müssen sie der Gesewo ein unverzinsliches Pflichtdarlehen von 10 Prozent des Anlagewerts der Wohnung gewähren. 34 Wohnungen sind zusätzlich subventioniert. 

Zu Beginn des Monats August 2018 war in der Giesserei Winterthur lediglich ein rund 30 Quadratmeter grosses Doppelzimmer mit einem eigenen Bad und Balkon in einer Grosswohnung frei. Die Miete inklusive Nebenkosten betrug 1060 Franken, das Pflichtdarlehen 36 000 Franken. 

In der Giesserei finden regelmässig Veranstaltungen statt. Unter anderem, damit sich die Bewohnerinnen und Bewohner einfacher begegnen und kennenlernen können.

www.giesserei-gesewo.ch

 

 

Verein «Vicino Luzern  In unserem Quartier alt werden» 

Vicino bedeutet im Italienischen «nahe» oder «Nachbar». Das Nachbarschaftsprojekt «Vicino Luzern» entspringt der Idee, die Nähe zu den älteren Bewohnern zu gewährleisten und die Nachbarschaft zwischen den Generationen zu stärken: «eine Antwort auf die Bedürfnisse der wachsenden älteren Bevölkerung, die selbstbestimmt in ihrem Wohnumfeld alt werden will und dabei auf ein Netz an nachbarschaftlicher und professioneller Hilfe angewiesen ist».

Das Projekt ist aus einer Initiative der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (abl) sowie von Tamara Renner, Spitex Stadt Luzern, entstanden. Die abl möchte den Anspruch umsetzen, ihren Mieterinnen und Mietern den möglichst langen Verbleib in der erneuerten Genossenschaftssiedlung «Himmelrich 3» im Neustadtquartier in Luzern zu ermöglichen und generationendurchmischte Begegnungsmöglichkeiten und Begegnungssituationen zu schaffen.

So dient der Holzpavillon im Bleichergärtli seit 2016 als Büro, Treffpunkt, Sitzungszimmer, Anlaufstelle und Zentrum für kleinere oder grössere Anlässe. Alle Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Quartier und Interessierte sind willkommen.

Es handelt sich auch um eine Möglichkeit, sich über Hilfeleistungen zu informieren. Denn: «Reicht die Nachbarschaftshilfe mal nicht, kann Vicino Luzern auf professionelle Dienstleistungen zurückgreifen und diese vermitteln helfen», so informieren die Zuständigen auf ihrer Internetseite. Das Projekt ist als Verein organisiert, der unter anderem auch von den Landeskirchen sowie der Spitex, dem Schweizerischen Roten Kreuz und der Stadt Luzern unterstützt wird.

www.vicino-luzern.ch
www.abl.ch

 

 

 

 

«Wohnen gegen Hilfe»
 
«Haben Sie mehr Platz in Ihrem Zuhause, als Sie brauchen? Mit ‹Wohnen gegen Hilfe› können Sie diesen einer Studentin oder einem Studenten zur Verfügung stellen. Statt Miete erhalten Sie regelmässige Unterstützungsleistungen. Als Tauschregel gilt: eine Stunde Hilfe pro Monat und Quadratmeter Wohnraum, zuzüglich Nebenkosten.» So beschreibt Pro Senectute im Internet diese Form von generationenübergreifenden Wohnpartnerschaften, die es mittlerweile fast in jeder grösseren Stadt gibt.

Mit Ausnahme von betreuerischen oder pflegerischen Leistungen sind die Möglichkeiten der «Untermieter» vielfältig: Hilfe in Haushalt und Garten, Unterstützung beim Umgang mit digitalen Medien oder die Begleitung zu kulturellen Veranstaltungen. Koordinatorinnen und freiwillige Beraterinnen der Pro Senectute Zürich etwa begleiten und unterstützen Interessierte.

https://pszh.ch 
www.bern.ch/alter
www.begh.ch

 

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der «blickwinkel»-Ausgabe zum Fokusthema «Generationenvielfalt in der Arbeitswelt». Das Magazin ist Mitte November 2018 erschienen.