«der arbeitsmarkt» 01/2014TEXT: Daniela Palumbo
Heimische Köstlichkeiten

Fokus: Delikatessen

Meine Tante war Nonne. Sie lebte in einem Kloster in Rom in Klausur. Erst als sie weit über 60 Jahre alt war, durfte sie uns besuchen. Meine Schwester und ich hatten am Besuchstag mit unserem Taschengeld einen Radiergummi gekauft, der aussah wie ein Konfekt aus Schokolade. Zu einem Spass aufgelegt, reichten wir das Praliné unserer Tante. Dankend nahm sie dieses an. Sie strahlte genüsslich, bevor sie reinbiss. Als ihre Zähne auf Gummi stiessen, verwandelte sich der Genuss schnell in Ekel. Wir konnten uns das Lachen nicht verkneifen. 

Was hier als Mädchenstreich durchgehen mag, ist manchmal bittere Realität: Wir wissen immer weniger, was im Essen, das uns die Lebensmittelindustrie anpreist, wirklich drin ist.

Billige Ersatzprodukte wie Käse-Imitat, ein Gemisch aus Wasser, Fett, Eiweisspulver und Geschmacksverstärkern, verdrängen still und heimlich hochwertigen Käse. Nur hie und da schrecken Lebensmittelskandale uns in unserer in bunte Verpackung verhüllten Industriefood-Welt auf: Gammelfleisch in den Regalen, Mäusekot im Mozzarella, sogar in Reiswaffeln für Babys steckt Arsen. 

Gegenbewegungen zur Industrialisierung des Essens gewinnen im Zuge dieser Verunsicherung an Boden. «Slow Food» beispielsweise mit weltweit über 100 000 Mitgliedern fordert ein Recht auf gutes Essen für alle und fördert genuine Produkte, die aus der Region stammen und zu ihrer Esskultur gehören. Das Besondere ist manchmal nah. Im Walliser Dorf Mund etwa gedeiht das rote Gold – Safran.

Selber anbauen, was auf den Teller kommt, ist ebenfalls ein probates Mittel gegen Beschiss. Immer mehr Leute pflanzen Tomaten und Kartoffeln auf Balkonen, Terrassen und in ihren Gärten. So gelangen die braunen Knollen und die roten Beeren direkt in die Küche. Sogar Brennnesseln, als Unkraut verschrien, lassen sich dabei zu einer kulinarischen Köstlichkeit verarbeiten, wie unsere Kräuterhexe erzählt.

Manche erschnüffeln ungeahnte Delikatessen auf heimischem Boden. So macht sich in der Schweiz die Trüffeljagd breit. Der schwarze Burgundertrüffel wächst mitten in der Stadt. Wer den Hund abrichtet oder die Augen schult, findet diesen erlesenen Pilz vor der Haustüre. Spezialitäten müssen nicht unbedingt wie früher zur Kolonialzeit und heute noch aus Übersee zu uns gelangen.

Das Rezept gegen betrügerische Unappetitlichkeiten und krankmachende Gerichte ist simpel: Originalzutaten aus der Region verwenden und selber kochen. Das geht manchmal genauso schnell, wie eine Fertigpizza in den Ofen zu schieben. Unsere Kochtipps beweisen es.