«der arbeitsmarkt» 10/2014TEXT: Kathrin KochFOTO: Stefan Zürrer
Richtungswechsel

Menschen statt Geld

Früher war er ein Banker, heute betreut er stellensuchende Menschen bei ihrer Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt. Dieser Weg war letztendlich ein Plan B, den Attila Radasits zusammen mit einem Coach erarbeitete. Das letzte Quäntchen Glück lieferte das Leben.

Da war dieser Moment im Frühling 2010. Attila Radasits, Familienvater und Abteilungsleiter bei einer Schweizer Grossbank, sass im Büro seines Vorgesetzten und versuchte, die Tragweite dessen zu begreifen, was ihm gerade mitgeteilt wurde: die Kündigung. Er erhielt sie mit 48 Jahren – und nachdem er fast 25 Jahre lang für ein und dasselbe Unternehmen tätig gewesen war.

Dieser Moment sei für ihn ein Schock gewesen, sagt Attila Radasits rückblickend. Hatte er die Kündigung nicht kommen sehen? «Ich habe die Situation verdrängt.» Wohl wusste er von der Krise bei der Bank. Bereits lange Zeit vorher hatte sie begonnen und zog immer weitere Kreise. Ganze Abteilungen wurden reorganisiert und aufgelöst.

Attila Radasits war 1986 nach einem abgebrochenen Wirtschaftsstudium bei der Bank eingestiegen: «Ich brauchte den Praxisbezug – nur Theorie reichte mir nicht.» Schritt für Schritt ging seine Karriere bergauf. Er leitete das Informationszentrum, wo unter anderem Recherchen und Abklärungen für Kundenberater erledigt wurden. Nun wurde auch seine Abteilung, bei der er bis zu 24 Mitarbeitende führte, sukzessive reduziert, bis am Schluss noch sieben Personen übrigblieben.

So mancher Mitarbeitende landete hart auf dem Boden der Realität. Auch Attila Radasits. Er beschreibt, dass neben ihm auch andere die Augen vor der Wahrheit verschlossen hätten. Die Löhne und das Bonussystem, sie seien wie goldene Fesseln gewesen. «Das Geld war nie ein Thema.» Vielleicht war auch deshalb sein Schock gross – diese Angst, etwas zu verlieren.

Andere Wertvorstellungen

Viereinhalb Jahre später. Ein Industriegelände mit Werkhallen, Betonfassaden, graue Gebäudekomplexe. Ein Bahngeleise, eine Strassenkreuzung, Parkplätze und parkierte Autos. An einem grossen, in die Jahre gekommenen Bürogebäude prangen die Buchstaben WTL – Werk- und Technologiezentrum Linthgebiet: Attila Radasits’ neuer Arbeitgeber. Der ehemalige Banker öffnet die Türe zu seinem Büro. «Ja, definitiv keine edle Finanzumgebung mehr», bestätigt er. Zusammen mit zwei Angestellten teilt er sich einen kleinen Raum. Im Büro stehen drei Pulte, Bürostühle, Computer, Korpusse, viele Ordner und grosse Pflanzen in Töpfen. Viel Platz bleibt nicht übrig.

Attila Radasits zeigt auf den grau-braunen Spannteppich, der schon bessere Tage hatte. Er schmunzelt. Solche Dinge stören ihn aber nicht: «Mit 52 Jahren setze ich andere Prioritäten.» Hier bei seinem neuen Arbeitgeber sind ästhetische «USM Haller»-Möbel, teure Stehpulte oder wertvolle Bilder an den Wänden nicht wichtig. Hier stehen die Menschen im Zentrum.

Attila Radasits, Leiter Einsatzprogramme beim WTL.Das WTL in Jona (SG) ist ein Unternehmen, das stellensuchende Menschen in den ersten Arbeitsmarkt integrieren will. Rund 250 Arbeitsplätze stehen dafür zur Verfügung. Während sechs bis zwölf Monaten arbeiten die Teilnehmenden in verschiedenen Abteilungen, wie in einer Werkstatt, wo sie alte Fahrräder für Afrika herrichten, oder in einem Atelier, wo sie Taschen und Etuis nähen. In einer Werkhalle im Erdgeschoss sortieren sie fachgerecht Elektroschrott, und im Büropool erledigen Stellensuchende aus dem kaufmännischen Bereich administrative Arbeiten.

Der ehemalige Banker Attila Radasits ist seit kurzem Leiter dieser Einsatzprogramme. Er führt Erstgespräche mit möglichen Teilnehmenden, plant und organisiert ihren Einsatz und schaut, wo die Bedürfnisse und Möglichkeiten liegen. Auch ist er Ansprechperson für die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV).

Von seiner Zeit auf der Bank könne er vor allem seine Führungserfahrung einbringen, aber auch was er in der Kommunikation und im Konfliktmanagement gelernt habe, sagt er. Neu ist für ihn die Zusammenarbeit mit dem Kanton und mit den RAV: «All die Verordnungen, Reglemente und Vorschriften – das ist für mich ein neues Metier; ich lerne jeden Tag dazu.»

Absage um Absage

Der Wechsel von der Finanzwelt in den Sozialbereich war ein Plan B. Er entstand in langsamen Schritten – nachdem klar geworden war, dass der ursprüngliche Plan A nicht mehr funktionierte. Als Attila Radasits von der Grossbank freigestellt wurde, wollten Freunde wissen, ob er denn nicht wütend sei auf seinen früheren Arbeitgeber. Attila Radasits aber hegte gegenüber der Bank keinen Groll. «Ich sah es als Chance, etwas Neues zu finden.»

Dieses Neue war dann allerdings doch wieder das Alte, denn Attila Radasits suchte in seinem gewohnten Umfeld eine Stelle. «Ich hatte meine Vorstellungen», gibt er zu. In Stichworten bedeutete dies: Bankenbereich, Kaderfunktion mit Führungsverantwortung, Backoffice. Mit diesen Vorstellungen ging er auf Stellensuche – und erhielt Absage um Absage. Attila Radasits schrieb über 250 Bewerbungen. Nur bei zwei Firmen konnte er sich vorstellen. Er, der immer Vertrauen gehabt hatte in seine Fähigkeiten und ein positiv denkender Mensch war, geriet ins Grübeln: «Das kann doch nicht sein. Sollten die 25 Jahre Bankerfahrung umsonst gewesen sein?»

Langsam entsteht der Plan B

Nach elf Monaten Arbeitslosigkeit führte ihn sein Weg in das Qualifizierungsprogramm des FAU – Fokus Arbeit Umfeld. Dort erhielt er erstmals professionelle Unterstützung von einem Coach, dem er heute noch sehr dankbar ist. Die Frau stoppte sein negatives Gedankenkarussell und ermöglichte ihm eine neue Sichtweise. Nachdem der Plan A – zurück zur Bank – nicht funktioniert hatte, musste ein neues Szenario erarbeitet werden. Dieser Plan B war das Ergebnis einer intensiven Vorlaufzeit und Selbstreflexion, unzähliger Gespräche mit dem Coach und Analysen über Interessen, Stärken und Schwächen. Mehrmals stellte sich der Ex-Banker die Frage: «In welche Richtung möchte ich gehen?» Er realisierte, dass er in seinem neuen Arbeitsfeld gerne mit Menschen arbeiten wollte – und dazu viele Sozialkompetenzen mitbrachte.

Die berufliche Veränderung sollte also in diese Richtung gehen. In der weiteren Coachingarbeit wurden mögliche Einsatzbereiche und Tätigkeiten ausgearbeitet. Attila Radasits merkte, dass er mit Stellensuchenden arbeiten wollte, «weil ich weiss, was es heisst, arbeitslos zu sein». Seine Bewerbungen bei den RAV, bei Sozialberatungen oder im Coachingbereich scheiterten jedoch, da ihm die Berufserfahrung und die Diplome fehlten.

Wieder umdenken. Er absolvierte eine Ausbildung zum diplomierten Geschäftsführer. Die Hoffnung, als Geschäftsführer bei einer Firma einsteigen zu können, zerschlug sich rasch. «Ein Geschäftsführer in meinem Alter, der bis anhin keine KMU geführt oder Erfahrungen bei einem Kleinunternehmen gesammelt hat, erhält auf dem Arbeitsmarkt keine Chance», bilanziert er. Attila Radasits bereut diese Ausbildung jedoch nicht: «Sie hat meinen Horizont erweitert.»

Assistent der Geschäftsleiterin

Plötzlich, ein erster scheuer Schritt in die Richtung seines Plans B: Als Teilnehmer des Qualifizierungsprogrammes kann Attila Radasits beim WTL einen Projekteinsatz absolvieren. In einem Teilzeitpensum unterstützt er Stellensuchende im Bewerbungscoaching – Motivationsbriefe schreiben, Lebenslauf optimieren, im Internet nach Stellen suchen. Diese Arbeit fasziniert ihn und relativiert seine Sicht auf die eigene Arbeitslosigkeit. «Ich klagte auf hohem Niveau. Mein Gegenüber aber hat vielleicht das Problem, seinen Kindern keine Kleider kaufen zu können.»

Attila Radasitsʼ Coach spürt die Faszination und empfiehlt ihm: «Auf dieser Schiene musst du aufbauen – das ist dein Plan B.» Und tatsächlich erhält er vom WTL ein Jobangebot als Assistent der Geschäftsleiterin. Seine spätere Vorgesetzte macht ihm bereits im ersten Gespräch klar, was die Kompromisse sein würden: ein wesentlich tieferes Einkommen und auch Arbeiten, die er sich als ehemaliger Team- und Abteilungsleiter nicht gewohnt war. Attila Radasits weiss: Diese Chance muss er ergreifen. Ohne die Unterstützung seiner Familie will er diesen Schritt allerdings nicht wagen und bespricht den Wechsel mit seiner Ehefrau und den beiden Töchtern. Sie sollen wissen, dass diese Stelle mit finanziellen Einbussen einhergeht. Konkret heisst das: keine grossen Ferienreisen mehr und den Gürtel enger schnallen.

Heute verdient er rund einen Drittel seiner Bezüge als Banker. Trotzdem: «Diesen Schritt habe ich nie bereut», sagt Attila Radasits. Zumal seine Frau drei Monate nach seiner Zusage eine Teilzeitstelle fand und sich das Familieneinkommen damit wieder verbesserte.

Als Assistent erledigte er für seine Vorgesetzte verschiedenste Tätigkeiten – Präsentationen vorbereiten, Besucher empfangen und auch Getränke servieren, Kassendienst im Brocki oder Protokolle verfassen. «Ich war der Gango», lacht er. «Bei der Bank hatte ich Mitarbeitende, die genau solche Arbeiten für mich erledigten.» Er merkte, dass ihm kein Zacken aus der Krone fiel, als er diese Aufgaben plötzlich selber erledigen musste.

Die Erfolgsgeschichte seines Plans B hängt für ihn auch mit seiner Vorgesetzten zusammen. Denn zum ersten Mal in seinem Leben erlebte er «Leadership». Diesen Begriff hörte er bei der Bank regelmässig, nur spüren konnte er diese Qualität dort nie. Im WTL zeigte ihm seine Vorgesetzte ihre Wertschätzung und erfragte beispielsweise in wichtigen Entscheidungen seine Meinung. Sie lobte ihn und vertraute ihm. Mittlerweile ist Attila Radasits vom Assistenten der Geschäftsleiterin zum Leiter der Einsatzprogramme aufgestiegen. Seine Beförderung sei letztlich auch ein Vertrauensbeweis seiner Chefin gewesen, sagt er stolz.

Frühzeitige Unterstützung besser?

Attila Radasits wusste immer: Eine Lösung wird kommen. Er glaubte daran, dass sein Plan B erfolgreich funktionieren kann. Der mittlerweile 52-Jährige ist jedoch der Meinung, dass solche Umorientierungen von den RAV schon früher aufgegriffen werden müssten – und nicht erst nach langen Monaten der Arbeitslosigkeit und unzähligen erfolglosen Bewerbungen. «Ich hätte mir früher eine Unterstützung gewünscht.»

Die Zuversicht für seinen neuen Weg konnte er dank der Unterstützung seiner Familie und seiner engsten Freunde beibehalten. Auch sein Coach im Qualifizierungsprogramm war ihm eine sehr wichtige Stütze: «Da war eine Person, die mich förderte – und auch gewisse meiner Handlungen hinterfragte.» Nach diesem manchmal beschwerlichen Weg geniesst Attila Radasits heute seine Arbeit beim WTL. Er ist angekommen.

Nachdenklich wird er zum Schluss trotzdem, wenn er sagt: «Ich musste 50 Jahre alt werden, um das zu tun, was mich erfüllt.» Zwar habe ihm die Arbeit bei der Bank auch gefallen, aber das Geld sei zu stark im Vordergrund gestanden. Attila Radasits rät, sich früh einen Plan B zu überlegen: «Ist es das, was ich will? Was könnte ich sonst noch in meinem Leben tun, was macht mir Spass?» Auch er hätte sich solche Fragen früher stellen sollen. «Aber nachträglich ist man immer schlauer.»

 

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