04.09.2017

Franziska Schärer geht es gut, wenn sie draussen arbeiten kann.

Mein Tag als

Landwirtin

Franziska Schärer, 43, kann dank Maschinen einen Landwirtschaftsbetrieb führen. Ihre Tage sind lang und arbeitsintensiv; Freiraum verschaffen ihr die Mitarbeit ihres Freundes und ihrer Eltern sowie eine Stallgemeinschaft.

Wenn ich Stalldienst habe, stehe ich um 4.45 Uhr auf, ziehe mich an, wasche den Kopf mit kaltem Wasser, steige ins Auto und fahre zum Stall. Um 5 Uhr beginnen wir zu viert die Arbeit im Stall. Zwei stehen im Karussell und melken innerhalb einer Stunde die 100 Kühe. Eine Person steht im Laufhof, beobachtet die Kühe und treibt sie zum Karussell; die vierte Person tränkt die Kälber.

 «Jede Person bringt ihre Stärken ein.»

Drei Kollegen und ich haben 2009 den Stall gebaut, um den neuen Tierschutzrichtlinien zu genügen. Gut ist er auch für uns Menschen: Jede Person bringt ihre Stärken ein, und die Arbeit im Stall verteilt sich auf neun Leute. Alle haben einen fixen Freitag pro Woche, jedes zweite Wochenende frei und Ferien. Ferner können wir zusammen in kurzer Zeit grosse Flächen mähen und einführen.

Nach zwei Stunden fahre ich zurück auf meinen Betrieb, esse mit meinen Eltern Zmorge und plane mit ihnen den Tag. Nach halb acht höre ich noch den Wetterbericht und gehe nachher ins Büro, um meine E-Mails zu checken. Ich arbeite stundenweise für die IG Dinkel, bin Vizepräsidentin der Landi Melchnau-Bützberg und betreue die Website der Käserei Melchnau. Heute habe ich die Öffnungszeiten der Käserei aktualisiert und die August-Aktion publiziert.

«Zwischen dem Stalldienst am Morgen und am Abend sieht jeder Tag anders aus.»

Zwischen dem Stalldienst am Morgen und am Abend sieht jeder Tag anders aus, je nach Jahreszeit und Wetter: im Frühling Zäune erstellen, Ackerkulturen spritzen, Gülle führen und im Raps gelbe Schalen aufstellen, um den Schädlingsbefall zu beobachten; im Juni die Holunderblüten pflücken; im August die Bienen einwintern; im Herbst Raps säen und Mais häckseln. Viele Arbeiten erleichtern mir Traktor und Maschinen. Die Traktoren hält mein Freund Ruedi in Schuss. Als Landmaschinenmechaniker bringt er auch gute Ideen ein, wie ich meinen Maschinenpark optimieren könnte. Wo immer möglich arbeite ich ökologisch. Gerne würde ich auf Biolandbau umstellen; das kann ich jedoch nicht ohne meine Stallkollegen.

Betriebsleiterin bin ich seit Anfang 2009. Damals konnte ich den Hof meiner Eltern übernehmen, später noch das Land von meinem Nachbarn dazupachten. Insgesamt bewirtschafte ich 30 Hektaren. Die Arbeit passt zu mir: Mir geht es am besten, wenn ich draussen sein kann. Als Jugendliche traute ich mir die Lehre als Landwirtin nicht zu. Ich besuchte ein Jahr das Lehrerseminar, absolvierte eine Lehre als Biologie-Laborantin, machte auf dem zweiten Bildungsweg die Matura und begann an der ETH Umweltnaturwissenschaften zu studieren. Nach einem Jahr war für mich klar, dass das nicht passt. Ich absolvierte ein Jahr Praktikum auf einem Biobetrieb und studierte anschliessend an der Fachhochschule für Landwirtschaft.

Um 12 Uhr mache ich für eine Stunde Mittagspause. Ich esse wieder bei meinen Eltern. Meine Mutter kocht sehr gerne und sehr gut. Wenn nichts Dringendes ansteht, gehe ich nach dem Mittag für eine halbe Stunde ins Büro.

«Der Landmaschinenhändler bedient mich super.»

Mein Dilemma als Frau in einem Männerberuf: Ich bin nicht Teil der üblichen Männernetzwerke, und mein Alltag unterscheidet sich von dem der meisten Frauen. Auch fühlte ich mich anfangs häufig beobachtet. Zum Beispiel wenn ich mit Traktor und Milchtank bei der Käserei vorfuhr und die Männer mit verschränkten Armen dastanden. Einmal musste ich mir anhören, dass Männer generell besser Stapler fahren können. Dafür kann ich – weil ich in kein Schema passe – vieles ohne Erfolgszwang ausprobieren, und der Landmaschinenhändler bedient mich super.

Im Winter ist nach dem Stall um 18.30 Uhr Feierabend. Im Sommer kann es vorkommen, dass ich bis um neun oder zehn Uhr arbeite. Zum Feierabend gehören für mich eine Tasse Kaffee, Guetzli und das Telefon mit Ruedi, der in der Innerschweiz wohnt. Einmal in der Woche will ich mit dem Hofhund auf die Krete oberhalb des Hofs spazieren, um den Ausblick auf die Jurakette zu geniessen. Auch sonst will ich den Weitblick behalten. So besuche ich zurzeit ein Führungsseminar für Frauen mit Teilnehmerinnen aus verschiedenen Berufen.

«Zurzeit lese ich das Buch 'Time is honey'.»

Ich lese gerne, bike, wandere, fahre Ski und gehe ab und zu ins Kino. Zurzeit lese ich das Buch «Time is honey», jedoch fallen mir nach eineinhalb Seiten meist die Augen zu. Wenn ich mir im Moment etwas Besonderes gönnen will, schaue ich zum Einschlafen den österreichischen Film «Weiberleut – ein Film über Bäuerinnen ohne Mann».

In den letzten Jahren hat Franziska Schärer in Etappen eine Anlage mit 440 Holunderbäumen angelegt. Im Juni pflückt sie mit ihren Eltern und den Nachbarn die Blüten; eine sinnliche Arbeit, die alle lieben. Die Bienen sind das Hobby von Franziska Schärer. Das Bienenhaus am Rand ihrer Obstwiese hat sie zusammen mit einer engagierten Landfrau gepachtet. Vom Buch «Time is honey» lässt sie sich zu einem anderen Umgang mit ihrer Zeit anregen. Das Wiesenjournal hat Franziska Schärer an der Bürowand aufgehängt. So hat sie den Überblick, wann sie eine Wiese gemäht und wann sie Kunstdünger oder Gülle ausgebracht hat. Die Obst-Pflückkörbe werden auf dem Hof Festi für die Holunderblütenernte verwendet. Sie sind leicht, was die Arbeit auch für ältere Menschen angenehm macht. So genannte Anti-Drift-Düsen platzieren die Pflanzenschutzmittel dort, wo sie wirken sollen. Franziska Schärer beobachtet ihre Kulturen sorgfältig und spitzt nur, um grossen Schaden zu vermeiden. Zum Betrieb Festi gehören auch 2,5 Hektaren Wald. Die Heckenpflege erledigt Franziska Schärer mit der Motorsäge; grössere Bäume lässt sie vom Forstwart fällen. Auf den ackerfähigen Feldern wachsen Mais, Raps und Urdinkel. Der Mais wird im Herbst frisch den Milchkühen verfüttert. Aus der Milch werden in der Käserei Melchnau Emmentaler AOP und viele Spezialitäten fabriziert. Wer Milch in eine Emmentaler-Käserei liefert, darf den Kühen keine Silage füttern. Frische Kartoffeln sind eine beliebte Energiequelle. Sie sind Ausschussware von einem Kartoffelverarbeiter. Den neuen Stall haben drei Kollegen und Franziska Schärer im Jahr 2009 geplant. Der zweckmässig eingerichtete Stall berücksichtigt das Wohl der Tiere und verschafft den beteiligten Menschen einen Freitag pro Woche sowie freie Wochenenden und Ferien. Das Melkkarussell benötigt viel Platz. Dafür ermöglicht es, viele Kühe in kurzer Zeit zu melken. Zwei Personen melken in einer Stunde die 100 Kühe der Stallgemeinschaft. Die Mitte des Karussells ist so tief, dass die Euter der Kühe auf bequemer Arbeitshöhe sind. Eine Kuh nach der anderen kommt vom Laufhof ins Karussell. Bevor das Melkaggregat angehängt wird, wird das Euter sauber geputzt. Das Karussell dreht sich langsam, während die Kuh gemolken wird. Neun Personen teilen sich die Arbeit in der Stallgemeinschaft. Jede hat ihre Stallkleidung in der Garderobe griffbereit. Pro Stallschicht ist eine Person verantwortlich für die Kälber. Sie putzt den Tränkeautomat und füllt die benötigte Menge Milch ein. In erster Linie die Milch von Kühen, die frisch gekalbt haben; der Rest wird aus dem Tank entnommen. In den ersten Tagen nach dem Kalben hat jedes Kalb ein Abteil für sich. Neben Kolostrum, der Erstmilch der eigenen Mutter, gibt es auch Streicheleinheiten – und den ganzen Tag Wasser. Nach einer Woche wechseln die Kälber in den Laufstall mit Tretmist. Im vorderen Bereich wird jeden Tag gemistet, im hinteren Bereich nach Bedarf frisches Stroh gestreut. Drei- bis viermal im Jahr wird mit dem Hoflader ausgemistet. Nach dem Saufen können sich die Kälber auf dem frischen Stroh ausruhen oder draussen im Laufhof frische Luft schnappen und beobachten, was um den Stall herum läuft. Nach dem Melken gibt es für die Milchkühe frisch gehäckselten Mais. Die Kühe warten ungeduldig an der Fressachse, bis das Futter mit Mäher und Schneepflugschaufel in Reichweite geschoben ist. Landwirtin war der Traumberuf von Franziska Schärer. Realisiert hat sie den Traum über einige Umwege. «Wenn man auf sein Herz hört, kommt man an den richtigen Platz», ist sie überzeugt.