02.05.2019
Hochwasser in Brissago am Lago Maggiore im Herbst 2014.

Hochwasser in Brissago am Lago Maggiore im Herbst 2014. Foto: Arsego11, wikipedia.org/wiki/Creative_Commons

Weltweite Schadensszenarien

«Naturereignisse werden immer bedrohlicher»

Starkregen, Dürreperioden oder Hurrikane: Klimabedingte Szenarien und damit einhergehende Katastrophen werden uns in den nächsten Jahrzehnten stark beschäftigen, ist sich Versicherungsexperte Reto Stauffer sicher. Hierzulande können wir uns vor den finanziellen Folgen relativ gut schützen – aber auch nur bis zu einem gewissen Grad.

In den letzten 25 Jahren haben sich Schäden aus Umweltkatastrophen fast verdoppelt, wie Statistiken der weltweit grössten Rückversicherung Munich Re zeigen. Welche Naturereignisse sind momentan am bedrohlichsten?
Aus meiner Sicht sind die extremen Wetterkapriolen ziemlich schlimm. Letztes Jahr war es in Europa ja sehr heiss, in Deutschland litt die Landwirtschaft stark darunter, so auch in der Schweiz, wenn auch etwas weniger als in anderen Ländern. Die Problematik nimmt wirklich zu. So ist auch dem aktuellen WEF-Report zur Eintrittswahrscheinlichkeit von Top-Risiken zu entnehmen, dass Naturereignisse immer bedrohlicher werden. Die Prognosen zeigen klar: Die Wahrscheinlichkeit und das Ausmass von künftigen Extremwettersituationen und Naturkatastrophen sind beachtlich. Hinzu kommen die versäumten Klimaschutz- und Anpassungsmassnahmen.

 

Eintrittswahrscheinlichkeit der globalen Top-Risiken, Quelle: WEF, «Figure I: The Global Risks Landscape 2019» aus «The Global Risks Report 2019»

Inwiefern betreffen uns hierzulande Extremwettersituationen?
Bei uns in der Schweiz verursachen die extremen Wetterphänomene zum Beispiel Murgänge im Wallis oder Hochwasser im Tessin, wo der Lago Maggiore alle fünf bis zehn Jahre über die Ufer tritt. Man hat früher in Sumpfgebieten gebaut, was bei starkem Regenfall Konsequenzen hat. In diesem Jahr haben wir viel Schnee, da kommt es darauf an, wie schnell er schmilzt und ob in der Folge beispielsweise in Bern das Matte-Quartier wieder unter Wasser stehen wird. Letztes Jahr hatte die lange Dürre- und Hitzephase Einfluss auf den Rhein, der zu wenig Wasser führte. Dadurch konnten die Schiffe nicht mehr verkehren, weshalb zu wenig Treibstoff auf diesem Weg in die Schweiz transportiert werden konnte. Mit solchen Auswirkungen werden wir künftig vermehrt rechnen müssen.

Und in finanzieller Hinsicht?
In der Schweiz haben wir verschiedene Vorteile. Da wir grundsätzlich finanziell gut aufgestellt sind, investieren wir in die Prävention und versichern tendenziell mehr als andere Nationen. Die Schweiz hat zudem den Elementarschaden-Pool, der neun der hiesigen Hauptrisiken deckt, ausser Erdbeben. Zu den Elementarschäden gehören Schäden, die durch Einwirkung der Natur verursacht werden, wie Hochwasser, Überschwemmung, Sturm, Hagel, Lawine, Erdrutsch, Steinschlag, Felssturz und Schneedruck. Die Folgen von Naturkatastrophen werden nach dem landesweiten Solidaritätsprinzip finanziert. Die Schweiz ist in dieser Hinsicht weltweit einzigartig: Alles, was gegen Feuer versichert ist, ist automatisch gegen Elementarschäden versichert. Hierzu werden jährlich Einheitsprämien festgelegt. In Zürich finanzieren wir beispielsweise die Lawinenschäden in Bergregionen mit. Im Gegenzug profitieren wir versicherungstechnisch in Zürich bei Hochwasser oder Hagel.

Welche präventiven Massnahmen trifft die Schweiz, um Schäden zu minimieren?
In der Schweiz werden immer mehr Vorschriften festgelegt und Vorkehrungen getroffen. So darf heute in gewissen Gebieten, wie beispielsweise exponierten Uferzonen, nicht mehr gebaut werden, oder zumindest werden Präventivmassnahmen ergriffen, damit Versicherungen im Schadensfall zahlen. In bereits verbauten lawinen- oder murganggefährdeten Regionen kann allerdings nicht erwartet werden, dass Häuser vorsorglich abgerissen werden. In solchen Fällen werden beispielsweise Schutzwälder gepflanzt. Staat, Kantone und Gemeinden treffen entsprechende Massnahmen. So schaut der Bund auch, dass kritische Infrastrukturen wie beispielsweise Kraftwerke, Bahnhöfe oder Spitäler vor Naturereignissen geschützt sind.

Welche Naturereignisse richten die grössten Schäden an?
Erdbeben und Tsunamis. Nebst wasserbedingten Ereignissen wie Sturm, Hochwasser, Überschwemmung oder Monsun können Naturkatastrophen wie Dürre und Waldbrände, die oft riesige Gebiete betreffen, beträchtlichen Schaden anrichten. Selbst in Kalifornien waren ganze Villenquartiere ungeschützt, wie sich letztes Jahr zeigte. Solche klimabedingten Szenarien werden uns die nächsten Jahrzehnte stark beschäftigen. In der Schweiz können vor allem Hochwasser und Überschwemmungen enorme Schäden anrichten. Erdbeben sind bei uns eher selten. Lawinen und Murgänge sind meist lokal begrenzte Einzelfälle und daher die verursachten Schäden verhältnismässig gering.

Welche Ereignisse verursachen die teuersten Schäden?
Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle. In einem sehr dicht bevölkerten und hochentwickelten Land mit sehr teurer Infrastruktur wie etwa Japan verursachen grosse Ereignisse, insbesondere Erdbeben, sehr teure Schäden. In Kobe verursachte ein Erdbeben im Jahr 1995 Schäden in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, in Szechuan waren es 2008 85 Milliarden. Gerade in China, wo «Megacities» regelrecht aus dem Boden gestampft werden, sind die Konsequenzen von Naturkatastrophen entsprechend grösser, also teurer. In ärmeren Ländern sind die Schadenssummen verhältnismässig nicht so hoch, hingegen die Anzahl der Todesopfer, weil die Bevölkerungsdichte oft gross ist und diese Staaten kaum auf Naturkatastrophen vorbereitet sind. 2004 forderte das Erdbeben mit Tsunami in Südasien 230 000 Menschenleben, 1991 verloren in Bangladesch 138 000 Menschen ihr Leben. Bei uns in der Schweiz erreichen wir glücklicherweise solche Dimensionen nicht, weil wir bessere Warnsysteme haben und wir uns im Notfall schneller und besser vor den Folgen von Katastrophen schützen können. 

Welche Schadenssummen sind künftig in Zusammenhang mit Naturkatastrophen weltweit zu erwarten?
Grundsätzlich sind Milliardensummen zu erwarten, versichert ist am Ende allerdings nur ein kleiner Prozentsatz.

 

«Sigma Explorer»: Interaktives Web-Tool der Swiss Re

Wie kalkulieren Versicherungen Schadenssummen im Voraus?
In den letzten Jahren überwogen extreme Wetterphänomene, was alles unvorhersehbarer macht. Schadensberechnungen können nicht mehr so genau aus vergangenen Jahren abgeleitet werden. Risiken werden aufgrund von Faktoren wie wahrscheinliche Häufigkeit und mögliches Ausmass kalkuliert. In der Regel legen Versicherungen eine bestimmte Risikosumme fest, um sich vor übermässigen Kosten im Schadensfall zu schützen.

Weil das Risiko zu gross ist und die Versicherung gar nicht zahlen kann?
Genau. Das ist die Hauptproblematik. Ich rate Unternehmen, sich gewisse Risiken vor Augen zu halten. In der Schweiz können wir uns im Falle von Wasserschäden grundsätzlich gut versichern, auch wenn der Elementarschaden-Pool natürlich begrenzt ist: Pro Versicherten stehen maximal 25 Millionen Franken und auf das gesamte Ereignis lediglich eine Milliarde Franken zur Verfügung.

Rückversicherungen müssen demnach nicht den Ruin befürchten?
Nein, aufgrund ihrer Risikozeichnungen setzen Rückversicherungen bei Vertragsabschluss eine genaue Limite fest und stellen je nach Region und Art des Risikos einen bestimmten Betrag zur Verfügung. Der Abschluss einer Versicherung ist das eine, im Schadensfall müssen Rückversicherungen die Summen aber auch tragen können. In der Schweiz kontrolliert deshalb die FINMA ihre Geschäfte. Entsprechend sollte eine gut aufgestellte Versicherung, die guten Regulierungen unterliegt, eigentlich nicht untergehen.

Klimaerwärmung, Extremwetter, steigender Meeresspiegel, Überschwemmungen: Wie werden wir uns vor Schäden durch Wasserereignisse schützen können?
Für die Bevölkerung gewisser Inseln im Indischen Ozean, die irgendwann unter dem steigenden Meeresspiegel verschwinden werden, besteht teilweise schon ein Plan B. Inselstaaten kaufen an einem anderen Ort eine Insel oder auch Land. Auch Manhattan in New York droht schneller als gedacht überflutet zu werden. Die Stadt trifft bereits Vorkehrungen. So sind die Erweiterung und die Erhöhung der Uferzonen in Planung.

Wie kann sich jeder Einzelne schützen oder versichern?
Staaten, Städte oder Gemeinden können die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad absichern. Am Ende muss aber jedes Unternehmen, jede Gemeinschaft und jede Person ihren Beitrag leisten. Wenn jemand das Risiko eingehen möchte, an einem Ufer zu bauen, das hochwassergefährdet ist, muss er damit rechnen, dass der Bau irgendwann unter Wasser steht und die Versicherung nicht zahlt. Auch bei Diebstahl zahlt die Versicherung nur umfassend, wenn die Tür abgeschlossen war. Das Wichtigste ist – und das zeigen auch viele Expertenbeiträge –, in die Prävention zu investieren, damit die Schäden minimiert werden können.

Reto Stauffer, Berater für strategisches Risiko-, Chancen- und Versicherungs-Management
Foto: Simone Gloor

Reto Stauffer, 47, ist Gründer, Geschäftsführer und Berater für strategisches Risiko-, Chancen- und Versicherungs-Management bei consulas.

Zuvor war der Berner als Direktionsmitglied beim führenden Schweizer Versicherungsbroker, Kessler & Co AG, tätig und leitete dort erfolgreich einen Unternehmensbereich. Er ist Mitglied der Risk Management Association e.V. und der Zürcher Handelskammer.

www.consulas.ch

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