der arbeitsmarkt | 24.01.2011 | Text: Marco Borghi
mb. Milena Moser ist eine Unternehmerin. Als Freischaffende muss die Autorin Arbeitsbeschaffung, Familie und literarisches Schreiben unter einen Hut bringen.
Frau Moser, können Sie vom Schreiben leben?
Von den 2500 Kolleginnen und Kollegen, die im Verzeichnis der Autorinnen und Autoren der Schweiz eingetragen sind, können 80 bis 90 mit begleitenden Tätigkeiten von ihrem Beruf leben. Ich zähle mich auch dazu. Aber auch ich kann nicht ausschliesslich von meinen Büchern leben. Vom Verkaufspreis eines Buches bekomme ich als Autorin 10 Prozent. Von meinem letzten Buch habe ich ungefähr 20 000 verkauft und damit 60 000 Franken verdient. Allerdings habe ich dafür drei Jahre gearbeitet. Betrachte ich den Stundenlohn, so rechnet sich das nicht. Natürlich gibt es auch Schriftsteller mit einem Verkauf von über 100 000 Büchern, die ausschliesslich von ihrem Bücherverkauf leben können, wie zum Beispiel Martin Suter.
Aber eigentlich haben Sie doch ein schönes Leben ...
Ich habe ein wunderbares Leben, aber ohne Freizeit. Als Freischaffende kann ich bei einem Anliegen eines Verlages oder Anfragen für eine Lesung nicht einfach nein sagen, da ich sonst damit rechnen muss, dass sich der Auftraggeber nicht mehr meldet. Ich arbeite also eher zu viel. Als Freischaffende zu leben, ist nicht immer einfach, da ich mir die Arbeit immer wieder selbst besorgen muss. Mein Einkommen ist nicht gesichert. Das soll keine Klage sein, denn als Vorteil habe ich meine grosse Freiheit.
Hat diese sogenannte grosse Freiheit nicht vor allem Nachteile?
Ja, sie bringt eine gewisse Unsicherheit mit sich. Da mein Mann und ich das Berufsleben als Selbständigerwerbende kennen, haben wir uns an sie gewöhnt. Als Freunde von uns plötzlich ihren Job verloren, ist mir aufgefallen, wie schwer sie sich damit taten. So gesehen hat die Unsicherheit auch ihre Vorteile. Man rechnet nicht mit einem festen Lebensstandard.
Sie sagen, auch Sie könnten nicht nur von Ihren Büchern leben. Wie ergänzen Sie Ihr Einkommen?
Ich bekomme Lizenzhonorare für Übersetzungen und Taschenbuchausgaben. Vergibt ein Verlag Lizenzen an einen anderen, bekomme ich meistens 50 Prozent. Das sind unregelmässige Einnahmen; sie hängen von den Entscheidungen meines Verlages ab. Für Lesungen erhalte ich Honorare. Hinzu kommen Einkünfte aus Kolumnen, die ich regelmässig in Zeitschriften wie zum Beispiel in der «Schweizer Familie» zu unterschiedlichen Themen schreibe. Ein viertes Standbein sind die Kurse in kreativem Schreiben.
Was kann ein Autor tun, wenn die Einkünfte als Schriftsteller nicht reichen?
Man kann sich auf die Suche nach Subventionen machen. Zur Orientierung gab es früher ein Handbuch der Kulturförderung für Theater und Literatur. Heute erfüllt die Website kulturförderung.ch diese Aufgabe. Darauf sind staatliche, aber auch private Stiftungen zu finden. Die staatlichen Stellen sind kantonal und auf Gemeindeebene, sei es Wohngemeinde, sei es Heimatgemeinde. Daneben gibt es viele private Stiftungen, die ich zu Beginn meines Schreibens auch in Anspruch genommen habe.
Gibt es auch Neuauflagen?
Heute nicht mehr so oft. Früher entschied der Verlag, ob er das Risiko eingehen will, eine zweite Auflage zu 2000 oder 4000 Stück zu drucken.
Was kann ein Schriftsteller tun, wenn er keinen Verlag findet?
Dank Internet können Bücher heute als «books on demand» verkauft werden. Damit gibt es keine zusätzlichen Risikokosten. Das Buch wird nur dann gedruckt, wenn es verlangt wird. Es ist die moderne Version des Eigenverlags. Man kann diese Bücher in Kommission geben. Die Buchhandlung hat damit keine zusätzlichen Kosten; sie bezahlt nur die Bücher, die sie verkaufen kann. Ich selber habe sechs Jahre lang vergeblich einen Verlag gesucht und meine ersten drei Bücher, auch den späteren Bestseller «Die Putzfraueninsel», im Eigenverlag veröffentlicht.
Viele Autoren schicken ihr Manuskript einfach an einen Verlag ...
Versuchen kann man das. Illusionen sollte man sich aber keine machen. Ich habe bei meinen Manuskripten zu Beginn ein Haar auf Seite 13 hineingelegt, um nachprüfen zu können, ob das Manuskript vom Verlag überhaupt gelesen wurde. Meistens war es bei der Rückkehr des Manuskripts noch drin.
Es ist aber seltsam, dass Verlage die zugeschickten Manuskripte nicht einmal anschauen.
Nur auf den ersten Blick. Ich kenne einen Verlag, der an die tausend Manuskripte pro Monat zugeschickt bekommt. Für deren Auswertung hat er aber nur drei Angestellte zur Verfügung. Grössere Verlage haben mehr Personal. Aber auch sie gehen heute nur noch selten das Risiko ein, eine unbekannte Autorin aufzubauen und berühmt zu machen. Früher war das der Stolz eines Verlegers.
Ein Schriftsteller wird also nicht einfach entdeckt?
Natürlich gibt es auch heute noch Entdeckungen von Schriftstellern, aber die sind so wahrscheinlich wie die Situation, von der Strasse weg für einen Film engagiert zu werden, um mit George Clooney zusammen zu spielen. Wieder einmal geschehen ist das beim Buch «Tannöd» von Anna Maria Schenkel. Oft wird auch ein Journalist gebeten, ein Sachbuch zu einem bestimmten Thema zu schreiben. Mein Verlag, Nagel & Kimche, macht im Jahr eine bis zwei Neuentdeckungen.
Wie stehen Sie zur Preisbindung, die kürzlich in den eidgenössischen Räten besprochen wurde?
Ich bin sehr dafür, aus mehreren Gründen. Ohne Buchpreisbindung hat es ein freier Buchhändler, der nicht zu einer Kette wie Random House oder Holzbrink gehört, äusserst schwer, mit den tiefen Gewinnmargen der Buchhandelsketten zu konkurrieren.
Was sind die Folgen für die Verlagsgeschäfte, wenn der Buchhandel auf Masse setzt?
Die Buchhandelsketten kaufen nur grosse Stückzahlen von grossen Verlagen. Die Preisbindung muss wieder eingeführt werden, damit kleine Stückzahlen von kleinen Verlagen wieder eine Chance haben. Etwas Neues kann nur im unabhängigen Buchhandel in der Nische entstehen. Es gäbe wieder vermehrt Autorinnen und Autoren, die nicht Mainstream sind. Es wäre auch wieder möglich, als Autor und als Buchhändler mit kleinen Auflagen zu überleben. Preise und Verdienst eines Buchhändlers wären klarer. Die kleinen Buchhändler, die unabhängig sind, könnten wieder besser überleben.
Werden Bücher durch die Preisbindung teurer oder billiger?
Das kann doch nicht das Thema sein. Bücher sind unglaublich billig, wenn wir schauen, was ein Buch ist. Wenn wir den Anstieg des Preises für eine Tasse Kaffee in den letzten zwanzig Jahren anschauen, hat sich der Preis beim Buch praktisch nicht bewegt. Ein gebundenes Buch kostet rund 42 Franken. Das entspricht etwa eineinhalb Kinobesuchen. Das Buch behält der Leser vielleicht 40 Jahre.
Würden Sie als Autorin etwas von der Wiedereinführung der Preisbindung merken?
Nicht als Autorin, aber als Leserin, denn die Vielfalt würde wieder grösser. In letzter Zeit hat es trotz schwieriger Umstände wieder ein paar Wahnsinnige gegeben, die kleine Verlage eröffnet haben. Eine Zeit lang schien es, als ob diese aussterben würden.
Wäre das so schlimm?
Wenn es die kleinen Verlage nicht mehr gibt, habe ich als Leser nur noch die Möglichkeit, in eine Kettenbuchhandlung zu gehen und unter den 50 Bestsellern auszulesen, die dort aufliegen. Für den Buchhandel ist Beratung wichtig. Ich schätze es sehr, von meiner Buchhändlerin zu hören, sie habe im nächsten Monat ein Buch, das mir gefallen würde.
Mit Büchern wird offenbar niemand reich.
Es gibt keinen Bereich, in dem man mit Büchern reich werden kann. Bücher schreiben und verkaufen, das ist Leidenschaft.
Wie wird man eigentlich Schriftsteller?
Ich empfehle, täglich zwanzig Minuten zu schreiben. Einer jüngeren Person rate ich, in Biel die Akademie der Künste zu besuchen. Aber auch diese Schule ist keine Garantie dafür, später ein Autor zu werden. Für eine ältere Person ist es wichtig, sich mit anderen Schreibenden regelmässig zu treffen und auszutauschen, zum Beispiel in Schreibkursen. Ein Gesprächspartner ist wichtig, um sich bewusst zu werden, wie ein Text entsteht.
Das klingt so, als ob man die Schriftstellerei lernen könnte wie die Buchhaltung. Ist sie nicht auch Berufung?
Die Motivation ist Berufung; wenn jemand das Bedürfnis hat, sich schriftlich auf dem Papier auszudrücken. Bin ich mir bewusst, dass ich mit Schreiben kein Geld verdienen kann, und trotzdem bereit, aus Leidenschaft zu schreiben, so fällt es mir leichter, regelmässig zu üben. Das ist für mich das Wichtigste. Es gibt oft Menschen, die vor allem ein Buch schreiben möchten, aber nicht die Freude am Prozess des Schreibens haben. Dieser Drang, täglich zu schreiben, ist etwas, was man nicht lernen kann.
Die Kunst, zu schreiben, scheint eine zähe Arbeit zu sein. Wie gehen Sie beim Schreiben eines Buches vor?
Die Entstehungszeit des Buches zu Beginn ist für mich am wichtigsten. Das ist die kreative Zeit, in der die Geschichte aus den Figuren heraus entsteht. Dafür lasse ich ihr ein halbes bis ein ganzes Jahr Zeit. Danach habe ich den Text bereits zweimal überarbeitet, einmal den Inhalt und dann die Struktur. Die dritte Version gebe ich einer Freundin, die professionelle Lektorin ist, und meiner Agentin beim Verlag, um zwei Stimmen dazu zu hören. Die vierte Version bekommen der Verleger und der Lektor des Verlags. Aufgrund dieser Gespräche gibt es nochmals Überarbeitungen. Erst die sechste oder die siebte Version ist druckreif.
Sie sind einige Jahre in San Francisco gewesen und haben da wahrscheinlich wichtige Erfahrungen gemacht. Braucht es einen solchen Erfahrungshorizont, um literarisch tätig zu sein?
Nein, das ist keine wesentliche Voraussetzung für das Schreiben. Wichtig ist das, was man im Kopf hat. Es gibt Menschen, die behaupten, man müsse eine schwere Kindheit gehabt haben, um zu schreiben. Vielleicht ist es so, dass Menschen, die mit sich rundum glücklich sind, kein Bedürfnis dazu verspüren. Das literarische Schreiben entsteht aus einem Mangel. Es entsteht bei Menschen, die einen «Eggen ab» haben. In diesem «Eggen ab» entsteht das Interessante: Bilder, Dialoge, Sätze drängen auf das Papier.
Sie haben zuerst Buchhändlerin gelernt. Gibt es Tätigkeiten oder Berufe, die das Schriftstellersein fördern?
Ich glaube nicht, dass aus einem Beruf heraus die Fähigkeit zu schreiben plötzlich da ist. Viele, die gerne Schriftsteller geworden wären, sind Buchhändler oder Germanisten geworden. Ich denke, Schriftsteller sein ist im Wunsch angelegt, täglich zu schreiben. Aus einem Beruf kann dieser Wunsch nicht einfach entstehen.
Verbinden Sie ein gesellschaftliches Engagement mit Ihrem Schreiben?
Ja, in meinen Kolumnen nehme ich Stellung zu politischen Fragen, aber nicht in meinem literarischen Schreiben. Ich habe Mühe mit Schriftstellern, die mir als Leserin signalisieren: Achtung, jetzt kommt eine Botschaft. Hin und wieder werde ich von Schulklassen gefragt, weshalb keine normalen Menschen in meinen Büchern vorkommen. Was heisst normal? Zum Beispiel Homosexuelle, die kommen im Leben einfach vor und in meinen Büchern auch.
Sie haben gesagt, Schriftsteller hätten eine Schraube locker. Gibt es so etwas wie ein heilendes Schreiben?
Schreiben kann heilend sein, aber nicht therapeutisch. Der Therapeut versucht, seinen Klienten zu einem besseren Funktionieren im eigenen Leben zu führen. Wer sich in einen Text vertieft, lebt aber nicht einfacher. Schreiben erfüllt ein Bedürfnis, jedoch nicht im therapeutischen Sinne. Eine meiner Teilnehmerinnen kreiste in schweren Gedanken. Ein Therapeut versuchte, sie aus diesen Gedanken herauszuführen. Ich aber sage, hinein in diese Gedanken! Sie sind der Stoff, aus dem Geschichten entstehen. Ob das der Person guttut, weiss ich nicht, denn Schreiben ist keine Therapie. Für mich ist der Text wichtiger als die seelische Verfassung.
Zur PersonMilena Moser wurde 1963 als Tochter einer Psychologin und eines Schriftstellers geboren. Nach einer Buchhändlerlehre schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten. Daneben gründete sie den Krösus Verlag, in dem die «Putzfraueninsel» erschien. Das Buch wurde zum Bestseller. Geschrieben hat sie unter anderem: «Schlampenyoga oder Wo geht's hier zur Erleuchtung?», «Stutenbiss», «Blondinenträume». Im Februar 2010 hat Milena Moser ihr 14. Buch mit dem Titel «Möchtegern» veröffentlicht. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Möriken im Kanton Aargau. Mit Sybille Berg hat sie eine «Schreibschule» gegründet und gibt Schreibkurse für Laien und Schulklassen. |