der arbeitsmarkt | 03/2010 | Text: Miriam Bollhalter
Wie soll der Krise entgegengewirkt werden? Soziologieprofessor Ueli Mäder fordert einen sozialen Ausgleich: Die Schweiz soll sich der Working Poor annehmen. Die unteren Einkommen müssen angehoben werden, und alle Jugendlichen sollen Zugang zu einer Berufsbildung erhalten.
Herr Mäder, wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf Ihr Leben aus?
Ueli Mäder: Ich nehme krisenartige Erscheinungen schon seit den 1970er-Jahren wahr. Die heutige Verschlechterung erlebe ich eher indirekt durch den Kontakt mit Menschen, die auf unterschiedliche Art betroffen sind. Zum Beispiel, weil ihre Kinder keine Lehrstelle finden oder sie den Eindruck haben, ihr Verdienst würde kaum noch ausreichen, um über die Runden zu kommen. Auch stelle ich fest, dass Menschen unsicher und verängstigt sind.
Die Krise an sich kann man nicht sehen. Woran erkennen wir sie?
Die Krise ist ein strukturelles Problem. Zu erkennen ist sie, zum Beispiel, an der zunehmenden Kluft - die einen haben zu wenig, die anderen mehr als genügend Kapital. Die Arbeitslosigkeit ist angestiegen, und das verfügbare Einkommen ist in unteren Lohnkategorien gesunken. Vielen Leuten bleibt heute
einiges weniger in der Tasche.
Ist eine Kluft auch in den Reaktionen der von der Finanz- und Wirtschaftskrise Betroffenen zu erkennen?
Die Auswirkungen sind unterschiedlich: Menschen, die über viele Ressourcen verfügen - finanziell, die eine gute Ausbildung haben, die sozial gut vernetzt sind - haben generell mehr Spielraum. Diese Menschen haben auch zu Krisenzeiten andere Ängste und Möglichkeiten als diejenigen, die bereits davor mit dem Rücken zur Wand gestanden sind. Verschlechtert sich die Situation, wird sie zum Teil bedrohlich für Menschen, die schon vorher um ihre Existenz härter kämpfen mussten. Hier ist die Situation vor allem auch für ihre Kinder prekär.
Krisen gab es in der jüngeren Geschichte genügend ...
Seit den 1970er-Jahren stellen wir strukturelle Erscheinungen fest, wie ein Anstieg der Arbeitslosigkeit. Im Durchschnitt stiegen die Löhne zwar, aber das, was Menschen tatsächlich übrig bleibt, ist bei vielen zurückgegangen, vor allem bei unteren Einkommen. Das so genannte verfügbare Einkommen - wenn wir die Ausgaben für Steuern und Versicherungen wie auch Miete abziehen - ist für die Beurteilung der Situation ausschlaggebend.
Was ist an der jetzigen Krise neu?
Neu an dieser Krise ist, dass sie im Kontext eines enormen Reichtums stattfindet. Das Kapital hat sich in der Schweiz und im globalen Kontext enorm konzentriert. Wir laufen Gefahr, dass die Gegensätze autoritäre Kräfte stärken. Auch hält unser System der sozialen Absicherung mit dem Wandel der Lebensformen nicht Schritt. Es orientiert sich an Voraussetzungen, die je länger, desto weniger zutreffen: an der klassischen Familie, an der klassischen Erwerbsbiografie - wer einmal Arbeit hat, hat sie aber nur scheinbar bis zur Pensionierung. Neu ist für mich auch, was im Bereich der beruflichen Mobilität zu beobachten ist. Am stärksten findet diese bei den mittleren Einkommen statt. Bis vor etwa zehn Jahren haben Menschen aus der Mittelschicht durch den Jobwechsel in über 90 Prozent der Fälle ihr Haushaltseinkommen erhöht. Heute haben wir hier die höchsten Abstiege.
«Alles Leben ist Problem lösen.» Mit diesem Ansatz erklärte der Philosoph Karl Popper teilweise die Welt. Hilft die herrschende Krise, Probleme zu lösen?
«Krise als Chance» ist eine Floskel. Leute, die gut mit Ressourcen ausgestattet sind, können in der verschlechterten Lage eher einen konstruktiven Ausweg finden. Für viele sozial Benachteiligte ist die Krise hingegen eine grosse Gefahr. Entweder zieht man sich zurück oder investiert fluchtartig viel in Tätigkeiten, die kaum weiterführend sind.
Und wie trägt die Politik zur Lösung der Probleme bei?
Wenn ich Politiker anschaue, kommt es mir vor, als wollten viele die Probleme mit den Mitteln lösen, die diese verursacht haben.
Also bedeuten Krisen nur Verschlechterung?
Nicht unbedingt. Man muss Entwicklungen über einen längeren Zeitraum anschauen und einräumen, dass es, trotz Krisen, auch enorme Errungenschaften gegeben hat: In den letzten hundert Jahren hat sich in der Schweiz die Lebenserwartung verdoppelt; die Zeit, die wir mit der Lohnarbeit verbringen, hat sich von einem Drittel der Lebenszeit auf etwa zehn Prozent reduziert. Und die Reallöhne haben sich in hundert Jahren verachtfacht. An nur diesen drei Indikatoren gemessen kann man sagen, dass - trotz Krise - die Chancen, Lebensqualität zu realisieren, selten so gut waren wie heute. Die Kehrseite dieser These ist allerdings diejenige, dass diese Chancen selten so bedroht gewesen sind wie heute.
Universitäten speichern tonnenweise Wissen. Die meisten Probleme sind längst erkannt. Leider führen einschneidende Ereignisse nicht immer zu Reformen. Verkürzt diese Krise die Distanz zwischen Erkenntnis und Handeln?
Wir haben in früheren Armutsstudien beispielsweise Ergänzungsleistungen für Familien mit Kindern gefordert. Die Umsetzung lässt leider auf sich warten. Aber zum Glück kommt die Caritas immer wieder darauf zurück. Es dauerte ja auch lange, bis sich die Mutterschaft versichern liess. Heute wollen nun viele die sozialen Regulative stärken. Vielleicht verlangen sie das nur verbal. Ich bin jedenfalls gespannt, was daraus wird und ob die Krise die Bereitschaft wirklich erhöht, Veränderungen vorzunehmen.
Zu Ihrem Forschungsgebiet gehört neben der Armut auch der Reichtum. Wie erleben die Privilegierten die Krisenzeit?
Bei der Reichtumsstudie, die unser Institut zurzeit durchführt, fällt mir auf, dass auch einflussreiche Persönlichkeiten aus der Wirtschaft teilweise Angst haben, was kommen könnte, wenn es so weitergeht. Bedroht fühlen sich Wohlhabende durch rechtspopulistische, fundamentalistische Strömungen, die akute Verunsicherungen ausnutzen könnten. Diese Sorge ist ein Zeichen, das mich etwas zuversichtlich stimmt. Wenn die Wirtschaft kein politisches Korrektiv hat, wird es immer schwieriger, gemeinsam soziale Verbindlichkeiten auszuhandeln. Da müssen beide Seiten irgendwann gemeinsam über die Bücher gehen. Weil es ansonsten nur Lösungen geben wird, bei denen alle Parteien zu den Verlierern gehören.
Wie reagieren die Reichen auf den Verlust der Vermögenswerte?
Ich kann nicht von «den Reichen» sprechen, aber in manchen Fällen, die mir bekannt sind, reagieren Reiche mit einer narzisstischen Verletzung, indem sie sich fragen: «Wie konnte mir das passieren, und wieso habe ich trotz mulmigem Gefühl nicht früher reagiert und weiterhin auf die UBS gesetzt?» Das Gefühl, Vertrauen verloren und versagt zu haben, wiegt oft stärker als der Verlust des Geldes.
Wie würden Sie die heutigen Missstände wie Unsicherheit, Angst und sozialen Abstieg regulieren, damit die Krise nicht in eine Katastrophe mündet?
Wir dürfen nicht zulassen, dass uns die Krise wie das Damoklesschwert über dem Kopf permanent bedroht, mit Angst besetzt und zur Flucht nach vorne treibt. Sie darf uns nicht die Wahrnehmung für die Realität rauben. Wir haben Erwerbslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, manche Leute werden ausgesteuert. Gleichzeitig haben wir eine der höchsten Erwerbsintegrationen - rund 80 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung hat Arbeit. Oft zwar Teilzeit, oft zu wenig Arbeit, aber immerhin. Im internationalen Vergleich stehen wir recht gut da. Wir müssen Sorge tragen zu dem, was vorhanden ist. Aber auch die Arbeit und den Erlös besser verteilen.
Braucht eine weltweite Krise eine weltweite Lösung? Sehen Sie einen Ausweg in einer einheitlichen Lösung, oder sollen sich die einzelnen Länder je auf die eigene Art erholen?
Ich finde es wichtig, vorhandene Kooperationen auszubauen und vor allem die Einrichtungen der Vereinten Nationen zu stärken, damit sie handlungsfähiger werden und verbindliche Richtlinien ins Leben rufen und diese zugunsten von sozial Benachteiligten durchsetzen können. Die Positionen, die die Schweiz bei internationalen Verhandlungen einnimmt, sind zum Teil betrüblich, da sie vorwiegend auf die eigenen Privilegien bedacht ist.
Was genau meinen Sie?
Wir verdanken unsere Industrialisierung zum Teil dem Umstand, dass wir lange die dazu notwendigen Rohstoffe fast zum Nulltarif erhalten hatten. Die Terms of Trade - das reale Austauschverhältnis der importierten und exportierten Güter - haben sich seit den 1980er-Jahren tendenziell enorm zu Gunsten der westlichen Industrieländer entwickelt. Wenn die Preisentwicklung der Rohstoffe nicht an jene der industriell gefertigten Güter angepasst wird, kann kein sozialer Ausgleich stattfinden. Wir geniessen zum Beispiel jeden Tag den Kaffee. Am anderen Ende - auf der Seite der Hersteller - tun Menschen sehr viel dafür, verdienen aber sehr wenig.
Was kann die Schweiz tun, um die Krise in den Griff zu kriegen?
Zunächst müssen wir Probleme wahrnehmen wollen. Zum Beispiel die Situation der Working Poor. Das Bundesamt für Statistik zählt nur jene, die mindestens 90 Prozent erwerbstätig sind. Es vernachlässigt die betroffenen Kinder und die Alleinerziehenden, die sich beruflich nur in Teilzeit engagieren können. So wird Armut wegdefiniert. Auch bei den Unterbeschäftigten. Sie haben sich in den letzten fünf Jahren auf über 400 000 Personen verdoppelt. Offiziell sind es aber viel weniger, weil nur jene zählen, die in der Lage sind, in drei Monaten eine volle Stelle anzunehmen. Wichtig ist aus meiner Sicht der soziale Ausgleich. Wir müssen vordringlich die unteren Einkommen anheben und allen Jugendlichen eine Berufsausbildung ermöglichen.
Wie nehmen die Benachteiligten hierzulande ihre Situation wahr?
Ich stelle fest, dass viele im Gegensatz zu früher weniger schicksalsergeben reagieren und nicht einfach sagen: Ich bin halt selber schuld; wenn ich mich mehr angestrengt hätte, wäre ich jetzt besser dran. Bei etlichen verkehrt sich die Resignation in Wut auf Abzocker. Das kann im Idealfall dazu führen, sich mehr für eigene Interessen einzusetzen. Die Empörung kann aber auch dazu verleiten, Halt bei populistischen Kräften zu suchen.
In Deutschland kennt man die Tendenz zur so genannten Armutskarriere - zu einer Lebenslaufbahn als Sozialhilfeempfänger, die von jungen, gesunden Menschen bewusst angestrebt wird. Wird in der Schweiz die Armut ähnlich vererbt?
Dieser Umstand wird bei uns banalisiert, indem man Armut als Übergangszustand deklariert. Oft übernehmen Kinder aber die Symptome von armutsbetroffenen Eltern. Sie entwickeln zum Beispiel Schulschwächen und verlieren an Selbstwert. Das hat dann Langzeitfolgen. Und später geben Kinder die erlittenen Mängel ihrerseits weiter.
Als entscheidende Dimension bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit und des sozialen Abstiegs überhaupt erwies sich bei diversen Studien über Arbeitslose die Fähigkeit, Pläne und Hoffnungen für die Zukunft zu bewahren. Wie schätzen Sie diesbezüglich die Entwicklung ein, worauf dürfen Arbeitslose in der Schweiz hoffen?
Perspektiven sind enorm wichtig. Armut hat nicht nur materielle Dimensionen. Ich wünsche mir eine solidarische Gesellschaft, die ernsthaft versucht, die Kluft zwischen Arm und Reich zu beheben. Wir müssen uns dabei auch mehr fragen, was eigentlich wichtig im Leben ist. Geht es vorwiegend darum, dass alles schneller dreht? Oder gibt es noch andere Werte?
Andersherum: Was hindert die wirtschaftlich Schwachen daran, auf bessere Zeiten zu hoffen?
Die Privilegierten, die nur daran denken, die vordergründige Effizienz zu steigern. Ich denke zum Beispiel an jenen Bundesrat, der relativ kurz nach einem Herzstillstand in der Fernsehsendung «Arena» auftritt und seinen Erfolg seinen Anstrengungen zuschreibt. Es ist kontraproduktiv, wenn sich Menschen so darstellen, als wären sie rund um die Uhr erfolgreich. So fühlen sich
andere eher als Versager. Viel menschlicher und hilfreicher wäre es, zuzugeben, dass uns alle irgendwo der Schuh drückt. Es wäre auch wichtig, den Benachteiligten kein schlechtes Gewissen zu machen mit den angestiegenen Soziallasten. Die Wahrheit ist, dass die Einnahmen der Sozialwerke wieder stärker gestiegen sind und wir immer noch eine positive Differenz von 25 Milliarden Franken haben. Zudem sind die Ausgaben seit dem Jahr 2004 im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt zurückgegangen. Und das ist hier die entscheidende Grösse. Zudem haben die Sozialausgaben eine hohe Wertschöpfung. Renten rentieren. Aber sie wären auch sonst wichtig.
Nachdem die Rahmenfrist für die Leistungen der Arbeitslosenversicherung verstrichen ist, bleibt vielen nur der Gang zum Sozialamt. Dieses Jahr erlebt die Schweiz seit dem Beginn der Finanzkrise die erste Welle von Ausgesteuerten. Ist unser Land darauf vorbereitet?
Zu wenig. Die Sozialwerke waren zu Sparmassnahmen um jeden Preis gezwungen und verhielten sich unter diesen schwierigen Umständen zu wenig vorsorglich.
Welche konkreten Gefahren kann dies bedeuten?
Jetzt fehlen teilweise die Reserven.
Die Arbeitslosenzahlen steigen weiter, die Arbeitgeber sind am längeren Hebel. Wie sieht die Lage für die Arbeitnehmenden zurzeit aus?
Angestiegen ist zum Beispiel die Bereitschaft, auch schlechte Konditionen in Kauf zu nehmen, damit man überhaupt eine Arbeit hat. Um das Einkommen zu erhöhen, akzeptieren viele prekäre, das heisst sozial schlecht abgesicherte Arbeit. So ist mittelfristig oft ein Abstieg programmiert. Ich habe gerade mit einem Schichtarbeiter in einer grossen Bäckerei gesprochen, der trotz intensiver Arbeit nur am Samstagabend frei hat. Das reicht zur Erholung nicht aus. Kaum jemand getraut sich aber etwas dagegen zu sagen, wenn andere Schlange stehen für diesen Job. So werden Menschen unter einen Druck gesetzt, der auch krank machen kann.
Aktuell ist die Armutsdiskussion. Die Caritas will bis 2020 die Armut in der Schweiz halbieren. Halten Sie dieses Vorhaben für realistisch?
Dafür müsste viel passieren. Aber warum die Armut nur halbieren? Es geht doch darum, sie ganz zu bewältigen. Die reiche Schweiz kann sich das erlauben. Das System der sozialen Sicherheit müsste - nebst Anstrengungen in der Wirtschaft - an die veränderten Lebensformen angepasst werden. Alle Haushalte benötigen ein existenzsicherndes Einkommen. Eine Gesellschaft entwickelt sich gut, wenn es allen Mitgliedern gut geht.
Was halten Sie von Menschen, die die Frage, ob und wie sie von der herrschenden Krise betroffen sind, mit «überhaupt nicht», «gar nicht» oder «merke ich gar nicht» beantworten?
Ich denke schon, dass es Menschen gibt, die glauben, dass sich die Krise nur in den Medien abspielt. Aber jede zehnte Person ist zurzeit entweder erwerbslos, aus psychischen Gründen IV-abhängig, auf Sozialhilfe angewiesen oder Working Poor. So kennen wohl viele in ihrem Umfeld eine Person, die betroffen ist. Das kann die Sicht schon ändern und die Bereitschaft fördern, die Probleme anzugehen.