20.08.2018

Die Lüge der digitalen Bildung

Kaum auf der Welt, kommen Kinder in Kontakt mit digitalen Geräten wie dem iPhone. Bald einmal spielen sie damit und lernen mit Wischen und Tippen schnell. Gerald Lembke und Ingo Leipner entlarven in ihrem Buch «Die Lüge der digitalen Bildung» diese Art des Lernens und welche wirtschaftlichen Interessen dahinterstecken.

Gerald Lembke und Ingo Leipner haben ihr gemeinsames Werk «Die Lüge der digitalen Bildung» überarbeitet, die dritte Auflage ist nun neu im Handel. Das Buch trägt den ketzerischen Untertitel «Warum unsere Kinder das Lernen verlernen». Die beiden Fachleute wehren sich gegen die Panikmache von Politikern sowie der Industrie, Schülerinnen und Schüler könnten im internationalen Vergleich nicht mithalten, wenn sie nicht von Kindesbeinen an mit Computern, Tablets oder iPhones lernten.

Professor Gerald Lembke leitet den Studiengang Digitale Medien, Medienmanagement und Kommunikation an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, wo der Wirtschaftsjournalist Ingo Leipner Lehraufträge in den Bereichen Makroökonomie sowie Geld und Währung hat. Die beiden haben, gestützt auf alte und neue Studien, die in Europa und den USA verfasst wurden, zehn Thesen aufgestellt.

Die Lüge der digitalen Bildung
Foto: Simone Gloor

Gerald Lembke, Ingo Leipner

 

Die Lüge der digitalen Bildung – Warum unsere Kinder das Lernen verlernen

 

Redline Verlag, München, 2015

256 Seiten, Fr. 28.30

ISBN Print 978-86881-697-6

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96267-006-1

Das Buch beginnt beim Säugling und endet beim jungen Erwachsenen. Die beiden Wissenschaftler stützen sich auf die Erziehungswissenschaft und nehmen auch die wirtschaftlichen Faktoren der digitalen Bildung genau unter die Lupe. «Kinder erleben in unserer Welt genug Digitalität. Da ist es kontraproduktiv, den Umgang mit Computern in Kindergarten und Schule zu fördern», erklären die beiden. Ein Kind müsse zuerst lernen, wie eine Banane rieche und schmecke, um zu lernen, was das gelbe krumme Ding sei. Das sei mit Wischen und Tippen auf einem Bildschirm unmöglich. Und Lernen sei immer mit Aufwand und Konzentration verbunden, egal wie unterhaltsam das angeboten werde.

Die Autoren fordern wiederholt, dass in der Bildung vermehrt in Lehrpersonen investiert werden müsse und nicht in Computer. Menschen seien punkto Lernen wesentlich hilfreicher als Geräte und Programme. Erst ab dem Alter von etwa 12 Jahren sei der Einsatz von digitalen Geräten zur Bildung sinnvoll und auch da am besten gemeinsam mit Lehrpersonen oder Mitstudierenden. «Junge Erwachsene sollten über umfangreiche Medienkompetenz verfügen, um anspruchsvolle Aufgaben in Ausbildung und Studium zu lösen. Diese Fähigkeit erwerben sie, wenn sie kognitiv zur Abstraktion und Selbstreflexion in der Lage sind», lautet denn auch eine These von Lembke und Leipner. 

Bisweilen liest sich das Buch wie eine Gebetsmühle, die vor der bösen digitalen Welt warnt. Viele Aussagen werden wiederholt. Die verständliche Sprache sowie die humorvollen, bisweilen bissigen Sätze machen das Buch auch für Menschen verständlich, die nicht Wissenschaftler sind. 

Das Buch ist auch als E-Book erhältlich und für Leserinnen und Leser geeignet, die sich kritisch mit der digitalen Bildung auseinandersetzen wollen und wissen, dass Piaget nicht nur eine Uhrenmarke ist. Obwohl das Buch vor allem die Bildungspolitik Deutschlands anprangert, trifft es vollumfänglich auch auf die Verhältnisse in der Schweiz zu.