16.04.2018
FOTOS UND TEXT: Valentina Thurnherr

Manuela Oesch Olowu in ihrem Atelier in Altstätten.

Fünf Fragen an die Sattlerin

«Schnittmuster klappen nicht immer auf Anhieb»

Manuela Oesch Olowu, 48, arbeitet seit mehreren Jahren als selbstständige Sattlerin. In ihrem Atelier verarbeitet sie die verschiedensten Lederarten und verbindet sie zum Beispiel mit Stoffen aus alten Mehlsäcken. Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit sind fliessend, denn auch mit ihrer Leidenschaft zur Musik verdient sie ihr Geld.

Haben Sie ein Morgenritual?
Eigentlich schon. Mein Wecker klingelt um halb sieben, und dann drücke ich dreimal auf Schlummern. Danach stehe ich auf, gehe kurz ins Bad, mache mir einen Kaffee und gehe damit auf den Balkon, wo ich eine Zigarette rauche, während ich den Kaffee trinke.
Vorher rufe ich manchmal noch meinem Sohn, um sicherzugehen, dass er auch wach ist – was meistens der Fall ist. In Ausnahmefällen passiert es mir auch, dass ich am Esstisch hängen bleibe und auf Facebook herumsurfe.

Was beinhaltet Ihr Job, wenn Sie in Ihrem Atelier arbeiten?
Zentral ist auf jeden Fall das Organisieren der Rohmaterialien, wie etwa Fäden, Leim und am wichtigsten das Leder. Ich musste lange suchen, bis ich eine Gerberei fand, hinter deren Lederherstellung ich zu hundert Prozent stehen konnte. Das Leder, das ich verwende, wird ausschliesslich pflanzlich und somit umweltfreundlich gegerbt.
Als zweiten Schritt muss ich mir Designs für Taschen und Rucksäcke überlegen. Ich lasse mich dabei gerne von Pinterest inspirieren, obwohl man da auch oft Gefahr läuft, sich etwas zu verlieren. Wenn ich eine Idee habe, zeichne ich diese auf und erstelle aus der Skizze das Schnittmuster. Bei der Umsetzung kommt es manchmal auch vor, dass ich etwas experimentieren muss, denn die Schnittmuster funktionieren nicht immer genau so, wie ich sie beim ersten Mal aufgezeichnet habe. Im Atelier der SattlerinWas mein Job zusätzlich beinhaltet, ist, die fertigen Taschen zu verkaufen, was leider nicht so meine Stärke ist.
Wer interessiert ist, kann mich natürlich auch direkt für Aufträge anfragen, wie etwa handgemachte Hundeleinen, ein Gilet oder andere Kleidungsstücke, die ich selbst anfertige oder auch ausbessere. Zwischendurch arbeite ich auch mit Stoffen. Für einige meiner Taschen habe ich beispielsweise alte Mehlsäcke aus der «Zweibruggenmühle» in St. Gallen verwendet.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Sie Ihre Arbeit gerne machen?
Ich brauche auf jeden Fall ein bestimmtes Zeitfenster, in dem ich nicht gestört werde, um voll und ganz in die Arbeit einzutauchen.
Meine Motivation hängt aber auch stark von meiner Stimmung ab. Wenn ich mich zum Beispiel bei einem Kostenvoranschlag verkalkuliere und sich die Arbeit dann als viel zeitaufwendiger herausstellt, ist es schwierig, das dem Kunden zu erklären. Das ist sehr demotivierend.
Bei «kreativen» Jobs neigen nämlich viele dazu, deren Wert herunterzuspielen. Als würde ich nur einem Hobby nachgehen, das immer Spass macht und überhaupt nicht anstrengend ist. Bei einem Plattenleger käme niemand auf diese Idee. Der arbeitet eine gewisse Anzahl an Stunden und erhält ein entsprechendes Honorar dafür – ohne Diskussion.

Wie wichtig ist Ihnen der private Ausgleich?
Bei mir stellt sich da eher die Frage: Ab wann ist es privat?
Ich habe so viele Jobs nebenher, dass sich die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem total verwischen. Dadurch, dass ich meinem Mann beim Autohandel helfe, indem wir Fotos von Autos ins Netz stellen, um sie zu verkaufen, kann es vorkommen, dass wir teilweise um zehn Uhr abends noch ein Auto übergeben, obwohl das ja theoretisch schon Privatleben wäre. Das nervt mich manchmal, weil ich irgendwie nie Feierabend habe.
Privat ist für mich eigentlich das Musikmachen – obwohl das theoretisch auch ein Beruf ist. Mir ist einfach wichtig, dass meine Woche interessant ist. Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, jeden Tag in denselben Betrieb zu gehen und von morgens bis abends meine Stunden abzusitzen.
So gesehen bin ich also ziemlich ausgeglichen. Und das Gute ist ja, abgesehen vom Donnerstag kann ich mir jeden Tag so einrichten, wie ich gerne möchte. Natürlich ist da immer dieser Druck des Geldverdienens, weshalb ich sehr diszipliniert an meine Wochenplanung herangehen muss.

Haben Sie einen Tipp für gute Laune bei der Arbeit?
Musik, Kaffeemaschine und gute Nachbarn. In den beiden Büros nebenan arbeiten ein Grafiker und eine Grafikerin, was ziemlich cool ist. Zwischendurch machen wir die Verbindungstür auf und trinken einen Kaffee miteinander, quatschen ein bisschen oder zeigen uns gegenseitig Ideen und besprechen diese. Die Grafikerin fragt mich oft nach meiner Meinung und hat dann manchmal auch Ideen, wo ich zum Beispiel meine Lederwaren verkaufen könnte. Bei diesem Austausch entstehen einfach schöne Synergien.

In den Regalen türmen sich verschiedenste Arten von Leder... ...sogar Fischhaut. Manuela Oesch Olowu bereitet das Leder für das Schnittmuster vor. Auch massangefertigte Lederbänder für Uhren fertigt sie an. Einige Ideen testet sie manchmal in mehreren Versuchen. Die fertigen Taschen, Rucksäcke und Portemonnaies verkauft Manuela Oesch Olowu direkt in ihrem Atelier oder auf Online-Plattformen.
Manuela Oesch Olowu mit einer Tasche aus Leder und Mehlsackstoff.

Ihre Taschen, Rucksäcke und Portemonnaies verkauft Manuela Oesch Olowu jeweils in ihrer Werkstatt, in ausgewählten Geschäften und auf verschiedenen Online-Plattformen, wie zum Beispiel etsy.ch. Mehr Informationen zu den jeweiligen Einzelstücken gibt es auf ihrer Webseite: www.wearejamoon.ch
Sie ist auch leidenschaftliche Musikerin und tritt als Leadsängerin der Bands «Mama’s Jukebox» und «Organic Stuff» auf, die vor allem im Rheintal sehr bekannt sind. Letztere Band verschreibt sich mit Leib und Seele dem Funk ʼnʼ Soul – ganz ohne Konservierungsstoffe.