17.01.2018
FOTO UND TEXT: Valentina Thurnherr
Marilyn Manson; Illustration: Valentina Thurnherr

2017 veröffentlichte Manson sein Album «Heaven Upside Down»; Illustration: Valentina Thurnherr

Marilyn Manson

Ein Antichrist stellt den Himmel auf den Kopf

Der «Schockrocker» Marilyn Manson ist seit seinem musikalischen Debüt im Jahr 1994 ein Streitthema, in den Medien wie auch in privaten Konversationen. Für die einen ist er ein Spinner, der Schockelemente nur benutzt, um anzuecken. Die anderen erkennen genau darin einen tieferen Sinn, mit dem er unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält.

Ein Filter über den Aufnahmen lässt das Video erscheinen, als stamme es aus den frühen Vierzigerjahren. Das Setting erscheint als Mischung aus Operationssaal, Kirche und Folterkammer. Mittendrin ein junger Mann mit langen schwarzen Haaren. Die Haut schneeweiss, ein Balken schwarz-brauner Farbe waagrecht über seinem Gesicht, der Blick dämonisch dank bläulich-milchiger Kontaktlinse im linken Auge. Seine Mimik verzerrt er immer wieder zu einer Fratze, seine Bewegungen wirken unkontrolliert. Über dem Mund trägt er ein Gestell, das seine Lippen derart unnatürlich verzieht, dass sein Gebiss fast gänzlich freigelegt wird. Die spastisch zuckenden Gestalten um ihn herum tragen teils Prothesen, teils sieht man nur Stümpfe, wo einst Gliedmassen waren. Die Kamera schwenkt über Folterinstrumente, zeigt in Nahaufnahme ein Nest aus Würmern. Es erscheinen groteske Gestalten, die Masken tragen, als hätten sie gerade eine Schönheitsoperation hinter sich.

Was der unvorbereitete Zuschauer gerade zu Gesicht bekommen hat und ihm in Mark und Bein fahren dürfte, ist ein Musikvideo des «Schockrockers» Marilyn Manson aus dem Jahre 1996. Der damals 27-jährige Amerikaner hatte mit dem Titel «The Beautiful People», in dem er mit dem Schönheitswahn der Gesellschaft abrechnet, seinen internationalen Durchbruch.

It's not your fault that you're always wrong
The weak ones are there to justify the strong
The beautiful people, the beautiful people
Itʼs all relative to the size of your steeple
You canʼt see the forest for the trees
You canʼt smell your own shit on your knees

Es ist nicht deine Schuld, dass du immer falsch liegst
Die Schwachen sind da, um die Starken zu rechtfertigen
Die schönen Menschen, die schönen Menschen
Es ist alles relativ im Vergleich zur Grösse deines Kirchturms
Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht
Du riechst die eigene Kacke an deinen Knien nicht

(«The Beautiful People» – Antichrist Superstar, 1996)

Ein Jahr später folgte der mittlerweile legendäre Live-Auftritt bei den MTV Video Music Awards, bei dem Manson seine «Mit-Amerikaner» dazu aufrief, sich nicht länger vom «Faschismus des Christentums und der Schönheit unterdrücken zu lassen». Dann entledigte er sich kurz nach Beginn des Songs seines schweren Pelzmantels, unter dem er lediglich ein Korsett, eine seinen Hintern entblössende Unterhose und Strapse trug. Verglichen mit dem Video, war der Auftritt harmlos, aber für damalige Verhältnisse umso aufsehenerregender, als es bisher keinen männlichen Künstler gegeben hatte, der so provokativ auftritt (nicht einmal David Bowie). Den Leuten im Publikum war deutlich anzusehen, dass sie keine Ahnung hatten, wie sie auf Manson reagieren sollten. Einige klatschten verhalten, aber die meisten sahen sich nur verwirrt um und schienen völlig überfordert von dem Spektakel, das schliesslich damit endete, dass Manson und seine Bandmitglieder ihre Instrumente demolierten und die Bühnendekoration auseinandernahmen.

Ein Rätsel gab damals auch sein Name auf. Er klingt wohl zu gut, um echt zu sein. Tatsächlich wurde Manson als Brian Hugh Warner geboren. Sein Künstlername setzt sich aus den Namen zweier Personen zusammen: Marilyn Monroe und Charles Manson – die eine ein weltberühmter Filmstar, der andere ein Sektenführer, der Massenmorde in Auftrag gab. Beide repräsentieren laut Manson das typisch Amerikanische, das Gute und das Böse, Licht und Dunkelheit. Und beide erreichten durch die Medien einen ähnlichen Status an Berühmtheit, was an sich bizarr ist, zumal sie eine beliebte Schauspielerin, er hingegen ein verurteilter Mörder war.

Es gab etliche Versuche, den Musiker zum Verstummen zu bringen, etwa indem man ihn von Festivals ausschliessen wollte oder gegen ihn protestierte. Diese Versuche sind immer gescheitert, da sich Manson damals wie heute partout den Mund nicht verbieten lässt. Allerdings wurde dieser Grundsatz des Sängers Ende der Neunzigerjahre auf eine harte Probe gestellt, als er in verschiedenen Medien für den Amoklauf an der Columbine High School, die in einem Vorort von Denver liegt, verantwortlich gemacht wurde. Diverse Zeitungen berichteten, die beiden Täter hätten Shirts mit dem Gesicht des Musikers darauf getragen und dessen «gewaltverherrlichende» Texte als Vorbild für ihr Handeln genommen. Die Jugendlichen erschossen zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Nachdem sie 24 weitere Menschen teils schwer verwundet hatten, richteten die Täter sich selbst. Der Amoklauf gilt bis heute als einer der blutigsten an einer US-amerikanischen Highschool. Nach der Tat sagte Manson aus Respekt gegenüber den Opfern die restlichen Konzerte seiner US-«Rock Is Dead»-Tour ab. Erst zwei Jahre später wagte er sich zurück nach Denver für ein Konzert – trotz etlicher Todesdrohungen, die er im Vorfeld erhalten hatte. Und das, obwohl sich die mediale Hetzjagd auf den Sänger bereits als herbeigeschrieben herausgestellt hatte, da die Polizei nur einige Monate nach der Tat nachweisen konnte, dass die beiden Täter nie Fans des «Schockrockers» gewesen waren.

Laut Manson sind solche Vorverurteilungen ein gängiges Vorgehen in den Medien, das er bis heute anprangert. Hinzu komme, dass Massenmörder durch die teils extrem ausufernden Berichterstattungen zu «Antihelden» gemacht würden und damit genau das erreichten, was sie wollten. Die Columbine-Attentäter landeten gar auf dem Cover des renommierten «Time Magazine». Ausserdem verurteilt er die Waffenkultur in den USA scharf. All dies thematisierte er in seinem vierten Studioalbum «Holy Wood (In the Shadow of the Valley of Death)», das im Jahr 2000 erschien.

The world was stripped
Of its superficial surfaces
We don’t intend to just eat the street
The asphalt is the good meat

Die Welt wurde entblösst
Von ihren oberflächlichen Fassaden
Wir haben nicht vor, die Strassen zu essen
Der Asphalt ist das gute Fleisch

(«We Know Where You Fucking Live» – Heaven Upside Down, 2017)

Widerstand gegen Konventionen
Gegen christliche Normen und gesellschaftliche Regeln hat sich Manson schon früh aufgelehnt. Er besuchte eine christliche Privatschule, da ihm seine Eltern die besten Voraussetzungen für seine Zukunft ermöglichen wollten. Der junge Brian Hugh Warner stellte allerdings früh fest, dass man ihm ein religiöses Denken aufdrängen wollte, das nicht seinen Vorstellungen entsprach. Er wehrte sich dagegen, indem er systematisch die Schulregeln brach. Er verkaufte Süssigkeiten, zeichnete anzügliche Comics und brachte schliesslich das Fass zum Überlaufen, indem er einen Dildo im Pult seines Lehrers versteckte, was den Schulverweis zur Folge hatte.

Später studierte er ein Semester lang Journalismus am College der Brown University in Providence, Rhode Island, einer der ältesten und renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten. Ihm wurde jedoch schnell klar, dass er nicht dafür gemacht war, die Schulbank zu drücken, weshalb er das Studium abbrach und direkt als Journalist arbeitete. Die unzähligen Interviews, die er für ein Musikmagazin führte, inspirierten ihn dazu, selbst eine Band zu gründen. Das erste Interview mit Marilyn Manson führte Brian Hugh Warner, also er selbst.

Durch seine Arbeit beim Magazin wurde ihm auch klar, dass seine Zukunft im Schreiben von Songtexten und Büchern lag und nicht im Journalismus. «Den Flyer für meinen ersten Auftritt habe ich selbst zusammengebastelt, kopiert und überall verteilt. Das Konzert war ausverkauft, und ich hatte noch nicht einmal einen eigenen Song geschrieben», sagte er in einem Interview fürs ZDF mit dem deutschen Journalisten Markus Kavka. Nach der Show habe er sich vor Aufregung zwar übergeben müssen, ihm sei jedoch klar gewesen, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Das war es, was er machen wollte.

Manson erwähnte in einem späteren Interview auch, er sei zu dem Zeitpunkt bereits davon ausgegangen, dass es Leute geben werde, die ihn hassen, und solche, die näher hinschauen und ihn verstehen würden. Dieser Gegensatz schaffe Chaos.

Als er dann für einen Auftritt, bei dem er Seiten aus der Bibel riss und sich mit der US-Flagge den Hintern abwischte, in der Öffentlichkeit stark kritisiert wurde, äusserte er sich wie folgt dazu: «Deine Überzeugungen sind nur so wertvoll, wie du sie in deinem Herzen machst. Ich will, dass die Leute darüber nachdenken, woran sie glauben. Ich will, dass sie abwägen, ob das, was man ihnen beigebracht hat, wirklich das ist, woran sie glauben möchten, oder nur das, woran sie glauben müssen.»

Resignation und Auferstehung
Doch gut elf Jahre nach seinem Durchbruch schien es beinahe, als hätte der selbsternannte «God of Fuck» resigniert, seinen ewigen Kampf gegen die gesellschaftlichen und christlichen Konventionen aufgegeben und die Menschheit sich selbst überlassen. Er tauchte in den letzten zehn Jahren kaum in den Medien auf, ausser er torkelte an einem seiner Konzerte sturzbetrunken über die Bühne, stolperte über Kabel und Instrumente, bevor er sich gleich darauf übergab. Es schien fast, als wären Manson seine Musik und der Grund, der ihn zu diesem Beruf getrieben hatte, egal geworden. Es schien, als hätte er aufgehört, zu hinterfragen.

Umso erhebender war es für jeden Manson-Fan, als der «Schockrocker» am 8. November 2016 – ausgerechnet am Tag der Präsidentschaftswahlen in den USA – das Teaser-Video zur ersten Single seines neuen Albums veröffentlichte. Der Inhalt des Videos löste wie zu Mansons Glanzzeiten einen Aufschrei in den Medien aus. Er hatte das Schocken über die Jahre also doch nicht verlernt. Der knapp eineinhalb Minuten lange Film zum Song «SAY10» (einmal laut aussprechen bitte) zeigt unter anderem einen in einer Blutlache liegenden, geköpften Mann in blauem Anzug, mit roter Krawatte und verblüffend kleinen Händen.

Manson dementiert bis heute, dass die Gestalt den nun amtierenden Präsidenten Donald Trump darstellen soll. Allerdings sagte er in einem Interview auch, dass er das Video bewusst an diesem Tag veröffentlichte, demnach könne man es durchaus als eine Art Statement ansehen.

In seinem neuesten Album «Heaven Upside Down», das am 6. Oktober 2017 erschienen ist, hat der «Antichrist Superstar» endgültig zu seiner alten Form zurückgefunden. Und damit sind jetzt nicht unbedingt die grotesken Grimassen, schaurigen Videos und aggressiven, fast avantgardistischen Gitarrenriffs gemeint, sondern vielmehr die Themen seiner Texte. «Gerade jetzt sind wir in solch einem Zustand der Verwirrung bei Themen wie Religion, Politik, Sexualität und wie das alles zusammengehören soll. Es wird in einen Zirkus und eine Nebenattraktion verdreht – etwas, von dem ich angeblich der Anführer sein soll. Es scheint, als wäre es für mich als amerikanischen Künstler an der Zeit, etwas zu machen, das neue Fragen aufwirft, die nicht einfach nur simple Statements sind», sagte Manson im November 2016 in einem Interview mit «The Daily Beast».

And you will burn in a town with no firemen
Just playing with matches and praying to ashes
Too stupid to call themselves evil
Too stupid to call themselves evil
So they call themselves heroes

Und du wirst brennen in einer Stadt ohne Feuerwehrmänner
Spielst mit Streichhölzern und betest zu Asche
Zu dumm, um sich selbst böse zu nennen
Zu dumm, um sich selbst böse zu nennen
Also bezeichnen sie sich als Helden

(«Revelation» – Heaven Upside Down, 2017)

Er versuchte stets, sich gegen die vorherrschenden Schönheitsideale zu wehren, und er tut es noch. In Videos und bei Bühnenauftritten trägt er noch immer groteske Schminke, die ihn beinahe wie ein surrealistisches Gemälde aussehen lässt. Das Verziehen seiner Gesichtsmimik hat er auch nicht gänzlich verlernt, und erst vor Kurzem hat er seine hellblaue Linse wieder ins Spiel gebracht, die er zuvor fast zehn Jahre lang verbannt hatte. Er gibt sich sichtlich Mühe, den Zuschauer mit seinem Auftreten zu schockieren – als Kunstfigur Marilyn Manson. Doch kann man nicht umhin, in dieser Hässlichkeit, die er so gezielt versucht heraufzubeschwören, eine gewisse Ästhetik zu erkennen.

Ist dieser bemalte Vollidiot wirklich so unattraktiv? Viele Zuhörer neigen dazu, dies in Frage zu stellen, wohl weniger wegen seines tatsächlichen Aussehens als vielmehr wegen seiner Stimme. Wer Manson einmal in einem Interview gehört hat, verfällt fast unweigerlich dieser tiefen, kratzigen Art zu sprechen. Besonders in seinem neuen Album «Heaven Upside Down» setzte er in einigen langsameren Stücken den Fokus auf seine dunkle Stimmfarbe, und man kann kaum umhin, ihm verzückt zu lauschen.

Von seiner «Schockkraft» hat er glücklicherweise doch nicht so viel eingebüsst, wie einige Musikkritiker im Zusammenhang mit seinem neuen Album behaupteten. Es haben sich lediglich die Plattformen geändert, auf denen die Leute sich über ihn beschweren können. Heute wird auf den sozialen Medien geteilt, kommentiert, geliked und gehated. Der Zuschauer wage sich nur einmal in die Kommentarspalte auf YouTube unter einem von Mansons Videos, und man findet sie: die empörten Christen, die ihm blasphemische Äusserungen vorwerfen. Ja, sie sind noch da – wem auch immer sei Dank.

Und trotzdem: Brian Hugh Warner alias Marilyn Manson ist erwachsen geworden. «Ich möchte nicht, dass Dinge, die ich in der Vergangenheit getan habe, meine Zukunft beeinflussen. Ich lerne aus meinen Fehlern. Ich weiss, dass ich Sachen gemacht habe, mit denen sich Leute identifizieren konnten, und ich bin echt glücklich, dass das funktioniert hat, denn das ist die Essenz des Künstlerdaseins.»

Während er als junger Mann mit seinen Texten nur Chaos heraufbeschwor, man kaum ein Bild in seinen Videos richtig erkannte, er sein Gesicht ebenso grotesk verzerrte wie seine Stimme, findet man in seiner heutigen Arbeit so etwas wie Struktur. Das Geschrei ist weniger geworden, die verworrene Bildsprache, die er mit seiner Musik zeichnete, klarer. Mittlerweile kann man ihm folgen, auch wenn einiges noch Fragen aufwirft. Denn nur allzu gern überlässt er dem Zuschauer die Interpretation seiner Texte. Zugleich malt er dem Zuhörer Bilder, die teilweise nicht deutlicher sein können. Jeder, der sich den am Tag der US-Wahlen veröffentlichten Teaser-Film von «SAY10» angesehen hat oder ansehen wird, wird wohl davon ausgehen, dass der geköpfte Mann Trump verkörpern soll. Aber Manson liebt es nach eigener Aussage, «psychologische Experimente» durchzuführen, und solange er nicht explizit Namen nennt oder Gesichter zeigt, ist ihm nichts nachzuweisen. Im Zweifel für den Angeklagten.

Wieder hinterfragt er alles und bringt seine Zuhörer dazu, es ihm gleichzutun. Er kritisiert die Gesellschaft, die Politik, die Religion. Er räuchert das Wespennest aus und bringt das Volk dazu, seine Königin anzuzweifeln. Er zeigt den Menschen, dass sie eine Wahl haben und nicht blind den Überzeugungen anderer nachrennen müssen. Aber all das begreift man nur, wenn man ihm zuhört.

Und nach all den Jahren gilt immer noch das Polaritätsgesetz, wenn es um den «Antichrist Superstar» geht: Entweder man hasst ihn oder man liebt ihn. Ein Dazwischen gibt es nicht.

I’m un-stabled, I’m not a show horse
I can’t be bridled, of course

Ich bin nicht einzusperren, ich bin kein Schaupferd
Ich kann nicht gezäumt werden, natürlich 

(«Tattooed In Reverse» – Heaven Upside Down, 2017)

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