07.08.2019
FOTOS UND TEXT: Judith Nünlist
Samuel Hug. Metalpfarrer und Mitgründer Metalchurch

«Pfarrer zu werden, wurde in meinem Umfeld nicht als ‹cool› empfunden»: Samuel Hug, Metalpfarrer.

Metalchurch

«Die Beziehung zu Gott pflegen – mit Singen und Schreien»

Wie passen wummernde Bässe und kreischende Gitarrenriffs zu Andacht und Gottesfürchtigkeit? Der 37-jährige Samuel Hug, reformierter Pfarrer im bernischen Niederbipp und Mitgründer der «Metalchurch», verbindet die zwei auf den ersten Blick unvereinbaren Welten des Metals und der Kirche miteinander.

Der raubeinige Metal-Lebensstil scheint im Gegensatz zu Gottesfürchtigkeit zu stehen – wie vereinbaren Sie das eine mit dem anderen?
Samuel Hug: Inhaltlich nimmt diese Art von Musik emotional viel auf, was ich auch am christlichen Glauben und an der Bibel sehr stark finde. Auch in der Bibel sind sie vertreten, die bedeutsamen und schwierigen Themen. Und der Metal ist eine künstlerische Form, die diese Themen aufnimmt – zumindest in meinen Augen und jenen anderer, die ähnlich empfinden. Die Stärke, die Leidenschaft, aber auch das Dunkle in der Welt dürfen thematisiert werden.

Was hat Sie bewogen, Pfarrer zu werden?
Das war ein längerer Prozess. Der Glaube an Jesus Christus spielt für mich seit frühester Kindheit eine grosse Rolle. Aber die Idee, dass ich Pfarrer werden könnte, ist erst viel später aufgekommen. Ich hatte mir für die Berufswahl alles andere überlegt: erst Kampfpilot, dann Archäologe, später Physiker oder Mediziner. Bis ich dann merkte, das ist alles nicht meins. Übrig blieb der Wunsch, die Beziehung zu Gott zu pflegen und weiterzugeben – nicht, weil mir dies von den Eltern so mitgegeben wurde, sondern aus tiefster innerer Überzeugung.

Woher kam diese Überzeugung, wenn nicht von den Eltern?
Hinter allem stehen auch theologische Fragen. Ich interessiere mich für alles Mögliche und frage mich, was es mit Gott zu tun hat. Warum ist die Welt, wie sie ist? Was bedeutet das für mein Leben? Was ist die Konsequenz daraus? Dass ich Pfarrer werden wollte, wurde in meinem Umfeld nicht als «cool» empfunden. Das war vielmehr ein Ringen. Bei mir war wohl der Gedanke tragend, dass ich in der Kirche etwas bewegen wollte. In dieser Hinsicht war ich ein kleiner Rebell. Ich durfte dann aber auch noch etwas Demut lernen und feststellen, dass Pfarrerinnen und Pfarrer nicht allen Ansprüchen jedes Einzelnen genügen können. Ein Pfarrer muss das Ganze der Gemeinde im Blick haben, nicht nur Einzelinteressen. Mein Weg zeigt, dass ich mich nie gescheut habe, neue Richtungen einzuschlagen. Ich habe nicht das Risiko zu scheitern gesehen, sondern die Möglichkeit, etwas zu bewegen.

Samuel Hug: Metalsound und Gottes Wort
Geboren wurde der heute vierfache Familienvater 1982 im idyllischen Kanton St. Gallen. Schon bald zeigte sich seine Leidenschaft für die Metalmusik, aber auch seine Überzeugung als Christ. Nach dem Gymnasium entschied er sich daher für das Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Bern. 2008 übernahm er als Pfarrer die Leitung der Reformierten Kirchgemeinde Wattenwil-Forst. Als Mitgründer der Metalchurch 2011/2012 vereinigte er Berufung und Leidenschaft. Seit Anfang 2017 predigt Samuel Hug nun im bernischen Niederbipp und ist neben seinem Pfarramt auch im Teilpensum bei der Metalchurch angestellt.

 

Wie wurden Sie als bekennender Metal-Fan von der reformierten Kirchgemeinde aufgenommen?
Unterschiedlich. Grundsätzlich sehr positiv. Ich wurde vom Kirchgemeinderat für die Stelle in Niederbipp angefragt und stellte von Anfang an klar, dass ich nur als Gesamtpaket zu haben bin, und da gehört der Metal dazu. Ich bekam ein klares «Ja». Ich merkte aber auch, dass einige Gemeindemitglieder durchaus Mühe mit meiner Person haben, da diese Musikszene nicht in ihr Bild von einem angemessenen Lebensstil oder der Kirche passt.

Was war der Auslöser zur Gründung der Metalchurch?
Das war ein langer Prozess. Ich war Vordenker und derjenige mit dem entsprechenden Netzwerk, um die Menschen zusammenzubringen. Ich war aber nicht alleine. Ein Leitgedanke war unser persönliches Bedürfnis, den Glauben an Jesus Christus und diese Musik sowie den damit verbundenen Lebensstil zusammenzubringen und dafür eine Ausdrucksform zu finden. Einerseits für uns selber, für die das alles zusammengehört und gelebt werden darf. Anderseits wollten wir für jene einen Zugang schaffen, für die Kirche und die Metalkultur nicht zusammenpassen.

«Beim Metal schlägt mein Herz einfach noch etwas stärker.»

Wo sehen Sie Unterschiede zur traditionellen Pfarrstelle?
Weniger in den Themen, die «Pfarrer sein» ausmachen. Das sind grundsätzlich dieselben, nur die Vorzeichen sind andere. In einer Ortskirchgemeinde sind gewisse Strukturen fix vorgegeben. Als Metalpfarrer muss ich mobiler sein und die Strukturen erst aufbauen. Gefragt sind Bewegung und ein aktives Zugehen auf die Menschen. Wobei auch ein Gemeindepfarrer viel organisieren muss und somit manchmal auch eher als Eventmanager agiert. Das ist heute auch verstärkt nötig, denn die Menschen kommen nicht mehr, nur weil das Angebot existiert. Von dem her unterscheiden sich die traditionelle Pfarrstelle und die Aufgaben des Metalpfarrers kaum. Die Gestaltung und die Lokalität unterscheiden sich.

Inwiefern?
Der Gottesdienst findet in einem Club, der «Blues Beiz» in Niederbipp, statt. Zudem werden eine andere Sprache und eine andere Ästhetik gepflegt. Dementsprechend liegen die Schwerpunkte anders, wenn der Zugang zu einem Thema entwickelt wird. Ein Unterschied ist – so erlebe ich es zumindest –, dass Metaller interessierter und offener sind. Bezüglich religiöser Themen und des Disputs. Die Auseinandersetzung, im positiven Sinn, wird gesucht. Metaller sind geradeaus, wie die Szene halt ist. Provokativ. Direkt. Ehrlich.

Metalchurch. - Hard Music, Strong Message
Foto: Metalchurch

Die 2011/2012 gegründete Metalchurch verbindet zwei auf den ersten Blick unvereinbare Welten – das Wort Gottes und Metalsound. Die Idee: Wie Jesus da sein, wo die Menschen schon sind, und eine gemeinsame Begegnungsebene schaffen. Nebst den viermal jährlich stattfindenden Gottesdiensten mit anschliessendem Konzert in der «Blues Beiz» in Niederbipp veranstaltet die Metalchurch einmal im Monat (jeweils freitags) ein Treffen unter dem Motto «Bibel, Bier & Metal» im Metalkeller des Pfarrhauses, Begegnungs- und Gesprächsort in einem.
Weitere Infos unter www.metalchurch.ch/bbm

Wie ist die Metalchurch organisiert?
Im Moment sind wir vereinsmässig organisiert, da die Kantonalkirche noch keine entsprechenden Strukturen hat. Wege müssen strukturell neu gedacht werden. Entscheidend ist auch, wen wir an Bord holen, damit sich alles langfristig und nachhaltig entwickeln kann. Die Metalchurch ist ein Pionierprojekt. Grundsätzlich wird folgende Frage angegangen: Was bedeutet Kirche, die sich nicht am Territorium, also an einem klar definierten Raum, orientiert? Daraus ergeben sich viele Fragen, die noch geklärt werden müssen. Ich bin daher im grösseren Stil am Netzwerken als in der Kirchgemeinde, obwohl diese Arbeit da auch entscheidend ist.

Wie sieht ein Gottesdienst der Metalchurch aus?
Die Grundstruktur unterscheidet sich nicht gross von einem reformierten Gottesdienst am Sonntagmorgen. Anders ist die Musik, und die Atmosphäre hat Konzertcharakter; da stehen keine Bänke, sodass sich jeder frei bewegen und auch während des Gottesdienstes draussen ein Bier holen kann. Es ist ein offenes, freies Setting – wodurch es nicht immer einfach ist, alles zusammenzuhalten. Diejenigen, die den Gottesdienst gestalten, müssen mehr Präsenz und Spannkraft zeigen. Zudem ist das Ganze keine Einmannshow. Die Band spielt nicht nur Musik, sie gestaltet den Gottesdienst aktiv mit.

Wie gestaltet die Band den Gottesdienst?
In einem ersten Teil wird mit einem Musikstück Aufmerksamkeit geweckt. Der Sänger begrüsst die Anwesenden, betet mit ihnen und pflegt musikalisch die Beziehung zu Gott – mit Singen und Schreien und allem, was dazugehört. Dann folgt die Predigt. Hier versuche ich immer, ein Thema zu wählen, das in der Szene ebenso wie in der Bibel relevant ist, und dies in Bezug zu unserem Leben zu setzen. Also ein Gespräch zwischen der Metalkultur, der Bibel, unserem Leben und unserem Glauben zu initialisieren. Von da aus gehen wir ins Abendmahl. Die Band beginnt vorne auf der Bühne zu spielen, der Wein wird in Trinkhörnern serviert. Nach einem zweiten Anbetungsteil gehen wir dann zu den Fürbitten über. Das Bekenntnis – ein liturgischer Aspekt – sprechen wir nicht nur, sondern schreien es heraus. Die Kollekte wird mit entsprechend besprayten Bierkrügen eingezogen. Der Segen ist geprägt vom Wechsel zwischen liturgischem und metallischem Vokabular. Abgeschlossen wird der Gottesdienst mit einem Lied. Diese Elemente finden sich in einem traditionellen Gottesdienst auch. Sie sind bei uns aber durch die Ästhetik und das Gefühl der Szene geprägt. Im Anschluss an den Gottesdienst finden dann noch zwei Konzerte statt. So bleibt viel Zeit für Gespräche und Diskussionen und um das Zusammensein zu geniessen.

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Die Metalchurchband rockt den GottesdienstVideo: Metalchurch

Sind diese Aspekte auch der Grund, weshalb die Metalgottesdienste nicht in einem sakralen Raum stattfinden?
Prinzipiell könnte der Metalgottesdienst auch in der Kirche abgehalten werden. Für viele Metaller wäre das aber eine Hürde und für gewisse Kirchgänger eine Provokation. Die primäre Motivation war aber, dass wir nicht die Menschen in die Kirche bringen wollen, sondern die Kirche zu den Menschen. Grundsätzlich gilt: Im reformierten Verständnis sind es die Menschen, die sich im Namen Gottes treffen, die einen Ort erst sakral machen. Entscheidend ist die Gemeinschaft, die zusammenkommt und sich auf Gott beruft. Für uns hiess das, an Festivals und in Clubs zu gehen, wo sich die Szene trifft. Ein Club ermöglicht ein offenes Setting, wo ich gehen und kommen kann, wie ich will. Wir wollen einen freien Zugang gewähren. Dafür eignet sich der Kirchenraum nicht.

Glauben Sie, dass Sie in der Funktion des Metalpfarrers häufiger oder weniger oft gebraucht werden als in einer «gewöhnlichen» Gemeinde?
Die Frage ist eher: Wie gehe ich meine Rolle an und wie lebe ich diese? Ich sehe mich primär bei beiden Orten nicht als Versorger, sondern als «Ermächtiger», der zusammen mit Freiwilligen die Arbeit rund um die Kirche aufbaut. Ich will den Gemeindemitgliedern – ob im traditionellen Rahmen oder in der Metalchurch – auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam mit ihnen Kirche gestalten und entwickeln. Die spezielle Aufgabe des Pfarrers wird durch den Ordinationstitel «verbi divini minister – Diener am göttlichen Wort» gut beschrieben. Daraus resultiert eine spezielle Verantwortung, die biblische Tradition ins Gespräch zu bringen. Sozusagen das «Wächteramt», um das Grosse und Ganze im Auge zu behalten und dadurch die Menschen zu ermächtigen, anzuleiten, zu fördern und zu begleiten. Und nicht: Wir machen Kirche, und die Menschen sind nur unsere Konsumenten oder Besucher. Alle sind potenzielle Mitarbeitende. Ich lade herzlich dazu ein.

«Metaller sind geradeaus, wie die Szene halt ist. Provokativ. Direkt. Ehrlich.»

Was gefällt Ihnen an der Tätigkeit des Metalpfarrers am besten?
Es ist die Tätigkeit des Pfarrers, so wie ich sie verstehe. Zusammen mit Menschen etwas aufzubauen. Eine tragfähige Gemeinschaft, die vielfältige Aufgaben und Projekte zur Freude der Menschen, zur Ehre Gottes und zum Wohl jener, die bedürftig sind, entwickelt und umsetzt. Und dies auf eine kreative, kunstvolle Art. Denn Ästhetik und Kunst – also Ausdruck von Inhalt, Wort und Formen des Zusammenkommens und was uns erfreut und Sinn macht und unser Herz berührt – spielen eine wichtige Rolle. Beim Metal ist besonders, dass er meine Seele anspricht. Gewisse Aspekte gehen somit noch tiefer, da die Musik bei mir eine zusätzliche Saite berührt, was die traditionelle Interpretation vielleicht nicht kann. Wenn die Stimmung gelingt, dann freue ich mich auch sehr über einen volkstümlichen Gottesdienst, auch wenn dies nicht meine Kultur ist. Wenn ich Freude am Glauben vermitteln kann, spielt für mich keine Rolle, welche Kultur dahintersteht. Beim Metal schlägt mein Herz einfach noch etwas stärker.

Jubelnde Fans am Avantasia-Konzert in London.
Foto: Thargol

Metal – Musik- und Lebensstil
Metal ist mehr als nur laute Musik mit oft düsterem Inhalt. Vielmehr ist Metal ein Lebensstil. Entwickelt hat sich der auch als Heavy Metal bezeichnete Musikstil Anfang der 1970er-Jahre aus dem Bluesrock und dem Hard Rock. Geprägt wird er durch schnelle Gitarrenriffs, heftige Schlagzeugbeats und meist nahezu schreiende Sänger. Parallel zum Musikstil entwickelte sich auch eine Subkultur. Die Szene definiert und identifiziert sich über metalspezifische Symbole, wie das Kreuz und den Totenschädel, und Modeelemente wie Leder und dunkle Farben.