der arbeitsmarkt | 03.02.2010 | Text: Michael Helbling
mh. Die Philosophin und Ökonomin Christine Ax fordert in ihrem neuen Buch einen Umbau der Wirtschaft und ein anderes Verständnis von Arbeit – weg von der Wissens- hin zu einer Könnensgesellschaft.
«Die Arbeit als wichtigstes kulturelles Vermögen der Menschheit muss von den Zwängen eines Systems befreit werden, das keine sozialen und ökologischen Grenzen kennt und akzeptiert.» Christine Ax fordert in ihrem aktuellen Buch «Die Könnensgesellschaft» ein Umdenken im Umgang mit Arbeit. Unter dem Titel «Warum gute Arbeit reich macht. Von der Wissensgesellschaft zur Könnensgesellschaft» sprach die Philosophin und Ökonomin im Rahmen des Januarapéros im «Lernwerk» in Baden. «Lernwerk» ist ein unabhängiger Verein, der sich für die Integration auf dem Arbeitsmarkt stark macht.
Zentraler Begriff im Schaffen von Ax ist die «gute Arbeit». Darunter versteht sie Arbeit, die ihren Lohn in sich selbst trägt und durch das Handwerk versinnbildlicht wird. Gemeint ist weit mehr als die Tätigkeit eines Schreiners oder Maurers. Handwerker können geradeso gut Künstler oder Unternehmer sein. Ax geht es weniger um eine genaue Berufsbezeichnung als um den Bezug zur Arbeit: Im Vordergrund steht für ihren idealen Handwerker «sein hohes Arbeitsethos, das den Herstellungsprozess und das Ergebnis ganzheitlich umfasst.» Er findet Erfüllung in seinem Tun. Das wirtschaftliche Fortkommen, insbesondere der mit Geld gemessene Gewinn, ist Begleitumstand und nicht Triebfeder.
Dieses Handwerksverständnis stehe für «selbstbestimmtes Leben und Arbeiten, für Autonomie und Autarkie», weil es eine Art von Leben und Wirtschaften ermögliche, das ganzheitlich sei, sich einer demokratischen Kontrolle nicht entziehe und die Arbeit in einen überschaubaren Kontext zurückführe. Um Arbeit so zu begreifen, sei es notwendig, dass sich der Mensch nicht als «Animal laborans» (als Mensch also, der lediglich die Notwendigkeiten des Lebens bewältigt), sondern als «Homo faber» (als Hersteller und Gestalter) wahrnehme. Ax schlug damit den Bogen zur deutsch-amerikanischen Gelehrten Hannah Arendt, die in den 1960er-Jahren postulierte, Arbeit bestehe darin, die Welt zu gestalten.
Aktuell seien wir aber weit weg von einem solchen Ideal. Die Krise der Arbeitsgesellschaft sei auch eine Krise der Konsumgesellschaft, weil das masslose Konsumverhalten die Arbeit entwerte und ihr die Würde nehme. Konsum in diesen Dimensionen ermögliche keine Erfüllung sei daher Ausdruck einer seelischen Not: «Wir müssen kaufen, weil es uns das Gefühl gibt zu existieren.» Descartes' Maxime «Ich denke, also bin ich» wird zur Farce, indem sie zu «Ich kaufe, also bin ich» umgedeutet wird.