Montag, 01.02.2010
Bern (sda) Spitäler in Industrieländern sollen Personal nicht mehr ohne weiteres aus armen Ländern abwerben können. Seit fünf Jahren arbeitet die WHO an einem entsprechenden, freiwilligen Kodex. Die Schweiz unterstützt das Ansinnen zwar, hat aber Vorbehalte.
Diese Vorbehalte haben Medicus Mundi Schweiz (MMS) auf den Plan gerufen, ein Netzwerk von 43 Organisationen, die in der internationalen Gesundheitszusammenarbeit tätig sind. Der Kodex sieht vor, dass die Länder Gesundheitspersonal vermehrt selbst ausbilden und Herkunftsländer abgeworbener Fachleute im Rahmen des Möglichen entschädigen.
"Wir haben den Eindruck, dass das Bundesamt für Gesundheit (BAG) vor allem den Punkt, wonach die Länder ihr Personal möglichst selbst ausbilden und im Arbeitsmarkt halten sollten, nicht mittragen will", sagte Martin Leschhorn, Mitglied der MMS-Geschäftsleitung, auf Anfrage.
In den freien Markt solle offenbar nicht eingegriffen werden, was dann aber die im Kodex vorgeschlagenen Kompensationsmechanismen zu Gunsten der Gesundheit in armen Ländern umso notwendiger mache. Eine Unterstützung der dortigen Gesundheitssysteme brauche es unbedingt.
In der Schweiz wird jedes Jahr ein Drittel zu wenig Gesundheitspersonal ausgebildet. Dies haben die Gesundheitsdirektoren der Kantone und die Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit (OdASanté) im Dezember errechnet.
Jean-Daniel Biéler von der Abteilung Internationales im Bundesamt für Gesundheit (BAG) überrascht die Kritik von MMS. Die Schweiz habe die Ziele des Kodex von Anfang an unterstützt. Sie wünsche sich aber Präzisierungen, um den Kodex anwenden zu können.
Die Schweiz brauche eine Übergangsfrist, um Vorgaben des Kodex zur Ausbildung umsetzen zu können. Und es müsse klar sein, welche Verluste armen Ländern entstünden, wenn sie Gesundheitsfachleute verlieren und wie diese bemessen würden. "Wir müssen aber auch wissen, was die WHO als Kompensation dieser Ausfälle versteht".
Biéler ist zuversichtlich, dass die Fragen im Mai im Rahmen der Weltgesundheitsversammlung geklärt werden und der Kodex dann verabschiedet werden kann. Dann müsse die interne Arbeit beginnen. Biéler hat festgestellt, dass das Interesse aller Beteiligten am Kodex sehr gross ist.
Eine departementsübergreifende Arbeitsgruppe untersucht derzeit statistische Angaben, Herkunft und Ziele der Migranten und die Praxis der Rekrutierung sowie die Leistungen der Schweiz zu Gunsten der Gesundheitssysteme der ärmsten Länder. Das BAG erwartet Ergebnisse bis im Sommer.
Ausländische Angestellte in Schweizer Spitälern sind meist Deutsche oder Franzosen. "Ärzte und auch Pflegefachleute kommen zu uns, ohne dass sie direkt angeworben werden, weil die Löhne und Arbeitsbedingungen der Schweiz attraktiv sind", sagt Biéler dazu.
Probleme werde es geben, wenn Herkunftsländer ihren Fachleuten auferlegen würden, nach der Ausbildung eine Zeitlang im Land zu arbeiten, um eigene Lücken zu füllen. Dann müssten die Arbeitgeber auf neue Personalressourcen zurückgreifen können - Biéler nennt die Ausbildung das grösste Schweizer Problem. In den Kantonen liefen bereits Gespräche.
Der Spitalverband H+ hat zum Kodex noch nicht formell Stellung genommen, wie Direktor Bernhard Wegmüller sagte. Mit einer eigenen Bildungsstrategie wolle H+ dafür sorgen, dass die Schweiz genügend Personen in Spitalberufen ausbilde, und das "unabhängig davon, ob der Kodex zustandekommt."
Laut Wegmüller arbeiten in Schweizer Spitälern landesweit 25 bis 30 Prozent Ausländerinnen und Ausländer; weitaus die meisten sind Deutsche. Weitere Herkunftsländer seien Frankreich, Italien und Kanada. Aus anderen Ländern komme nur sehr wenig Personal.