27.09.2019

«Wo gefragt, bieten wir Hilfe an»: Metalpfarrer Samuel Hug, Mitgründer der AnsprechBar

«Jeder Mensch ist wertvoll, egal in welchem Zustand»

Lange Nächte, laute Musik, Drogen, Alkohol und mitgebrachte Probleme – auch das ist Festival. Metalpfarrer Samuel Hug bietet mit seinem Team der AnsprechBar all jenen ein offenes Ohr, die nicht nur die positiven Seiten des Festivallebens erfahren.

Wozu eine Festivalseelsorge und woher kam die Inspiration zur Entwicklung einer solchen in der Schweiz?
Samuel Hug: Auslöser bei mir war der Gedanke, als Kirche dahin zu gehen, wo die Menschen schon sind. Meine Idee war, auf den Festivals präsent zu sein. Kurz darauf wurde ich durch einen Fernsehbeitrag über Wacken auf die dortige Festivalseelsorge aufmerksam. Diese Art der Hilfestellung wollte ich unbedingt live vor Ort sehen.

Was war in Wacken der Auslöser, eine Festivalseelsorge einzurichten?
Da war der Auslöser ein ganz anderer. Wacken war ursprünglich nicht als grosses Festival geplant, wuchs aber in wenigen Jahren stark. Nach einiger Zeit zeigte sich, dass die Sanitäter auf diesem riesigen Gelände immer wieder mit Patienten konfrontiert wurden, die andere als rein medizinische Probleme hatten. Vielmehr brauchten sie jemanden, der Zeit hat und mit ihnen spricht. Darum gingen die Organisatoren auf den Dorfpfarrer zu. Diesem war das Ganze jedoch eine Schuhnummer zu gross. Von da aus ging es hoch zum Bischof und dann weiter zum Jugendverantwortlichen. So entstand das Angebot. In Wacken ging es jedoch weniger darum, als Kirche in eine bestimmte Kultur einzutauchen, als darum, da zu sein, wo Not besteht. Die Motivation war eher problemorientiert.

Metalpfarrer Samuel Hug in der Kirche
Foto: Roger Wassmer

Samuel Hug: Harte Musik – starke Botschaft
Metalpfarrer Samuel Hug vereint mit der Metalchurch die Welt der lauten und harten Musik mit der Botschaft Gottes. Viermal jährlich treffen sich Mitglieder der Metalszene in der Blues Beiz in Niederbipp (BE) und feiern gemeinsam Gottesdienst. Als Kirche dorthin zu gehen, wo die Menschen schon sind, war Grundlage zur Erarbeitung einer Festivalseelsorge. Mit der AnsprechBar bietet die Metalchurch eine Begegnungszone, wo Hilfe geboten wird, wenn sie gebraucht wird.
Mehr zu Metalpfarrer Samuel Hug und der Metalchurch unter http://derarbeitsmarkt.ch/de/interview/metalpfarrer-samuel-hug

Inwiefern haben Sie vom Gesehenen für Ihr Projekt profitiert?
Wovon ich sehr profitierte, waren die Themen: Was muss beachtet werden? Auf welchen Gebieten brauche ich zusätzliche Kenntnisse? Auch wie alles organisiert werden muss, damit die Leistung einer Seelsorge an einem Festival erbracht werden kann, habe ich in Wacken gelernt. Das Summerbreeze Metalfestival in Dinkelsbühl (D) und die dortige Umsetzung einer Festivalseelsorge waren eine willkommene Ergänzung. Hier haben wir noch stärker erleben dürfen, wie eine niederschwellige Begegnungszone aussehen kann. Dafür bin ich auch sehr dankbar.

Wie haben Sie die gewonnenen Kenntnisse für die Festivalseelsorge respektive die AnsprechBar hier in der Schweiz umgesetzt?
Beim Versuch hier in der Schweiz war der Ansatz mehr, wie wir die zwei Ansprüche – eine qualifizierte Beratung zu bieten und ein ungezwungenes Gespräch über Gott und die Welt zu ermöglichen – zusammenbringen und -halten. Zu zeigen: Wir sind vor Ort, egal, um was es sich dreht. Wir wollen da sein und die Anliegen auffangen. Das war unser Ansatz. Wir haben die Atmosphäre der Begegnungszone noch stärker auf die Kultur und die Ästhetik der Metalszene ausgelegt. Das Gesprächszelt der AnsprechBar und die Aufmachung haben einen szenetypischen Touch. Wir wollten klar erkennbar sein. Wir hatten aber auch die Mittel, dies umzusetzen. Der Metallook schafft für unser Zielpublikum eine Wohlfühlumgebung und ermöglicht so einen authentischen Begegnungsort. Das Ganze dient aber auch der Erkennbarkeit. So trägt der Schichtleiter auch eine Warnweste. Nicht unterschwellige Präsenz, sondern auf den ersten Blick erkennbares Zugegensein. Damit niemand suchen muss, der Hilfe braucht.

Foto: Metalchurch

AnsprechBar
Festivalseelsorge – Hilfe, wo sie gefragt ist
Am Greenfield Festival 2018 wurde mit der «AnsprechBar» zum ersten Mal an einem Schweizer Openair eine Festivalseelsorge angeboten. Mit grossem Erfolg. Denn Festivalseelsorge bedeutet ansprechbar sein. Not wahrnehmen. Aufmerksamkeit schenken. Zeit geben. Zuhören. Aufbauen. Den Verstimmten eine Stimme geben. Horizonte öffnen. Begleiten. Beraten. Und dies ungeachtet religiöser oder kultureller Herkunft. Genau das bietet das Team aus freiwilligen Helfern der «AnsprechBar» den Festivalbesuchern – entweder direkt im Zelt oder auf den Zweierpatrouillen durch das Gelände. Eben Hilfe, wo sie gefragt ist. Trägerin der «AnsprechBar» ist der Verein «Metalchurch».
Weitere Infos unter www.metalchurch.ch/ansprechbar

Als Metalpfarrer vermitteln Sie Gottes Wort, Wille und Wirken. Wie sieht das bei der
Festivalseelsorge aus? Sind Sie Ansprechpartner für alle?
Wichtig ist sicher, dass wir unseren kirchlichen Hintergrund deklarieren. Von dort kommen unsere Motivation und unsere Ressourcen. So wissen die Szenegänger, wer wir sind. Unser Gegenüber bestimmt jedoch selbst, worüber wir sprechen und wie. Eine geglückte Begegnung hängt nicht davon ab, ob über Gott gesprochen wird. Das ist zwar unser Horizont, so verstehen wir die Welt und wir glauben, dass die entscheidende Hilfe letztendlich von hier kommt. Wir versuchen aber schlicht eine Begegnung von Mensch zu Mensch zu ermöglichen. Natürlich beeinflusst die Weise, wie ich die Welt verstehe, die Art, wie ich berate. Die Frage nach Gott in einer bestimmten Situation kann aber immer nur ein Angebot sein, das Gegenüber muss in jeder Hinsicht frei sein. Die Metalchurch ist zwar Träger der AnsprechBar, Ziel ist aber nicht, Menschen für die Metalchurch oder sonst irgendeine Organisation zu rekrutieren. Entscheidend ist nur, der Person, die uns begegnet, Perspektiven aufzuzeigen und dazu beizutragen, dass für sie die Welt wieder zu einem freudigeren, heileren oder wohleren Ort wird.

«Das Publikum ist so vielseitig wie das Leben und die damit verbundenen Themen.»

Wer kommt in die AnsprechBar und mit welchen Anliegen?
Das Publikum ist so vielseitig wie das Leben und die damit verbundenen Themen. Von situationsbedingten und von der Tagesform abhängigen Unsicherheiten bis hin zu schwerwiegenden Problemen begegnet uns alles. Wir treffen auf Menschen, die sich einfach nur freuen, dass wir hier sind oder an diesem Tag noch kein schlaues Gespräch geführt haben, und solche, die einfach aus Neugier vorbeikommen und so mit uns ins Gespräch kommen.

Welche Rolle spielen Alkohol und Drogen?
An einem Festival sind das klar Themen. Einige stürzen aufgrund bestimmter Umstände plötzlich ab und haben dadurch ein Problem. Bei anderen kommen bestehende Probleme unter Alkohol- und Drogeneinfluss erst hoch. Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Menschen an ihre Würde zu erinnern, denn die hat jeder. Auch wenn einer komplett zugedröhnt ist und die anderen ihn bereits aufgegeben haben, nehmen wir uns seiner an. Jeder Mensch ist wertvoll, egal in welchem Zustand.  Aber auch im nüchternen Zustand kann ein Festival manchmal eine Extremsituation sein. Wenig Schlaf. Lange Tage. Es ist heiss, nass oder kalt. Der Alltag bleibt zurück. Man hat Zeit und das bewirkt oft etwas in einem. Dann fühlt mancher sich vielleicht plötzlich doch alleine. Dann sind wir als Ansprechpartner vor Ort.

Bühne am Greenfield-Festival 2019
Foto: Darwin Hansen

Greenfield Festival
Das Greenfield Festival ist ein mehrtägiges Rockmusik-Festival, das seit dem Jahr 2005 immer im Juni stattfindet. Austragungsort ist der Flugplatz Interlaken im Berner Oberland in der Schweiz. Jährlich geben sich 40 bis 50 Bands auf der Bühne des Greenfield Festival die Ehre. Das Sommerfestival zählt mit durchschnittlich 90 000 Besuchern zu den beliebtesten in Europa.

Die AnsprechBar war dieses Jahr zum zweiten Mal am Greenfield Festival in Interlaken. Wurde das Angebot genutzt?
Ja sehr. Schon im letzten Jahr durften wir als Team in über 300 Begegnungen interessante Gespräche führen und mit Rat zur Seite stehen. Dieses Jahr waren wir noch stärker im Einsatz. Wir sind jetzt 24 Stunden ansprechbar, also rund um die Uhr für die Menschen und ihre Anliegen da.
Dieses Jahr waren es bereits 440 Gespräche. Nicht nur Einzelgespräche, sondern auch mit mehreren Personen. So haben über 740 Personen das Angebot der AnsprechBar genutzt. Teilweise durften wir auch Gesprächspartner vom letzten Jahr wieder begrüssen, die einfach vorbeikommen wollten, oder meinten, sie seien doch noch nicht durch mit dem Thema.

Gibt es eine Chance, dass das Angebot ausgebaut wird, die AnsprechBar also öfter Gast auf Festivals sein wird?
Daran wird gearbeitet. Unsere Leidenschaft als Metalchurch ist der Metal und in diesem Genre gibt es in der Schweiz kein weiteres Festival in dieser Grössenordnung. Für andere Festivals müssten das Konzept und der Auftritt entsprechend dem Publikum angepasst werden. Die AnprechBar ist mit ihrem Design und ihrer Ästhetik klar auf die Metalkultur ausgelegt. Drei aus unserem Team haben jedoch den Verein «Festivalseelsorge Schweiz» gegründet. Der hat das Ziel – mit dem Modell der AnsprechBar – das Angebot der Seelsorge auch an anderen grossen Schweizer Festivals zu etablieren. Eine Begegnungszone in anderen Subkulturen muss sicher anders gestaltet werden. Das sind zum Teil Details. Diese sind aber entscheidend für die Anschlussfähigkeit und Akzeptanz. Eine andere Ästhetik, ein anderer Name. Wir hoffen, dass in den nächsten Jahren ähnlich gelagerte Angebote realisiert werden können.

E-Gitarre
Foto: needpix.com

Rockmusik
Rockmusik, kurz auch Rock, dient als Oberbegriff für Musikrichtungen, die sich seit Ende der 1960er Jahre aus der Vermischung des Rock’n’Roll der späten 1950er und frühen 1960er Jahre und anderen Musikstilen wie Beatmusik und Blues entwickelt haben. Der Rock umfasst viele Genres, wie den Poprock, Hardrock oder Punk und Heavy Metal und zählt weltweit zu den beliebtesten Musikstilen.

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