13.03.2017
FOTO UND TEXT: Nina Baiker

Jean-Marc Fritschy ist Professor für Neuropharmakologie.

Unser Gehirn

Eine Allianz aus Emotionen und Gedanken

Wir sind «genial» – unser Gehirn ist komplex und das wohl faszinierendste Organ, das die Evolution erschaffen hat. Der Neuropharmakologe Jean-Marc Fritschy erläutert Aspekte dieses Meisterwerkes der Natur.

Interdisziplinär analysieren Forscher die Regionen unseres Gehirns und kristallisieren neue Erkenntnisse heraus. Komplexe Messverfahren ermöglichen uns Einblicke in die Architektur und Funktion von Hirnregionen und Nervenzellen. Herr Prof. Fritschy, was fasziniert Sie persönlich an der Hirnforschung?
Das Gehirn ist – wahrscheinlich – das komplizierteste Organ überhaupt, mit einer riesigen Anzahl von Verknüpfungen und Wechselwirkungen zwischen Nervenzellen. Als Neurobiologe und Forscher habe ich Zugang zum Gehirn und das Privileg, dieses zu untersuchen. In der Schweiz ist die Hirnforschung besonders stark und wird mit den modernsten Methoden angegangen. Am Herzen liegen mir Gehirnerkrankungen; es ist enorm wichtig, dass wir den Nerven- und Gehirnkrankheiten auf die Spur kommen, um diese besser zu verstehen. Vielleicht sind wir zukünftig auch in der Lage, diese heilen zu können.

Von Montag, 13. März, bis Samstag, 18. März, findet die «BrainFair Faszination Gehirn» statt. Was bezweckt diese Informationsveranstaltung?
Seit 20 Jahren findet jährlich einmal die «BrainFair», im Rahmen der internationalen Woche des Gehirns, in Zürich und der ganzen Schweiz statt. Die Idee stammt aus den USA. Mit Hilfe dieser Initiative soll das Gehirn ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins gerückt werden. Die Bevölkerung soll sich über den Fortschritt und die Perspektiven der Hirnforschung informieren können. Viele Menschen sind von diesem komplexen System fasziniert oder von seinen Störungen betroffen. Wir möchten sie an unseren Erkenntnissen teilhaben lassen und unsere Begeisterung mit ihnen teilen. Meines Erachtens hat die Bevölkerung auch ein Anrecht auf Information, weil die wissenschaftliche Lehre und Forschung in hohem Mass mit Steuergeldern finanziert wird.

Wo sehen Sie den Nutzen in der Aufklärung der Bevölkerung?
Für die Meinungsbildung, etwa bei Abstimmungen zu wissenschaftlichen Fragen, ist es unerlässlich, sich Informationen aneignen zu können. Jede und jeder soll Zugang zum Wesen der Hirnforschung haben und verstehen, wozu sie notwendig ist.

 

«Die Schweizerische Hirnliga ist Bindeglied zwischen Akademie und Öffentlichkeit.»

 

In der Schweiz geniesst die Hirnforschung eine hohe internationale Anerkennung. Monakov, Jung, Forel sind berühmte Pioniere, und der Schweizer Physiologe W. R. Hess hat gar den Nobelpreis für Medizin (1949) für seine Forschungsergebnisse im Gehirn erhalten. Wozu benötigen wir eine zusätzliche Organisation wie die Schweizerische Hirnliga, die sich mit der Gehirnforschung beschäftigt?
Die Schweizerische Hirnliga ist als Bindeglied zwischen der Akademie und der Öffentlichkeit gegründet worden. Sie verfolgt zwei Ziele: Erstens soll die Bevölkerung informiert werden. Hierfür publizieren wir unsere Broschüre und den Newsletter. Beide Foren vermitteln dem «Nichtwissenschafter» Phänomene und neurowissenschaftliche Erkenntnisse aus der Forschung und insbesondere deren Anwendung im Alltag. So erfährt der Leser zum Beispiel, wie das Gehirn gesund erhalten werden kann und auch im Alter seine Funktionstüchtigkeit und Leistungsfähigkeit bewahrt. Zweitens sollten auch Gelder für die Forschung gesammelt werden. Dieses Ziel konnte nur begrenzt erreicht werden. Allerdings ermöglichen die Spenden, den Förderpreis über 20 000 Franken zu vergeben. Alle zwei Jahre verleiht die Schweizerische Hirnliga diesen Preis für ausserordentliche wissenschaftliche Leistungen im Bereich der Hirnforschung.

 

«Depression ist eine Krankheit und nicht die Folge von schlechten Gewohnheiten oder gar von Faulheit.»

 

In gesundheits- und sozialpolitischen Diskussionen wird Depression häufig als «Volkskrankheit» bezeichnet. Dabei finden besonders die Folgekosten Beachtung, aber auch die individuellen und sozialen Konsequenzen. Sozialer Rückzug und Antriebsverlust sind Symptome der Krankheit. Betroffene selbst leiden zusätzlich unter Stigmatisierung. Wie wirken sich Depressionen auf die Betroffenen und das nähere Umfeld aus?
Erstens, Depression ist eine Krankheit und nicht die Folge von schlechten Gewohnheiten oder gar von Faulheit. Die Patienten sind weder arbeitsscheu noch lethargisch. Diese Krankheit beeinträchtigt mehrere Funktionen erheblich, speziell der eigene Wille ist davon stark betroffen. Der oder die Betroffene verliert das Interesse und auch die Freude an Aktivitäten und vermag sich nicht zu überwinden, etwas zu unternehmen. Die Erkrankten empfinden eine grosse Sinnlosigkeit und fühlen sich manchmal komplett verloren. Sie leiden auch unter Schlaflosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten; schliesslich ist eine «normale» Arbeitsleistung nicht mehr möglich. Die Erkrankten zweifeln an sich selbst und können ein unerträgliches Gefühl von Schuld entwickeln.

Was raten Sie den Betroffenen und ihrem Umfeld – können diese Krankheiten gestoppt oder vielleicht sogar geheilt werden?
Das Umfeld ist hilflos und fühlt sich teilweise auch schuldig. Häufig stellen sich Angehörige die Frage, was sie falsch gemacht haben, und versuchen, sich in die Lage des Erkrankten zu versetzen. Leider ist es jedoch sehr schwierig, diese Perspektive einzunehmen. Die Symptome der Krankheit lassen sich durch die Kombination von Psychotherapie und Pharmakologie relativ gut bekämpfen. Dabei ist die Psychotherapie ein essenzieller Bestandteil der Behandlung. Durch die Verbindung beider Behandlungsformen kann es gelingen, dass der Patient die Krise bewältigt. Leider ist die Krankheit durch diese symptomatische Therapie nicht geheilt. Phasen der Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit können später erneut auftreten.

Ein umstrittenes Thema ist zunächst die psychiatrische Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und nachfolgend die pharmakologische Behandlung von Kindern. Bereits im Januar 2013 wurde im Auftrag der Regierung eine Studie lanciert, die auch die Frage beantworten sollte, wie verbreitet die Behandlung von Kindern mit Ritalin ist. Dabei lag die Vermutung zugrunde, dass in den letzten Jahren die pharmakologische Behandlung zuungunsten der Psychotherapie überproportional angestiegen ist. Herr Prof. Fritschy, was ist Ihre persönliche Meinung zu dieser Thematik, insbesondere als Neuropharmakologe?
Das ist ein heikles Gebiet. Primär ist ADHS eine Krankheit, die in unterschiedlichen Schweregraden auftritt. Mit Hilfe der verfügbaren Diagnosekriterien kann es sehr schwierig sein, zwischen einer milden Form von ADHS und dem «Normalzustand» zu unterscheiden. Daher ist die Entscheidung schwierig, ob und ab wann eine Behandlung sinnvoll ist. Sind die Kinder aber schwer erkrankt und haben sie starke Symptome, so ist eine medikamentöse Behandlung absolut angesagt. Nur so können sie eine «Normalität» zurückgewinnen, ihren Schulalltag bewältigen und in ihrem Freundeskreis integriert bleiben. Ich vermute, dass in der Schweiz die medikamentöse Behandlung relativ früh und bei geringen Symptomen erfolgt. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass bei Kindern die Entwicklung des Gehirns noch nicht abgeschlossen ist. Es ist noch nicht erforscht, ob und allenfalls wie die Medikamente auf die Gehirnentwicklung wirken. Wir können die Frage möglicher negativer Konsequenzen auf das Gehirn noch nicht beantworten. Derzeit geht man davon aus, dass der Nutzen für die Kinder grösser sein dürfte als mögliche spätere Nebenwirkungen.

 

«Alle können ihr Gedächtnis durch Training verbessern.»

 

Wir werden zusehends älter, bezahlen dafür aber einen hohen Preis. Personen im «dritten Lebensabschnitt» (50 bis 75 Jahre) bilden die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe. Oft korreliert die hohe Lebenserwartung mit dem Abbau intellektueller Funktionen oder Leistungen. Das Gehirn versagt; das Gedächtnis und auch andere kognitive Fähigkeiten wie zum Beispiel die Orientierung lassen nach. Ist Alzheimer ein unaufhaltsamer Prozess? Womit wird die Gesellschaft in Zukunft konfrontiert?
Die Alzheimer-Krankheit ist altersbedingt und unaufhaltsam. Wegen der Alterung der Population wird die Gesellschaft zukünftig für die Behandlung und Betreuung dieser Patienten mit enormen Kosten rechnen müssen. Dies wird das Gesundheitssystem stark strapazieren. Die grösste Hoffnung für eine Heilung besteht in einer Art Impfung, die vermeiden soll, dass diese Krankheit entsteht; das heisst, man impft gegen die Ursache der Krankheit. Laufende klinische Studien sehen vielversprechend aus, allerdings ist eine fundierte Aussage noch nicht möglich, und man soll keine falschen Erwartungen wecken. Eine präventive (oder sogar kurative) Behandlung ist vermutlich noch weit entfernt.
 
Kann durch persönliche Anstrengungen der Krankheitsausbruch von Alzheimer vermieden werden?
Grundsätzlich verfügen Menschen über unterschiedliche Gedächtnisleistungen – in der ganzen Bandbreite von gut bis schlecht. Aber dies ist nicht entscheidend: Alle können ihr Gedächtnis durch Training verbessern. Darüber hinaus sind soziale Interaktionen für die Gesundheit des Gehirns, insbesondere bei älteren Personen, absolut essenziell. Je mehr man diese pflegt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man geistig gesund bleibt. Grundsätzlich gilt: Je mehr man sich geistig anstrengt und aktiv ist, desto länger bleibt man gesund. Aber auch Sport unterstützt eine gute geistige Verfassung, sogar Spaziergänge in der Natur, die mit vielen Reizen sensorischer Art verbunden sind, wirken sich positiv aus. Allerdings ist nicht einzig der Lebensstil für den Ausbruch oder das Unterbleiben von Alzheimer verantwortlich; die Krankheit ist wesentlich komplexer und kann nicht auf eine monokausale Ursache zurückgeführt werden.

 

«Emotionen sind unerlässlich für uns und steuern unser Denkvermögen.»

 

Die Hirnforschung gewinnt innerhalb der biomedizinischen Wissenschaften zusehends an Gewicht. Es scheint, als könne die gesamte Persönlichkeit eines Menschen durch die Funktion seines Gehirns definiert werden. Stimmt diese Sichtweise?
Dies ist beinahe eine philosophische Frage. Als Neurobiologe bin ich davon überzeugt. Aber selbstverständlich sind andere Meinungen genauso berechtigt. Alle Emotionen, Wahrnehmungen, Gedanken und Entscheidungen und auch das Bewusstsein entstehen im Gehirn. Gerade Emotionen sind unerlässlich für uns und steuern unser Denkvermögen. Sie sind keinesfalls eine Schwäche, und sie verknüpfen uns mit unseren Erinnerungen. Das Gehirn ist kontinuierlich mit dem Rest des Körpers verbunden; die Kommunikation erfolgt in beide Richtungen. Das Gehirn erhält allerlei Signale über die Funktion der Organe und steuert diese. Das Immunsystem, das den gesamten Körper vor Bakterien und Viren schützt, sendet Botenstoffe an das Gehirn, welche seine Funktion und Leistung beeinflussen, wie man es sogar bei einer milden Erkältung zu spüren bekommt.

Wo sehen Sie die Hirnforschung in Zukunft, in welche Richtung könnte sie sich entwickeln?
Hierbei gibt es ein Paradoxon. Einerseits sind die Fortschritte in der Hirnforschung enorm – heute können Fragestellungen angegangen werden, die vor 20 Jahren noch als Science Fiction gegolten hätten. Wir können davon ausgehen, dass sich in den kommenden Jahren unser Wissen über das Gehirn exponentiell erweitern wird. Andererseits ist die Komplexität unseres Gehirns so ungeheuerlich, dass wir erst begonnen haben, gewisse Funktionen zu verstehen – wir haben erst an der Oberfläche gekratzt. Leider bin ich nicht besonders optimistisch, dass es uns in nützlicher Zeit gelingen wird, die chronischen Gehirnerkrankungen kurativ zu behandeln – hierfür ist das Gehirn vermutlich viel zu komplex.

 

Jean-Marc Fritschy, 61, ist Professor für Neuropharmakologie, stellvertretender Dekan und Prodekan Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Fritschy betreut Doktorierende und Master-Studierende und ist Mitglied in mehreren wissenschaftlichen Gremien und Forschungskommissionen. Fritschy wurde mit verschiedenen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, beispielsweise mit dem Forschungsförderungspreis der Epilepsie-Liga. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Schweizerischen Hirnliga beantwortet Jean-Marc Fritschy Fragen zur Hirnforschung.

 

Sprechen wir das Thema des «dritten Lebensabschnitts» für eine abschliessende Frage noch einmal an. In der Arbeitswelt ist eine gegenläufige Entwicklung beobachtbar. Der Mensch wird zusehends älter. Personalentwicklungskonzepte aber begleiten die Mitarbeitenden nur bis zum Karrierekulminationspunkt. Diese Konzepte reflektieren den ökonomischen Zeitgeist, verleugnen aber die Realität des Arbeitsmarktes und die Tatsache, dass das ältere Gehirn zwar langsamer, aber leistungsfähiger ist. Kann die Hirnforschung hier einen zusätzlichen Beitrag zugunsten einer Trendwende innerhalb der Unternehmenskultur leisten?
Dank der vielen Fortschritte der Medizin hat sich die Lebenserwartung wesentlich verlängert, und man bleibt länger als früher leistungsfähig. Das Ziel der Medizin ist aber nicht primär, das Leben zu verlängern, sondern die Gesundheit möglichst lang aufrechtzuerhalten. Ob es ökonomisch sinnvoll ist oder sogar notwendig sein wird, länger zu arbeiten, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht gibt es andere Modelle, wie die Arbeit verteilt werden kann, die man prüfen sollte. Aber als Neurobiologe sehe ich eine Verpflichtung der Hirnforschung, alles Mögliche zu tun, um die Entstehung und den Verlauf von altersbedingten neurodegenerativen Erkrankungen zu bekämpfen.