29.09.2017
FOTO UND TEXT: Andreas Tschopp
Kinderärztin Beata Nowak

Freut sich auf die selbständige Tätigkeit als Kinderärztin: Beata Barszczewska Nowak

Beata Barszczewska Nowak, Kinderärztin

«Ich möchte eine Partnerin für die Eltern sein»

Sie träumte bereits in der 5. Klasse davon, Ärztin zu werden. Während des Studiums in Polen schenkte sie zwei Kindern das Leben. In Deutschland stieg sie zur Oberärztin auf. Nach gut einem Jahr in der Schweiz hat sie nun in Graubünden eine eigene Praxis eröffnet: Beata Barszczewska Nowak (51), Kinderärztin aus Berufung.

Mit der Eröffnung einer eigenen Praxis im bündnerischen Thusis ging für die Kinderärztin Beata Nowak zum zweiten Mal im Leben ein Wunschtraum in Erfüllung. Sie habe schon seit ihrer Kindheit davon geträumt, einmal in der Schweiz tätig zu sein, sagt die 51-Jährige lächelnd. Denn im Geschichtsunterricht in der Schule erfuhr sie, dass die Schweiz im 19. Jahrhundert zahlreichen polnischen Emigranten eine neue Heimat bot. Darunter war auch Antoni Patek, der zusammen mit dem Franzosen Antoine Philippe 1851 in Genf die Uhrenfabrik Patek Philippe & Co. gründete und ein Cousin war von Josef Pendrak, dem Ururgrossvater von Beata, die ledig Barszczewska hiess. Durch diese verwandtschaftliche Beziehung zu einem berühmt gewordenen Immigranten sei die Schweiz auch in der Familie stets präsent gewesen, erklärt Beata Nowak rückblickend.

Der erste Traum von Beata Barszczewska war, überhaupt Medizin studieren zu können in Polen, das damals noch kommunistisch regiert war. Also begann sie sich als Schülerin gewissenhaft darauf vorzubereiten und nahm in ihren Lieblingsfächern Biologie und Chemie an Wettbewerben teil. Solche Wissensolympiaden genossen unter dem damaligen kommunistischen Regime einen hohen Stellenwert und dienten zur Qualifizierung und Beurteilung der Schüler. Der jungen Beata war Erfolg beschieden in den Wettbewerben, die auf verschiedenen Stufen ausgetragen wurden. Das Abschneiden an der Wissensolympiade auf Stufe Wojewodschaft (entspricht in etwa unseren Kantonen) war weichenstellend für ihre weitere schulische Laufbahn.

Wissensolympiaden ebneten ihr den Weg zum Studium
Sie habe es dadurch geschafft, in eines der besten Gymnasien in Lublin aufgenommen zu werden, erzählt Beata Nowak, die in der ostpolnischen Stadt in einer Akademikerfamilie aufwuchs. Nach der Matura, die sie mit guten Noten abschloss, absolvierte sie den Spezialtest mit 160 Fragen für die Aufnahme zum Medizinstudium. Söhne und Töchter aus Arbeiter- oder Bauernfamilien erhielten im damaligen System Bonuspunkte beim Aufnahmetest. Die anderen Bewerber für einen Studienplatz – 20 Kandidierende pro Platz habe es zu ihrer Zeit gegeben – mussten also besser sein, um dieses Handicap wettzumachen. Das gelang der Kandidatin Beata Barszczewska, die 1985 mit 19 Jahren ihr Studium an der Medizinischen Universität in Lublin starten konnte. Gleich zu Beginn ihres Studiums heiratete Beata Barszczewska Janusz Nowak und schenkte bald darauf einem Sohn und einer Tochter das Leben – ohne ihre medizinische Ausbildung zu unterbrechen. Diese schloss sie nach sechs Jahren mit sehr guten Noten ab.

Für das erste Praktikumsjahr zog die junge Familie in den Westen von Polen um. In der Grenzregion zu Deutschland arbeitete die frisch diplomierte Ärztin in verschiedenen Krankenhäusern sowie im Rettungsdienst. 1995 erlangte sie die Approbation als Kinderärztin und konnte sich teilweise selbständig machen. Sie tat aber weiterhin Dienst im Krankenhaus sowie in einer Poliklinik und betreute abends noch Patienten in ihrer Praxis. «Nach zehn Jahren ärztlicher Tätigkeit in Polen habe ich jedoch bemerkt, dass ich beruflich an Ort und Stelle trete», sagt Beata Nowak. Um sich beruflich weiterzuentwickeln, begann sie sich in Deutschland nach einer Stelle als Kinderärztin umzuschauen. Nach dem 2004 erfolgten EU-Beitritt Polens stand ihr dieser Weg offen.

Erster Arbeitgeberkontakt in Deutschland ernüchternd
Die erste Begegnung mit einem deutschen Arbeitgeber war für die Bewerberin aus Polen jedoch ernüchternd. Der Chefarzt im Krankenhaus in der Grenzstadt Frankfurt an der Oder habe ihr zu verstehen gegeben, dass er nicht auf sie angewiesen sei, da genügend einheimische Bewerber zur Verfügung stünden, erzählt Beata Nowak, die damals noch wenig Deutsch sprach. Sie gab aber nicht so schnell auf, lernte fleissig die neue Sprache und suchte weiter nach einer Stelle im Nachbarland.

Ihre erste Anstellung fand sie dann in einer Klinik in Parchim. Die Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern liegt rund 300 Kilometer entfernt vom damaligen Wohnort der Familie Nowak in Grenznähe in Polen. Als ihr beim Zoll tätiger Mann nach Poznań (Posen) ins Landesinnere versetzt wurde und mit den zwei Kindern dorthin umzog, wurde die Familie noch weiter auseinandergerissen.

Facharztdiplom und dann Amtsärztin
Doch beruflich ging es für die Kinderärztin in der neuen Heimat rasch aufwärts. Nach einem Engagement am Krankenhaus von Eisenhüttenstadt wurde sie 2008 als Fachärztin nach Frankfurt/Oder berufen – vom gleichen Chefarzt, der ihr drei Jahre zuvor schnöde eine Absage erteilt hatte. Im Jahr darauf erhielt sie die Approbation in Deutschland und stieg zur Oberärztin auf. 2010 trat die EU-Bürgerin aus Polen sogar in den deutschen Staatsdienst ein: Beata Nowak wurde leitende Ärztin im Gesundheitsamt in Frankfurt/Oder, wo sie sich vor allem mit Entwicklungsdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen beschäftigte. 

Daneben machte sie Vertretungen in Krankenhäusern und hielt weiterhin Sprechstunden in ihrer Praxis im polnischen Grenzort ab. Sie sei manchmal während zwei bis drei Wochen ununterbrochen im Dienst gestanden, erzählt Beata Nowak rückblickend auf diese Zeit, in der sie als Amtsärztin auch den Flüchtlingssommer 2015 in Deutschland miterlebt hat.

Nach diesem aufwühlenden Erlebnis und nachdem sie bereits 2014 vom Ärztemangel in der Schweiz erfahren hatte, suchte sie gezielt nach einer Stelle in ihrem «Traumland». Das Stellenangebot in einem Gesundheitszentrum, das einer grossen Krankenkasse angegliedert ist, verwarf sie und entschied sich stattdessen für die Arbeit in einer Gruppenpraxis für Familienmedizin in Thun. Nach dem Umzug dorthin mit ihrem Ehemann im Frühsommer 2016 stellte sich jedoch bald heraus, dass die gewählte Stelle nicht ganz ihren Vorstellungen entsprach. Daher begann die Kinderärztin, nach einer eigenen Praxis Ausschau zu halten.

Zuerst für Anstellung in Gruppenpraxis in Thun entschieden
Angebote zur Praxisübernahme gibt es derzeit genügend, da in der Schweiz viele Ärzte in Pension gehen. Doch entweder waren die Ablösekosten zu hoch, oder es fehlte der Patientenstamm in den Praxen. Das erfuhr Beata Nowak bei ihrer Suche, die sie letztlich ins Bündnerland führte. In Thusis konnte sie schliesslich den Anteil an einer Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizin übernehmen und eine Partnerschaft mit einer anderen Kinderärztin eingehen, die schon seit 16 Jahren im Ort praktiziert.

Hoher administrativer Aufwand für kantonale Bewilligung
Die Bewilligung für die selbständige Ausübung eines medizinischen Berufs zu erlangen (siehe Kontext unten), habe ihr im Kanton Graubünden einigen administrativen Aufwand beschert, sagt die Kinderärztin, die ihrer neuen Aufgabe mit Zuversicht entgegensieht. «Ich möchte für die Eltern eine Partnerin sein, um mit ihnen zusammen die beste Lösung zu finden, damit ihr Kind wieder gesund wird»: Das setzt sich Beata Nowak zum Ziel für ihre neue selbständige Tätigkeit. Mit Blick zurück auf die Arbeit früher in Polen und Deutschland stellt sie abschliessend fest: «Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten gefällt mir in der Schweiz am besten.»

In ihrer Freizeit macht Beata Nowak gerne Bergwanderungen.

Ein Drittel der in der Schweiz tätigen Ärzte kommt aus dem Ausland

Ende 2016 waren in der Schweiz 36 175 berufstätige Ärztinnen und Ärzte registriert – 850 mehr als im Vorjahr. Diese Zahlen weist die Jahresstatistik der FMH (Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte) aus. Der Frauenanteil liegt bei 14 953 oder gut 41 Prozent. Einer von drei berufstätigen Ärzten kommt aus dem Ausland. Das sind total 11 900 Personen, was einem Anstieg um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Grossteil der ausländischen Ärzte stammt aus Deutschland. Zu den Neuankömmlingen gehörte 2016 eben auch Beata Nowak. Ihr Diplom als Kinderärztin war eines von total 2498, die im vergangenen Jahr gemäss der Statistik des Bundesamts für Gesundheit (BAG) in der Schweiz anerkannt wurden.

Nach Auskunft des BAG ist die Zulassung ausländischer Ärzte zur Berufsausübung Sache der Kantone. Die Zulassungsvoraussetzungen sind daher auch von Kanton zu Kanton verschieden. Zur Steuerung haben die Kantone derzeit die Möglichkeit, die Anzahl der zugelassenen Ärzte zu beschränken. Eine Mehrheit der Kantone mache davon Gebrauch, schreibt das BAG, das eine neue Lösung zur Zulassungsbeschränkung vorbereitet. «Wenn steuern, dann über Qualitätskriterien», liess die Ärztevereinigung FMH dazu bei der Vernehmlassung verlauten. Neben klaren Anforderungen an die Ausbildung verlangt die FMH neu ebenfalls eine Sprachprüfung für ausländische Ärzte. Da heute noch zu wenige medizinische Nachwuchskräfte ausgebildet würden, ist für die FMH jedoch klar, dass die Schweiz zur Gewährleistung der Gesundheitsversorgung weiterhin «auf Ärztinnen und Ärzte mit einem ausländischen Diplom angewiesen» sei.