der arbeitsmarkt | 07/2009 | Text: Doris Braun

Supermärkte der anderen Art

Noch vor wenigen Jahren brachte niemand den Namen Caritas mit Lebensmitteln oder Hygieneartikeln in Verbindung. Heute bieten schweizweit 18 Caritas-Märkte günstige ­Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätze für armutsbetroffene Menschen.

Betritt man den Caritas-Markt in Zürich-Oerlikon, wähnt man sich kaum in einem Laden, dessen Mitarbeitende sich aus Arbeits­losen rekrutieren und dessen Kunden am Existenzminimum leben. Das Erscheinungsbild der Caritas-Märkte ist weit weg von dem eines unappetitlichen Billigdiscounters. Die Kundinnen und Kunden erwartet ein heller, gepflegter Laden und aussergewöhnlich fröhliches und freundliches Personal. Einzig die Osterhasen und Schoggieier im Mai irritieren.
Annamaria Kambi arbeitet seit der Eröffnung vor drei Jahren im Laden in Zürich-Oerlikon. Die 52-jährige Hotelfachfrau aus Kenia verlor ihre Stelle am Flughafen Kloten im Zuge der Swissair-Pleite. Nach drei Jahren Arbeitslosigkeit landete sie beim Sozialamt und nahm das Angebot, im Caritas-Markt in ihrem Quartier zu arbeiten, gerne an. Ohne jegliche Erfahrung im Detailhandel hat sie dort viel gelernt und erledigt heute Verkauf, Kasse, Kundenberatung und Abrechnungen. Arbeit ist für Annamaria Kambi sehr wichtig und die Abwechslung macht ihr Freude. «Mein Mann arbeitet zwar, der Verdienst aber würde zum Leben kaum reichen. Doch es geht nicht nur um das Geld. Jetzt fühle ich mich nützlich.»

Der Umsatz der ­Läden stieg 2008 um 50 Prozent

Ähnliche Geschichten erzählen viele Mitarbeitende in Zürich-Oerlikon, wo ausnahmslos Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger beschäftigt sind. «Oft sind es alleinerziehende Mütter, mehrheitlich mit Migrationshintergrund, die keine Verwandten in der Schweiz haben und finanziell auf sich gestellt sind», erklärt Marco Callegari, Betriebsleiter des Caritas-Markts Oerlikon. «Neue Mitarbeiterinnen trauen sich am Anfang gar nichts zu sagen. Dann geht es vor allem darum, sie aus der Isolation zu holen und ihnen eine Tagesstruktur zu geben.»
Zurzeit sind sechs bis acht Mitarbeitende im Teillohnprojekt in Oerlikon beschäftigt. In Winterthur arbeiten aktuell drei Personen im Teillohnprojekt. Caritas beteiligt sich in den Städten Zürich und Winterthur an den Lohnkosten. Caritas Zürich zahlt somit jährlich 20 000 bis 30 000 Franken pro Laden. Die Anstellung ist unbefristet, Ziel ist jedoch der Wiedereinstieg arbeitsloser Sozialhilfebezüger in den ersten Arbeitsmarkt. Für einige Frauen ohne Ausbildung, die sich vorwiegend der Erziehung der Kinder und dem Haushalt gewidmet haben und nach einer Scheidung mittellos dastehen, bedeutet sie den Eintritt in die Arbeitswelt.
Die Nachfrage nach billigen Waren ist zweifellos vorhanden. Der Umsatz ist in ­Oerlikon in den letzten drei Jahren von 10 000 auf 40 000 Franken pro Monat gestiegen. Ein Wachstum ist in allen Caritas-Märkten der Schweiz zu verzeichnen. Im Jahr 2008, so Rolf Maurer, Geschäftsleiter Genossenschaft Caritas-Markt, konnte der Umsatz gesamtschweizerisch von 4,2 auf 6,3 Millionen Franken gesteigert werden. Das ist ein Plus von rund 50 Prozent. Das hat weniger mit der aktuellen Krise zu tun als vielmehr mit dem zunehmenden Bekanntheitsgrad der Läden und der generell gestiegenen Nachfrage nach billigen Waren. Für Maurer ist der Umsatzerfolg dennoch kein Grund zur Freude: «Er gründet schliesslich auf einer steigenden Zahl von Armutsbetroffenen.»
Es gibt in den Städten und Agglomeratio­nen der Deutschschweiz und der Romandie bisher 18 Caritas-Märkte, die alle ein breites und konstantes Sortiment anbieten. Weitere Standorte sind geplant. Rolf Maurer erklärt, dass die Caritas konkrete Projekte in der Region Zug, in Freiburg und Sursee verfolgt.
Einkaufen im Caritas-Markt darf, wer eine Berechtigungskarte hat. Das ist im Kanton Zürich die von Caritas ausgestellte «Kulturlegi», von der rund 4300 im Umlauf sind. Allein in der Stadt Zürich sind es nach Schätzungen von Katja Walser, Leiterin Kulturlegi Kanton Zürich, aktuell etwa 2700. Daneben gibt es auch die Caritas-Einkaufskarte, die aber auf andere Vergünstigungen, wie sie die Kulturlegi gewährt, verzichtet und in deutlich geringerer Zahl im Umlauf ist. Ob Kulturlegi oder Einkaufskarte, bezogen werden können sie nur unter bestimmten Vor­aussetzungen. Berechtigt sind Personen, die Sozialhilfe oder Asylfürsorge beziehen, sowie Personen, die in der höchsten oder zweithöchsten Kategorie der Krankenkassenverbilligung eingestuft sind. Auch ein Stipen­dium oder eine Lohnpfändung gelten als Nachweis, dass nur ein tiefes Einkommen zur Verfügung steht. In der Schweiz muss man von zehn Prozent der Bevölkerung oder 750 000 Personen ausgehen, die von Armut betroffen sind. Nach Schätzungen von Rolf Maurer kaufen davon je nach Region bis zehn Prozent in Caritas-Märkten ein.

Im Validierungsverfahren erhält die Erfahrung einen Wert

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu einem Arbeitseinsatz im Caritas-Laden zu kommen. Waren die Mitarbeitenden zu Beginn meistens Freiwillige, rekrutieren sie sich heute aus Ausgesteuerten und Sozialhilfeempfängern, die in Teillohnprojekten arbeiten, oder aus Arbeitslosen, die bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet sind und einen Einsatz im Rahmen eines Programms zur vorüber­gehenden Beschäftigung (PvB) leisten. Ausschliesslich mit Freiwilligenarbeit wären die Aufgaben heute gar nicht mehr zu ­bewältigen.
Die Anstellungsverhältnisse unterscheiden sich je nach Standort. Zürich-Oerlikon arbeitet zum Beispiel mit dem Teillohnprojekt mit unbefristetem Vertrag. Winterthur kennt zudem das PvB mit einer Einsatz­dauer von maximal sechs Monaten. Beide Modelle werden dort parallel angewendet. Besonders das Beschäftigungsprogramm verzeichnet bemerkenswerte Erfolge. Hildegard Bahnsen, Leiterin des Caritas-Markts Winterthur, nennt das Beispiel einer Hausfrau, die früher einmal eine Schneiderlehre absolviert hatte und nach ihrer Scheidung auf Sozialhilfe angewiesen war. Nach nur einem Monat im Laden fand sie eine Stelle bei einem Unternehmen für Pharmahilfsmittel. Auch dort spielen Anforderungen, wie sie im Detailhandel wichtig sind, eine Rolle: hygieni­sches, keimfreies Arbeiten und eine gepfleg­te Erscheinung. «Das ist natürlich ein Glücksfall», erklärt Bahnsen, «aber die Arbeit in unserem Laden hat schon manchen nach relativ kurzer Zeit geholfen, eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt zu finden.»
Die Chancen für den Eintritt in den ers­ten Arbeitsmarkt sind von der Person und von der Wirtschaftslage abhängig. Sie sind so unterschiedlich, dass zum Beispiel im Kanton Zürich auch verschiedene Möglichkeiten geprüft werden, wie die Mitarbeitenden noch besser unterstützt werden können. «Wir wollen sie fördern, damit sie den Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt schaffen», sagt Christina Jetzer, Leiterin der Abteilung Projekte der Caritas Zürich. «In diesem Sinne investieren wir auch in Bildungsarbeit. Wir verfolgen die Idee, unsere Leute auf ein ­Validierungsverfahren vorzubereiten.» Die Validierung von Bildungsleistungen heisst auch, der persönlichen Erfahrung einen bestimmten Wert zu geben. Es handelt sich dabei um eine berufliche Ausbildung mit einem eidgenössisch anerkannten Fachausweis. «Wir schauen, was eine Person an Kompetenzen und bei uns im Verkauf erworbe­nem Wissen mitbringt», erklärt Jetzer.

Bildungsbausteine und Atteste für erworbene Kompetenzen

Es geht darum, abzuklären, was indi­viduell nachgeholt werden kann und muss, um ­einen Abschluss zu erlangen, sei es ­Schule oder Berufspraktikum. Die Abteilung Projekte der Caritas bleibt am Ball, damit diese Pläne so bald wie möglich umgesetzt werden ­können. Christina Jetzer bekennt: «­Unsere Mitarbeitenden sind gute Arbeitskräfte, und wir wollen sie weiter begleiten, damit sie fit für den ersten Arbeitsmarkt sind.» Solche Wege dauern oft etwas länger, die persönliche Situation darf nicht ausser Acht gelassen werden.
Im Aufbau befindet sich auch ein Unterstützungsangebot in bescheidenerem Rahmen. Mit Bildungsbausteinen sollen sich die Mitarbeitenden ihre Kompetenzen attes­tieren lassen können, ohne dass es sie etwas kostet, zum Beispiel in Bereichen wie «­Lebensmittelgesetz», «Warenkunde» oder «Führen von Kundengesprächen». In der Situ­ation, in der sich die meisten der Mitarbeitenden befinden, wäre eine mehrjährige Ausbildung gar nicht möglich. Die Bestrebungen der Caritas zur Validierung sind ­zukunftsgerichtet und basieren auf einem modularen Verfahren.
Dass die Unterstützung, die den Caritas-Mitarbeitenden zuteil wird, zum Erfolg führen kann, zeigt ein Beispiel aus Oerlikon. Der Markt befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Coop, und in Personalfragen besteht ein partnerschaftlicher Austausch. Vor wenigen Monaten hat ein Mitarbeiter von Marco Callegari die Caritas verlassen und eine Stelle bei Coop angetreten. Ein Integrationserfolg, der den Betriebsleiter besonders freut.

 
 
 

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