19.07.2017
FOTOS UND TEXT: Susanne Goldschmid

Simon Jakob in seiner Schuhmacherei am Breitenrainplatz in Bern.

Schuhmacher aus Überzeugung

«Gute Schuhe zu tragen, ist eine Haltung.»

Ein Schuhmacher lebt heute von Reparaturdiensten. Auch Simon Jakob flickt vorwiegend Schuhe, macht aber seit drei Jahren auch selber welche. Der kluge Kopf ist fasziniert von der Präzision des Schuhmachens und sieht Potenzial im alten Handwerk.

An diesem warmen Sommertag steht die Türe weit offen in Simon Jakobs Schuhmacherei am Breitenrainplatz in Bern. Leimgeruch hängt in der Luft, aus dem Radio trällert Popmusik. Zangen, Hämmer, Nägel und Lederresten sind über den mit Packpapier bezogenen Tisch verstreut, Leim- und Lackflaschen stehen herum, im Wandgestell sind Schuhleisten aufgereiht.  

Klein ist der Raum und bis oben gefüllt mit Werkzeug, Maschinen, Zubehör – und mit Schuhen, natürlich. «Ich habe als Kind viel Freizeit im Schuhmachergeschäft meines Vaters verbracht. Mir gefielen die Atmosphäre, der Geruch, das Gummischleifen», erinnert sich der schlanke Endvierziger.  

«Jeder Schuh war ein Unikat und passte wie angegossen.»

Schon damals in der Türkei lehrte der Grossvater Jakobs Vater das überlieferte Handwerk von Grund auf, ohne schriftliche Abläufe, vorhanden waren nur Schnittmuster, «alles andere hatten sie im Kopf». Jeder Schuh war ein Unikat und passte wie angegossen. Doch als sein Vater in den 60er-Jahren in die Schweiz kam, waren nur noch Reparaturarbeiten gefragt, erzählt Jakob lebhaft. Die Industrialisierung hatte hierzulande die Schuhmacherei längst eingeholt, Schuhe wurden in grossen Mengen günstiger produziert. Trotzdem lief das Geschäft gut, «so wie man täglich beim Bäcker Brot holte, waren auch seine Dienste gefragt, man gab sich die Türklinke in die Hand».

Als Jakob sich 1994 selbständig machte, bot auch er nur Reparaturdienste an. Von seiner Arbeit kann er dank tiefen Fixkosten leben, mehr knapp als gut. Die Kundschaft ist altersmässig durchmischt und bringt vorwiegend hochwertige Schuhe oder Lieblingsstücke zum Reparieren, gelegentlich sind es auch Nylontaschen oder Lederjacken. Die Türklinke wird aber nicht mehr so oft wie zu Vaters Zeiten benutzt. 

«Heute zwingt man sich in Massenware rein, wo ist da der Fortschritt?»

«Gute Schuhe zu tragen, ist eine Haltung», stellt der Schweizer mit aramäischen Wurzeln fest und bedauert, dass viele das nicht so sehen. Ging man früher zum Schuhmacher, wurde der Fuss exakt ausgemessen, der Schuh passgenau angefertigt. «Heute zwingt man sich in Massenware rein, wo ist da der Fortschritt?» 

Seit drei Jahren baut Jakob mit einer Designerin das Label J&G auf. Die handgefertigten Schuhe sind zu 98 Prozent aus Leder und komplett made in Switzerland. Doch besteht auch die Nachfrage? «In der Schweiz stellen nur wenige Schuhe von A bis Z her, es gibt also praktisch gar kein Angebot. In erster Linie machen wir es aber aus Spass und wegen des Glaubens an Qualität.» 

Schuhe anzufertigen, braucht grosses Geschick und genau definierte Abläufe. Jeder Arbeitsschritt muss in sich perfekt sein, sonst passt der Schuh am Schluss nicht oder sieht unsauber aus. «Ein Kleid darf zwei Zentimeter länger sein, bei einem Schuh funktioniert das überhaupt nicht», scherzt Jakob. Diese Präzision fasziniert ihn, sie treibt ihn an. 

Die Zeiten haben sich verändert, bestimmte Werkzeuge sind schwierig zu finden, Gerbereien schliessen. Vor allem aber ist die Schuhmacherei arbeitsintensiv, das schlägt sich im Preis nieder. So kosten bei J&G Schuhe zwischen 400 und 1700 Franken.  

«Würde jeder Schweizer pro Jahr ein Paar handgefertigte Schuhe kaufen, könnte man neue Arbeitsplätze schaffen, es bräuchte wieder mehr Schuhmacher und Zulieferer.»

«Würde jeder Schweizer pro Jahr ein Paar handgefertigte Schuhe kaufen, könnte man neue Arbeitsplätze schaffen, es bräuchte wieder mehr Schuhmacher und Zulieferer», sinniert der Vollblut-Handwerker. Natürlich sei das nur eine Träumerei, der Konsument entscheide, was er wolle. Er gibt aber zu bedenken: «Für einen Fingerring werden locker 1500 Franken bezahlt, doch kostet ein Paar Schuhe mehr als 150 Franken, ist es selbst jenen, die es sich leisten können, zu teuer.» Jakobs Begeisterung kann das nicht beeinträchtigen: «Ich würde auch heute wieder diesen Beruf wählen, unbedingt.»